Doom Metal, Plastiken und Horrorkino in Keller und Zaubergarten: Unterwegs am
Berlin Swamp Fest

Auf dem Berlin Swamp Fest trifft sich seit vier Jahren die lokale und internationale DIY-Szene. Neben einem multistilistischen Gitarrenspektakel ist das Festival auch eine Ausstellung für abseitige Kunst. Dahinter steht das Kollektiv «Swamp Conspiracy» und die Vision, der Diversität des Undergrounds einen Ort zu geben.

zaubergartenDer «Zaubergarten», Aussenbereich des Berlin Swamp Fest, Bild: Jörg Kandziora/Swamp Conspiracy

Trauben nächtiger Gestalten gleiten die Rolltreppe am Südende des Berliner Bahnhofs Ostkreuz hinunter. So richtig unterscheiden lassen sie sich nicht an diesem Samstagabend: TechnojüngerInnen, Hardcorekids und Metalheads. Zumindest nicht, wenn sie die Kapuzen ihrer schwarzen Hoodies über die Mähne beziehungsweise Mönchstonsur geschlagen haben und ihre dürren Beine in engen, schwarzen Jeans stecken. Ihre Pilgerorte liegen dicht nebeneinander hinter dem Bahnhof. Nachdem die aufgerissene Strasse eine Linkskurve beschrieben hat, reiht sich eine Sektion in die Schlange vor dem Club About Blank ein.

Gewöhnlich beherrschen Technobässe den Äther am Ostkreuz, doch am vorletzten September-Wochenende stören laute Gitarren die subkulturelle Hegemonie. Sie wehen aus dem Garten des Kulturzentrums Tiefgrund/Zukunft am Ostkreuz herüber, wo gerade Sun vom Potsdamer Musikkollektiv Brausehaus ein irrsinniges Gemisch aus Stoner Rock, Blues und Djent zünden. Im Zaubergarten befindet sich die Aussenbühne des Berlin Swamp Fest, das vor gut zwei Wochen im Lokalkomplex Tiefgrund/Zukunft am Ostkreuz stattfand. Wie dieser wird auch About Blank von einem Kollektiv geführt. Eine traurigere Gemeinsamkeit: Beide werden vom Ausbau der Bundesautobahn 100 bedroht.

Stonehenge-Berlin_Swamp_Fest_2017_Andreas_Steckmann_20170916-002Stonehenge vom Kollektiv «Brausehaus»

Die Namen von Metalfestivals sind oft wie die der Bands, die darauf spielen: knallig, klischiert und unzweideutig. Sie lauten «Brutal Assault», «Hellfest», «Meh Suff» oder «Chaos Descends» womit meist alles gesagt ist: Viel Musik an der Dezibelgrenze, viel Bier und höllisches Spektakel. Metal, wie er sich gehört eben. Die Die Sumpf-Metapher birgt da mehr Programmatik, wie sich während der drei Tage herausstellt. Fast vierzig Bands aus dem Berliner und dem internationalen Metal- und Stoner-Underground spielen hier – im Theatersaal, im Keller und im Garten. Tiefgrund und Zukunft am Ostkreuz geben die perfekte Kulisse dafür ab; Metal und DDR-ruin porn: ein ästhetisches Powerduo, das nicht nur für das Swamp Fest funktioniert. Mit dem blackmetallastigen Vendetta Fest und dem Morbid Catacombs (Death Metal) haben hier weitere Metalfestivals ihre Heimat. Auch topografisch gleicht der Festplatz tatsächlich einer mythischen Sumpflandschaft: unwirtlich, labyrinthisch und bevölkert von zauberhaften Wesen, die nur jene zu Gesicht bekommen, die die Pfade kennen.

Black Metal zur Eröffnung
Einer dieser Pfade führt von der festivaleigenen Kunstgalerie hinunter in den Keller des «Tiefgrund», einen finsteren Raum mit niedriger Betondecke und abblätternder Tapete. In den hintersten Winkel des Kellers ist eine Art Höhle eingelassen, in der sich die Bands aufstellen, wobei Schlagzeug und Amps das Gelass eigentlich schon füllen. Dieser Raum, bei allen Konzerten dicht gefüllt, erweist sich als atmosphärischer Gestaltwandler. Den an Ahab erinnernden Funeral-Doomern Lone Wanderer aus Freiburg ist er ebenso ein würdiges Grab, wie Jehacktet (Berlinerisch für «Gehacktes»), ein dampfender Suppentopf. Die selbsternannte «Brutal-Utta-Utta-Grind»-Band spielt das letzte Konzert des Festivals.

