«Die Vorbereitungen für die Shows
sind für mich ein Ritual»

, 22.05.2017

Das Veranstaltungs-Label Krachkarussell gibt es seit drei Jahren. Es steht für handverlesene DIY-Shows, die sich einzig durch Einnahmen aus Eintritten finanzieren. Mit ihrer Arbeit im Hintergrund bereichert «Mademoiselle Krachkarussell» Dorice (29) die Schweizer Metalszene. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Zatokrev

Unter dem Krachkarussell-Label traten in den letzten drei Jahre im Raum Zürich schon unzählige illustre Bands auf: Aluk Todolo, Monarch und Birushanah, Fistula, Wiegedood, Year of No Light, Antimatter oder Bongzilla. Unter dem Label fanden schon gegen hundert Shows statt. Zum Jubiläum findet vom 25. bis zum 27. Mai zum ersten Mal das Krach-Kunst-Festival statt (für mehr Infos siehe Fussnote).

Alpkvlt: Dorice, wann hast du deine erste Show organisiert?
Dorice: Das war am 25. Juli 2014. Nach einem schweren Schicksalsschlag hatte ich das Bedürfnis, mich mit etwas zu beschäftigen, was mich erfüllt. Und was ist da als Musikjunkie mit einem Faible für akribische Planung naheliegender als Konzerte? (grinst) Also habe ich drei Bands ins Ebrietas eingeladen, zu denen ich seit längerem einen engen Bezug hatte: Nihilo, Funeralopolis und Surrealist. Das Konzert war ein voller Erfolg, der Keller der Bar gestossen voll und die Wurzeln für dieses Herzensprojekt geschlagen.

Warum hast du weitergemacht?
Nach der ersten erfolgreichen Show konnte ich mich vor Anfragen von befreundeten Bands kaum retten. Irgendwann habe ich dann auch selber Bands aus dem nahen Ausland, die ich persönlich schätze, angefragt. So nahmen die Dinge ihren Lauf. Die Vorbereitungen für Krachkarussell-Shows sind für mich mittlerweile ein Ritual. Nach dem Booking gestalte ich einige Tage vor einer Show die «Bier-Patches» für die Band – meist unter Berieselung eines Albums einer auftretenden Band. Am Tag vor der Show koche ich zuhause das Essen für die Bands vor und treffe die letzten Vorbereitungen. Am Konzerttag stehe ich meist schon mittags im Ebrietas-Keller, so habe ich genügend Zeit, vor Ort alles dingfest zu machen und mich selber vorzubereiten. Denn nervös bin ich auch heute noch vor jedem Konzert.

Was bedeutet es dir persönlich, diese Shows zu organisieren?
Die Musik gibt mir sehr viel. Sie motiviert und hilft mir, Dinge zu verarbeiten. Ausserdem ist Musik wohl die künstlerische Ausdrucksform, welche am meisten Menschen miteinander verbindet. Ich bin zudem gelernte Verkäuferin für Tonträger und dieser Beruf bedeutet mir sehr viel, obwohl es ihn kaum mehr gibt. Mit diesen Konzerten kann ich mich dennoch in der Musikwelt engagieren.

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Dorice (Mitte) bei der Fackelwanderung zum Konzert von Sangre de Muerdago in der Waldpyramide in Rüschlikon, Foto: zvg

Warst du die erste, die im Ebrietas Konzerte veranstaltet hat?
Nein. Bereits nach der Eröffnung vor fünf Jahren stellte das Ebrietas jeweils am Mittwochabend lokalen Bands den Konzertkeller zur Verfügung. Allerdings war jede Band selber verantwortlich für die Organisation: Die Bands haben ihr ganzes Equipment selber mitgebracht, das Mischpult wurde anfänglich vom Barpersonal und später von Auswärtigen gegen eine kleine Gage bedient. Mehr gab es nicht, von Werbung oder Verpflegung für die Bands ganz zu schweigen. Verständlicherweise war das alles ziemlich lo-fi.

Hast du die Shows alleine organisiert?
Während ich anfangs lediglich einen Mischer engagierte, habe ich heute eine wunderbare Crew, ohne die der Aufwand vor Ort nicht mehr zu stemmen wäre: Mit Nikola haben wir einen Tontechniker, der die Tücken des Lokals kennt, Sandra und Pascal sind jeweils an der Abendkasse, dazukommen zwei Fotografen, die bei Bedarf auch mal als Runner im Einsatz sind.

