Ein Hallen in der grünen Kathedrale

Der «Green Metal» von Botanist ist ein wucherndes Gesamtkunstwerk. Lyrisch handelt er vom Paradies als posthumanistische Pflanzenwelt. Live stösst der Versuch, Black Metal auf einem Hackbrett zu spielen, an seine Grenzen.

_MG_0360Grüne Kathedrale im Urban Spree: Botanist definieren ihren «Green Metal» auch in negativer Identität zum Black Metal

Wie das nun alles gemeint war, ist auch nach über einer Stunde «Green Metal» noch nicht klar. Die grüne Messe begann wie eine schwarze. In braune Mönchsroben gehüllt betraten vier Gestalten die Bühne, und wenn da nicht schütteres Laub statt Knochen und Eisen vor der Brust der Frontgestalt baumeln würde, gingen Botanist visuell als Mayhem-Klon durch. Dazu schienen zunächst auch die musikalischen Insignien zu passen: Blastbeats, hohes Kreischen, flirrende Melodien. Einerseits bedient sich die Band aus San Francisco grosszügig bei der Symbolik und Ästhetik des Black Metal. Auch der schon im Namen anklingende Naturfetisch ist nicht ungewöhnlich für das Genre und erinnert an alte und zeitgenössische Grössen wie Ulver oder Wolves in the Throne Room. Eine hinter die Band projizierte Fotografie von einem Waldstück tauchte den kahlen Betonraum im Urban Spree in Berlin während des Konzerts in grünes Licht. Ein starker atmosphärischer Effekt, wäre der Beamer nicht dauernd in den Standby-Modus gefallen. Dann erlosch der satt leuchtende Wald und das Samsung-Logo waberte über die Wand.

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Wortschöpfungen wie «Green Metal» oder «Eco Terrorist Black Metal» und die Ersetzung der Gitarre durch eine Art Hackbrett und ein Harmonium legen nahe, dass Botanist auch Konzeptkunst ist, die es nicht so genau nimmt mit dem Zorn Satans, den viele Black-Metal-MusikerInnen als authentischen Ausdruck innerer Dunkelheit verstanden haben wollen. In der Online-Enzyklopädie «Metal Archives» haben Botanist denn auch keinen Eintrag, was angesichts genretypischer Stilmittel wie Blastbeats, Screams und flirrenden Melodiewänden doch etwas absurd anmutet. Auch, dass «Metal-Riffs», die von der Website unabhängig von der Instrumentierung als zentrales Kriterium für die Berücksichtigung angegeben werden, fehlen, trifft für Botanist nicht mehr zu als für eine Band wie Liturgy, die unter dem Tag «Experimental Black Metal» in jenem Katalog geführt wird.

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Ein Hackbrett ersetzt bei Botanist die Gitarre

Wie sieht es in konzeptueller Hinsicht aus mit Black Metal? Denn zumindest wenn man die Website der von Multiinstrumentalist Otrebor als Soloprojekt gegründeten Band betrachtet, springt einem der heilige Ernst entgegen, mit dem das ökologische Manifest über die wegen der Zerstörung der Natur dem Untergang geweihte Menschheit daherkommt. Die Hauptrolle in der semi-fiktiven Rahmengeschichte spielt eben der Botanist, ein verrückter Wissenschaftler («a crazed man of science»), der sich in sozialer und ökonomischer Abgeschiedenheit in seinem Verdant Realm mit Pflanzen umgibt und auf einem Thron aus Kaplilien, in Südafrika heimischen, prachtvollen Blumen, auf den jüngsten Tag der Klimaapokalypse wartet. Um vielleicht doch noch Zeuge der Rückeroberung der grau gewordenen Welt durch die Pflanzen werden zu können, arbeitet er daran, selbst zur Pflanze zu werden – so legen es zumindest einige der filigran gezeichneten Artworks von Botanist nahe. Am Ende der Erzählung von «der Natur» als Residuum des unverdorbenen Göttlichen heisst es: «(…) if we annoy the Earth enough, the Earth will kill us and move on.» So grün, so schwarz, könnte man meinen. Die bisweilen ins Ökonationalistische kippende Obsessionen mit der ursprünglichen Unverfälschtheit und Eintracht von Urnatur und Urkultur haben im Black Metal Tradition und nach wie vor Konjunktur. Botanists Dystopie, die der Botanist noch als Paradies erreichen will, überholt diese Paläoromantik auf der futuristisch-posthumanistischen Spur.