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Das ist inzwischen genauso zur Tradition geworden wie das Debütkonzert einer jungen Band am Donnerstag, mit dem die grosse Bühne im Theatersaal eröffnet wird. In diesem Jahr wird die Ehre der Berliner Black-Metal-Band Norkh zuteil, die zwischen den zwei Sets des eishockeybehelmten Stoner-Duos Zweikant augenzwinkernden Oldschool-Black-Metal à la neuere Darkthrone spielen. «Kumpels von uns», sagt Gina, Pressefrau der Swamp Conspiracy. Der Donnerstag zeigt paradigmatisch die stilistische Vielfalt, die die Fans hier erwartet. Nach Black Metal und dem kratzig-minimalistischen Instrumentalsound von Zweikant gibt es hektischen Grindcore von Wojczech und dann noch Ghoshawk mit ihren vertrackten Miniaturen irgendwo zwischen Post-Indie und Hardcore. Zu Ende geht der Warm-up-Abend schliesslich mit dem epischen Sludge von Tides of Sulfur.

Norkh_Berlin_Swamp_Fest-2017_Kandziora_Photo-01Norkh

Es ist Samstag und Phil und Gina vom Kollektiv Swamp Conspiracy sitzen im Backstagebereich des «Tiefgrund». Nebenan bereitet Flo, ein Freund der beiden, der zurzeit ein Backstage-Catering für die Bands aufzieht, frisches Essen zu. Solche Engagements sind typisch für die DIY-Ethik der Swamp Conspiracy, der zufolge Organisation und Dienstleistungen weitgehend zusammenfallen sollen. «Alles, was du hier siehst und anfasst, wird von uns, Kumpels und Kumpelinen, gemacht. Wir geben nichts aus der Hand, wollen alles selber ausprobieren», sagt Gina. Mit den Jahren ist stetig Knowhow dazugekommen, von Programmierern, Buchhalterinnen, Journalistinnen und von Leuten, die in Bands spielen und Equipment und das Wissen darum mitbringen. «Ich selbst bin in erster Linie Fan und weiss, was das Publikum erwartet», sagt Phil, der die Swamp Conspiracy vor einigen Jahren mitgegründet hat.

Alles begann mit einem süssen Hund
Die Gründung des Kollektivs geht auf die zufällige Begegnung von Phil und Marian zurück, die beide in Berlins Metal-Underground etwas bewegen wollten. «Eigentlich kamen wir damals in der Jägerklause nur ins Gespräch, weil Marian so einen süssen Hund hatte», erzählt Phil. Doch wie sich bald herausstellen sollte, verband die beiden mehr. Marian dachte zu der Zeit intensiv über Vernetzung zwischen verschiedenen Subszenen nach, Phil wollte endlich den lange gehegten Traum von einem selbst veranstalteten Festival realisieren. Das war im Jahr 2012. «Die Stoner-Szene, die Death-Metal-Szene und die Doom-Metal-Szene existierten in Berlin alle einigermassen nebeneinander, so dass es für alle Akteure – Bands, Veranstalter usw. – schwierig war Kontakte zu bekommen», erinnert sich Phil. Genre-Konzerte etwa hätten sich durch Eigenbrötlerei oft gegenseitig das Publikum geraubt. Seit ihrer Gründung ist die Swamp Conspiracy zu einem ziemlich grossen Netzwerk angewachsen, in dem sich heute Konzertlokale, BookerInnen, Bands und VeranstalterInnen austauschen. Die meisten Akteure haben ihre Basis in Berlin, doch der Sumpf unterläuft zunehmend ganz Europa.

Tides_of_Sulfur_Berlin_Swamp_Fest_2017_Kandziora_Photo_06Tides of Sulfur

2014 fand schliesslich die erste Ausgabe des Berlin Swamp Fests statt. Wie bei der Vernetzung war auch beim Festival Diversität der Leitgedanke: eine Plattform für verschiedene Subgenres. Mit den ebenfalls im Tiefgrund stattfindenden Vendetta Fest und Morbid Catacombs, Berlin Deathfest, Berlin Grindfest und vielen Genre-Konzerten, hat Berlin eine vielfältige Metalkultur. Mit dem Festival sollte ein Ort geschaffen werden, an dem Subgenres- und Szenen zusammenkommen. «Wir dachten, was grosse Festivals wie das Brutal Assault machen, geht auch im Underground», so Phil.