Wie viele Konzerte hast du in diesen drei Jahren organisiert?
Letztes Jahr waren es 25, die genaue Zahl habe ich nicht im Kopf. Irgendwann steht Qualität sowieso über Quantität. Aber insgesamt sind es sicher schon gegen hundert Shows.

Werden es immer mehr?
Tendenziell ja. Mal abgesehen davon, dass das Angebot an Konzerten in Zürich sehr gross ist, sind die Shows auch mit finanziellen Risiken verbunden. Wir finanzieren uns bekanntlich einzig durch Einnahmen aus Eintritten und nicht jeder kann sich zweimal im Monat gegen dreissig Franken für ein Konzert leisten. Seit einem Jahr haben wir zudem das Problem, dass wir auf externe Unterkünfte (Hotels, Appartements, Gruppenhäuser) angewiesen sind, da weder meine Crew noch ich in Zürich wohnen. Davor konnten die Bands für wenig Geld in einem Bauernhaus untergebracht werden, was aus logistischen Gründen leider nicht mehr geht. Das macht finanziell einen riesigen Unterschied: Zuvor konnte ich bis zu zehn Personen für 80 bis 150 Franken unterbringen, jetzt sind es schnell 250 bis 300 Franken. Diese Kosten zu tragen ist selbst bei nur einer Show im Monat mit einem Grundrisiko verbunden.

Und wenn die Umstände günstiger wären?
Wenn es nur nach mir ginge, würde ich auch wöchentlich eine Show organisieren. Dafür wäre ich zum Beispiel mit einer Wochenbar im Werk 21 im Dynamo oder in der künstlerischen Programmleitung eines logistisch gut ausgestatteten Clubs besser aufgehoben als unter den gegebenen Umständen.

Welche Ansprüche an Komfort haben die Bands, für die du Konzerte organisierst?
Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt oft davon ab, wie die Bands organisiert sind. Bands, die ihre Tour selber buchen, sind meistens unkomplizierter in der Beherbergung, während Bands mit einer Bookingagentur eher höhere Ansprüche haben. Viele Grind-, Sludge-, Death- und DIY-Bands würden sich auch mit einem «Pennplatz» auf dem Fussboden in einem dürftig geheizten Raum zufriedengeben. Die trauen ihren Augen jeweils kaum, wenn nach dem Gig ein weiches Bett mit Decke und bestenfalls noch eine Dusche zur Verfügung stehen. Andere verlangen natürlich mehr.

Was sind die aussergewöhnlichsten Wünsche, die du erfüllen musstest?
Da gab es schon kuriose Sachen. So hat sich ein Musiker zum Beispiel eine kleine Auswahl an Spielzeugen in seinem Zimmer gewünscht, es wurden auch schon Ansprüche gestellt ans Material der Bettwäsche oder an konkrete Pflegeprodukte. Daneben gibt es aber auch Musiker wie etwa Scott Kelly von Neurosis, die aus gesundheitlichen Gründen auf den Komfort eines Bettes angewiesen sind. Wirklich wichtig ist den meisten Bands aber vor allem, dass Unmengen von Alkohol zur Verfügung stehen. Generell versuche ich, so vielen Wünschen wie möglich gerecht zu werden. Bei Bands, die ich verehre, liebe ich es, den Hospitality Rider – darin sind die Ansprüche der Bands aufgelistet – so richtig auszuschlachten. Gerade wenn die Location, eher rudimentär ausgestattet ist – das Ebrietas etwa verfügt über keinen Backstage-Bereich –, ist die Gastfreundschaft enorm wichtig.

Können die Anforderungen auch ein Grund sein, dass du eine Band nicht buchen kannst?
Natürlich. Vor allem bei grösseren Gruppen fallen hohe Kosten für die Übernachtung an. Letzten Herbst hatte ich Fistula, Age of Woe und Grime zu Gast: insgesamt 16 Mann, sieben davon ohne Schlafsack. Ich habe dann spontan ein Pfadiheim gebucht, wo es genügend Platz und Bettwäsche gab. Die Jungs hatten zwar einen riesigen Spass daran, in einer Pyramide am Zürcher Stadtrand zu übernachten, ich bin allerdings zum Schluss gekommen, dass sich die Kosten von über 400 Franken plus vier Stunden Reinigung des kompletten Hauses am Tag danach nicht lohnen.