Es fehlt die Gewalt
So ausgefeilt und atmosphärisch brillant die Kompositionen von Botanist auch sind, live drängt sich die Frage auf, ob sie überhaupt zum Metal taugen. Anders als auf den Alben, wo sich die Hackbrett-Kaskaden aufgehoben in einem warmen Mix schön mit den anderen Instrumenten verflechten, schafft es der Exot im Instrumentengefüge live zu selten, den Raum zwischen Schlagzeug, Gesang und Bass mit Substanz aufzufüttern. Stattdessen stehen das Kreischen, das auf den Alben oft bloss schemenhaft die Musik durchweht und das eigentlich knöchern-hintergründige Schlagzeug im Zentrum des Sounds. Nur in den ruhigeren Passagen kommt die feingliedrige Perlerei des Saiteninstruments zur Geltung. Ansonsten jedoch klang die Musik seltsam hohl und fragmentiert. Es fehlte die gleissende Soundgewalt, auf die Black Metal angewiesen ist.

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Manchmal entlastet das Harmonium das Hackbrett

Eine Soundwand aufzubauen war Urghun zuvor weit besser gelungen, auch wenn das aus Basel stammende Duo auf den ersten Blick noch weniger mit Metal am Hut zu haben schien als Botanist. Die ersten paar Minuten hauchte eine Holzflöte gespenstische Melodien in den Raum, derweil MusikerInnen und Publikum langsam vom Duft eines auf der Bühne verbrannten Krauts eingehüllt wurden. Da schienen sich einige im Publikum schon auf ein halbstündiges akustisches Ambient-Intro eingestellt zu haben und setzten sich zum Zuhören auf den Boden. Vorschnell, wie sich bald zeigte. Alsbald explodierte die zuvor nur schemenhaft gezupfte Geige zu einem von Loopgerät und Hall aufgepumpten ätherischen Dröhnen.

Es zeigte sich: Die meditativen Klänge waren nur das Präludium zu einem fein arrangierten, halbstündigen Zyklus, der sich in orkanartigen Schüben immer weiter von seinem kammermusikalischen Auftakt entfernte und bis zum Schluss nie ganz abebbte. Wenn die MusikerInnen Pause machten, überbrückten Samples von Frosch- und Grillenlauten. Das klimatische Ende des Auftritts würzten Urghun zudem mit kargen Black-Metal-Schreien, womit die Überleitung bewerkstelligt und der musikalische Rahmen abgesteckt war, den Botanist danach nicht so recht zu füllen vermochten.

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Nur Geige und Flöte, trotzdem mehr Black Metal: Urghun

Das Konzept von Botanist würde im Übrigen auch eine gute Persiflage auf Black Metal abgeben. Das Narrativ des im Wald nur noch mit Pflanzen kommunizierenden Eremiten ginge gut als Überzeichnung der Ethik des einsamen Wolfs durch, der so viele Projekte des Genres entstammen und deren extremster Vertreter vielleicht der im tasmanischen Urwald hausende Musiker Russell Menzies von Striborg ist.

Nach der floralen Apokalypse
Einer satirischen Absicht läuft teilweise die künstlerische Ambition entgegen, diese komplexe Musik für ein Hackbrett zu komponieren und sie dann darauf zu spielen. Kürzlich hat Otrebor in einem Interview mit der Website No Clean Singing jedoch ausgeführt, dass der «Green Metal» von Botanist durchaus als Inversion von Black Metal, als Aufstand gegen die Dominanz von Gitarren und die Deutungshoheit von «Metal Archives» verstanden werden könne. Das letzte Album The Shape of He to Come bezeichnet er im Interview als «orthodoxen Green Metal», quasi in negativer Identität zu der anhaltenden Flut von «orthodoxen» Black-Metal-Bands, die sich, mal mehr, mal weniger gelungen, mit philosophischen oder religiös-mythologischen Themen beschäftigen. An die Stelle von Luzifer, alt-mesopotamischen Todeskulten und Antikosmos treten dann der «Verdant Messiah», «The Budding Dawn» und, nach der floralen Apokalypse, das «Chlorophyllic Continuum».

Gleichzeitig lässt Otrebor aber wenig Zweifel daran, dass es ihm mit seiner endzeitlichen Botschaft und der kommenden Pflanzenherrschaft ernst ist. Zweifellos sind Botanist gerade dank dieser Ambivalenzen, ob beabsichtigt oder nicht, eine so aufregende Band. Die waren sie auch am Freitag, weil nie ganz klar war, ob diese grüne Messe nun nostalgisch, euphorisch oder nur grotesk sein will – oder doch alles zugleich.