Mit dem Brutal Assault in Tschechien oder anderen Festivals wie dem Roadburn in Holland, teilt das Swamp Fest nebst dem Stilmix auch die Vision, den mit der Musik verbundenen Formen von Kunst und Handwerk eine Plattform zu bieten. Dieser intermediale Ansatz macht diese Festivals zu Kaleidoskopen der Kreativität. An den kahlen Wänden der Galerieräume in der «Zukunft am Ostkreuz» hängen schwarzweisse Aufnahmen skandinavischer Landschaft des Fotografen Jörg Kandziora neben Illustrationen, die an die stilbildenden Arbeiten von Illustratoren wie Jacob Bannon (Converge) und John Dyer Baizley (Baroness) erinnern. Unter den Werken des Künstlers Sepsyz Art findet sich auch eine Hommage an Bannons Artwork für das Converge-Album Jane Doe.

croc«Cany the Kizard» sprayt «Hillbilly Croc», Bild: Jörg Kandziora/Swamp Conspiracy

Ausserdem füllen an die Ästhetik des Schweizer Sci-Fi-Surrealisten H.R. Giger erinnernde und aus Fahrradteilen gefertigte Skulpturen des Künstlers G.H.W.S. und weitere Illustrationen in der für Doom, Sludge, Hardcore oder Stoner typischen Coverart-Ästhetik irgendwo zwischen dunkler Romantik und verschiedenen Comicstilen die Galerie. Die Liste liesse sich noch lange erweitern, etwa um die im Kino nebenan laufenden Kurzfilme des DIY-Horrofilm-Kollektivs Soffocazzo, handgemachten Metallschmuck, Skateboard-Designs, Comicstrips und den veganen Streetfood. Oder um den Künstler «Cany the Kizard», der den DIY-Gedanken performativ vorführt, indem er im Zaubergarten während den drei Tagen das Bild «Hillbilly Croc» malt.

Die Stadt ist auf Sumpf gebaut
Ein Gang durch den Raum des Swamp Fest führt neben der synästhetischen Beziehung von Musik und visueller Kunst auch vor, was DIY für die Swamp Conspiracy bedeutet. Alle ausstellenden KünstlerInnen, sind irgendwie sozial mit dem Kollektiv assoziiert oder gehören ganz dazu, wie Sepsyz Art, der zusammen mit Marian in der Post-Metal-Band Khyler spielt und seit der ersten Ausgabe das Festival-Artwork gestaltet. Pinwand-Ticket, die selbstgefalteten Lineup-Büchlein, T-Shirts und Pullover tragen Motive einer vorläufig schlicht «Huntress» genannten Fabelkriegerin, um die herum Sepsyz Art eine illustrierte Geschichte ausarbeiten will.

huntress_sepsyz                            Festivalartwork «Huntress» von Sepsyz Art

Die rhizomartigen Verflechtungen zwischen Menschen, Objekten und Umgebung verstärken noch die inklusive Kraft, die den besonderen Reiz von Szenefestivals ausmacht. Das bestimmende Gefühl hier ist: Alle stecken zusammen im Sumpf, alles verweist auf alles.

Womit man wieder bei der Frage wäre, was es nun eigentlich auf sich hat mit dem Sumpf. Gina liefert die etymologisch-geographische Erklärung: Die Stadt wurde auf sumpfigem Gebiet errichtet und ihr Name leitet sich von dem slawischen Wort für «Sumpf», «br‘lo», ab – der Sumpf als buchstäblicher Untergrund Berlins. Ausserdem passe das Bild zur Musik, die ja irgendwie düster, dreckig und feucht sei. Phil ergänzt: «Der Sumpf, also der Underground, ist der Nährboden, aus dem später prächtige Pflanzen wachsen können.»

Sinners Bleed sind zurück
Neben den vielen jungen Bands, denen das Swamp Fest eine Plattform bietet, erfüllen sich die Mitglieder der Conspiracy auch immer wieder langgehegte Wünsche. In diesem Jahr etwa die englische Sludge-Band Raging Speedhorn, die seit über zehn Jahren nicht mehr auf dem europäischen Festland gespielt hat und insbesondere für Phil eine Wunschband waren: «Nach monatelanger Suche bekam ich endlich einen Kontakt und ich konnte ihnen unser Konzept erklären. Sie hatten sofort Bock hier zu spielen.» Auch die Berliner Technical-Death-Metal-Band Sinners Bleed, die nach ihrem gefeierten Debüt From Womb to Tomb aus dem Jahr 2003 von der Bildfläche verschwunden waren, kehrten am Freitag zurück auf die Bühne – ein triumphaler Aufritt. Spinnenhändig gespielte Riffs und hektisch klickernde Drums, dargeboten in geschienter Parallelität, verlieren auch nach knapp fünfzehn Jahren nichts von ihrer Wirkung. Wie bei Raging Speedhorn war auch der Auftritt der Berliner Urgesteine das Ergebnis hartnäckiger Bemühungen Phils. Nach wiederholten erfolglosen Nachfragen kam Drummer Eric Krebs schliesslich vergangenen Herbst nach dem Berlin Deathfest auf Phil zu und bekundete, Sinners Bleed hätten Lust, auch auf dem Swamp Fest  zu spielen.