Kannst du im Voraus gut einschätzen, wie viele Leute an ein Konzert kommen, oder ist das völlig unberechenbar?
Es gibt schon berechenbare Faktoren: ob andere Veranstaltungen stattfinden, der Eintrittspreis, die Beliebtheit der Band sowie Werbung und Wetter. Doch letztlich bleibt es immer unberechenbar.

Verdienst du an den Konzerten etwas?
Nein. Meistens decke ich knapp die Ausgaben, Überschüsse gibt es selten. Und das, obwohl ich für die Tickets stolze Preise verlangen muss. Ohne diese wären die Konzerte gar nicht erst realisierbar. Bei Shows im Ebrietas finanziert Krachkarussell die Gagen, den Tontechniker, die Unterkunft, das Catering und die Promotion einzig durch die Eintritte. Nicht selten kommt es vor, dass selbst mein Tontechniker, der für einen solchen Abend enorm wichtig ist, nach sechs Stunden Arbeit mit weniger als 100 Franken nach Hause geht. Das tut manchmal ganz schön weh.

Welche Rückmeldungen erhältst du von Bands, die unter deinem Label aufgetreten sind?
Erstaunlich viele gute, einige davon sind besonders schön. Der alte Showbiz-Hase Fredy (Rotter von der Band Zatokrev, huz) hat mir einst auf die Frage, warum er nach so vielen Jahren mit seiner Band immer noch im Ebrietas spielen würde, geantwortet, dass er sowohl die Organisation als auch die Promo für unsere Shows schätze. Oder Colin H. Van Eeckhout von Amenra hat sich ein ganzes Jahr nach seiner Show in Zürich noch an mich erinnert und mich am Roadburn Festival kürzlich wiedererkannt. Der Grund: die kurzfristig organisierten Schlafsäcke und die üppigen Lunchboxen zum Frühstück. Ein weiteres Zeichen, dass sich die auftretenden Künstler wohl fühlen, ist die Tatsache, dass einige von ihnen immer wieder bei uns spielen: Monarch! und Antimatter je drei Mal, Aluk Todolo etwa schon zwei Mal. Natürlich gibt es auch Musiker, die keinen Hehl daraus machen, dass sie zum Beispiel die Anlage oder die Räume scheisse finden.

Ist es ein Ziel von dir, in Zukunft grössere Konzerte zu veranstalten?
Was heisst schon grösser. Grundsätzlich fühle ich mich im Underground – was der Ebrietas-Keller ja sprichwörtlich ist – wohl. Bei den meisten Bands, die ich mit Krachkarussell buche, ist eine viel grössere Location gar nicht notwendig. Die Kapazität eines Raums wie dem Werk 21 im Dynamo würde reichen. Allerdings ist die Infrastruktur dort komfortabler: Es gibt mehr Stauraum, eine bequemere Anfahrt und einen kleinen Backstage-Bereich. Getoppt werden könnte das nur noch von hausinternen Schlafplätzen. Ausserdem wäre eine weitere Einnahmequelle wie etwa die Bar von Vorteil.

Wie sieht die Zukunft von Krachkarussell aus?
Schön wäre es, wenn ich Krachkarussell in einem Konzerthaus etablieren könnte, das die oben erwähnten Kriterien erfüllt. Optimal dafür geeignet wäre wie angetönt eine Wochenbar im Werk 21, in deren Rahmen wir zwischen Sonntag und Donnerstag regelmässige Konzerte in Eigenregie organisieren könnten. Am Krach-Kunst-Festival werden wir Unterschriftenbögen auflegen, wo man sich bereiterklären kann, dieses Projekt zu unterstützen. Wir werden sehen, wer meine Vision teilt.

25. bis 27. Mai: Krach-Kunst-Festival im Ebrietas, Zürich. Unter anderem mit Cult of Occult an einem Doom-Abend und Whoresnation an einem Grindcore-Abend. Ticket-Reservationen werden empfohlen und sind günstiger.