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Ein Team aus vier Leuten ist für das Booking zuständig, darunter Säsh, der mit seiner Booking- und Promotionagentur Dustown seit Jahren Konzerte organisiert und als einziges Mitglied der Swamp Conspiracy vollberuflich im Musiksektor tätig ist. Zusammen mit befreundeten internationalen BookerInnen ermöglichen es dem Kollektiv besonders Säshs Erfahrung und seine Kontakte, ohne externe Agenturen auszukommen. Ausserdem spielen viele Mitglieder der Swamp Conspiracy selbst in Bands und hören sich auch in ihrem Freundeskreis nach interessanten Projekten um.

Kommen grössere Bands, die vielleicht auch auf grösseren Labels sind, prinzipiell nicht in Frage? «Bisher haben wir uns immer dagegen entschieden, auch wenn sich jemand so eine Band gewünscht hat», sagt Phil. Wenn bei vergangenen Ausgaben kommerziell erfolgreichere Bands wie Samsara Blues Experiment, Naam oder Defeated Sanity aufgetreten seien, dann, «weil sie nicht vergessen haben, wo sie herkommen» und weil sie das Festival konkret hätten unterstützen wollen, sagt Phil.

Einigkeit bei der Einstellung der Bands
Ein typisches Beispiel dafür, wie das Netz so spielt, ist das Samstagsprogramm im Garten. Neben Sun spielten dort mit Liquid Silk und Stonehenge insgesamt drei Bands, die dem Musikkollektiv Brausehaus angehören, in dem sich verschiedene Psychedelic-Rock-Bands aus Potsdam vernetzen und Konzerte, Festivals und Soli-Partys organisieren. Neben den Auftritten ihrer Bands taten sich am Samstag einige MusikerInnen zu einer Jamsession zusammen, ausserdem es gab ein DJ-Set. Acht Stunden dauerte die Brausehaus-Nacht alles in allem.

Jehacktet_Berlin_Swamp_Fest_2017_Kandziora_Photo_1Blick in den Moshpit bei Jehacktet

Inzwischen kämen auch viele Anfragen von Bands rein, die gerne auf dem Swamp Fest spielen würden. Alles in allem entsteht so jedes Jahr eine lange Liste, über die das Bookingteam in vielstündigen Hörsessions beratschlagt. Jede Band, die sich bewirbt, wird angehört. Bei ästhetischen Kriterien gibt es manchmal Differenzen, Einigkeit herrscht hingegen, was die gewünschte Einstellung der Bands betrifft. «Wir wollen Bands, die selber den DIY-Vibe des Festivals verkörpern und die nicht auf Kohle aus sind», sagt Phil. Die Conspiracy sieht sich als nicht-profitorientierte, gemeinnützige Organisation. Die Bands würden fair bezahlt, doch Bands mit unrealistischen Gagen-Forderungen wird abgesagt. Ausserdem dürften am Swamp Fest auftretende Bands nicht im Verdacht stehen, «rassistische, sexistische oder sonstige intolerante Haltungen zu vertreten», sagt Gina.

Grindcore und Motörhead
Stilistisch gibt es hingegen kaum Schranken, was zu Kontrasten wie zwischen dem auch mal sanften instrumentalen Stoner Rock von Mother Engine und dem knochentrockenen Grindcore-Metal-Bastard des Kultduos 100000 Tonnen Kruppstahl. Oder Malignant Tumöur im Sandwich zwischen melodischem Deathgrind (Keitzer) und Death Metal mit Crust-Schlagseite (Age of Woe). Die Show der Grindcoreband aus dem tschechischen Ostrava wird grotesk. Malignant Tumöur klingen inzwischen mehr nach Motörhead als nach Napalm Death, ausserdem haben sie sich mit Cowboyhüten, Jeanswesten und Pilotenbrillen ausstaffiert. Während ihrem Auftritt stürmen plötzlich Holzschwerter und Trinkhörner schwingende Gestalten die Bühne und grölen ein Lied mit. Sie sehen aus wie als Ritter verkleidete Cyberpunks und bewerben das «Bärlin Pedäl Bättle», ein Ritterturnier in der Rummelsburg, bei dem es unter anderem darum geht, sich gegenseitig mittels Boxhandschuh-bewehrten Holzlatten aus dem Fahrradsattel zu heben.

Nach dem standesgemässen Schlussspektakel von Jehacktet leeren sich Keller, Theatersaal und Garten allmählich. Der Weg zum Bahnhof führt wieder am About Blank vorbei, wo die Schlange inzwischen bis zur Strasse reicht. Für dieses Wochenende geben die Gitarren Ruhe und der Techno hat die Luft zurück am Ostkreuz.