«Die Provokation ist eher ein willkommener Beigeschmack»

Mit «Devil is Fine» hat Zeal and Ardor 2016 für eine Musiksensation gesorgt. Im Interview spricht Manuel Gagneux, der Multiinstrumentalist hinter der Band, über die rhythmische Ähnlichkeit von Sklavengesängen und Black Metal, seine Entdeckung durch die Journalistin Kim Kelly und die Globalisierung aller Kulturen.

ZEAL AND ARDOR

Alpkvlt: Du hast dich hier in der Schweiz lange Zeit gar nicht in der Öffentlichkeit geäussert. Wieso diese Zurückhaltung?
Manuel Gagneux: Mir war es wichtig, zuerst mit Medien aus anderen Ländern zu sprechen. Die Schweizer Musikwelt kommt mir manchmal so vor, als wäre sie unter einem Glasdach eingeschlossen – wenn man erst einmal darunter ist, ist es schwer, wieder daraus auszubrechen. Internationaler Erfolg wird in der Schweiz generell skeptisch gesehen, man gönnt ihn sich nicht.

Ist darum auf der Bandcamp-Seite von Zeal and Ardor immer noch New York als Herkunftsort angegeben?
Das habe ich nur nicht geändert; es stimmte ja auch, als ich Zeal and Ardor gründete. Aber es hat schon was: Ich will nicht als Schweizer Musiker wahrgenommen zu werden. Meine Musik soll keine geografische Konnotation haben, die Herkunft im besten Fall keine Rolle spielen.

Die Geschichte von Zeal and Ardor beginnt mit Langeweile. Vor etwa zwei Jahren hast du dich im Nerd-Forum 4Chan nach neuer musikalischer Inspiration umgeschaut. Du hast die User gebeten, dir ein paar Musikgenres anzugeben, die du spielen könntest.
Genau. Ich habe in dem Forum nach einem zufälligen, überraschenden Input gesucht. Wenn ein Genre genannt wurde, versuchte ich in einer halben Stunde einen Song daraus zu machen. Die Leute haben auch ganz furchtbare Sachen gesagt, wie zum Beispiel Gabber-Techno und Swing. Dann fielen zwei andere Begriffe: «Black Metal» und «Nigger Music». Das hat mich zuerst beleidigt und ich dachte: auf keinen Fall! Die Idee, die beiden Stile zu kombinieren, liess mich aber nicht mehr los.

Dann hast du deine ersten Songs auf einem Demo festgehalten.
Das hat aber noch ziemlich schäbig geklungen. Die Spiritual-Teile waren viel weniger klar definiert und es gab darauf noch kaum Black Metal. Wenn Metal, dann war es eher Melodic Death oder irgendwelcher 0815-Metal mit schwarz angehauchtem Gesang. Nicht so geil.

Im vergangenen April hast du das Album «Devil is Fine» auf Bandcamp gestellt. Was hat sich zwischen dem Demo und dem Album musikalisch verändert?
Ich habe die beiden Stile – Spirituals und Black Metal – vor allem prägnanter herausgearbeitet. Aber diese Arbeit ist mit «Devil is Fine» auf keinen Fall abgeschlossen. Zeal and Ardor ist noch nicht dort, wo ich es möchte.

Ist «Devil is Fine» für dich also eher eine Projektskizze als ein fertiges Album?
Das Album ist so, wie ich es veröffentlicht habe, schon fertig und man kann es gut hören. Trotzdem ist es nur ein Zwischenstadium in dem Experiment, das Zeal and Ardor ist. Wenn ich damit schon zufrieden wäre, hätte ich gar keinen Grund weiterzumachen.

Wohin willst du damit?
Das kann ich nicht sagen. Wenn ich das so genau wüsste, wäre ich wohl bereits dort angekommen. Bis dahin gehe ich nach dem Trial-and-Error-Prinzip vor.

Die meisten, die dein Album zum ersten Mal hören, zeigen eine starke Reaktion: Erstaunen, überschwängliche Freude oder Irritation. Doch nach einer Weile wirkt das Album erstaunlich stimmig. Sind sich Sklaven-Spirituals und Black Metal am Ende musikalisch näher, als man zunächst denkt?
Vor allem rhythmisch sind sich die Stile sehr ähnlich. Der Rhythmus der Spirituals ist jeweils stark von Synkopen geprägt, dadurch fühlen sie sich sehr schwer an. An manchen Stellen habe ich diese Wirkung mit rasselnden Ketten verstärkt. Mit dem Black Metal kommt eine andere Art von Schwere hinein. In diesem rhythmischen Grundgefühl treffen sich die beiden Stile.

Wie funktioniert ein Zeal-and-Ardor-Song?
Nicht zufällig fange ich meist mit einem Gruppengesang an. Dieser Gesang, der von den Sklaven gemeinsam intoniert wurde, um sich bei der Arbeit gegenseitig zu motivieren, hat eine treibende Kraft. Das wirkt unweigerlich einladend, schafft Gemeinschaft. Nun ist es beim Metal so, dass er diese treibende Kraft zwar ebenfalls haben kann; aber er kann eben auch angriffig und abweisend wirken, je nach subjektiver Einstellung der Hörerin oder des Hörers. Darum lasse die Metal-Gitarren erst nach einer Weile einsetzen. Zu diesem Zeitpunkt ist man bereits von jenem Gemeinschaftsgefühl erfasst. Die Metal-Gitarren wirken zu diesem Zeitpunkt wie ein Rückenwind.

Bist du damit zufrieden, wie du das umgesetzt hast?
Mit «Devil is Fine» bin ich zufrieden. Aber das Zusammenspiel zwischen Gesang und Metal-Gitarren könnte man noch viel extremer machen. (lacht) Das reizt mich.

Brauchst du für die Weiterentwicklung deiner Musik vor allem noch materielle Mittel, oder geschieht dies eher auf der konzeptionellen Ebene?
Die Weiterentwicklung ist eher konzeptionell. Mehr Musiker und mehr Geld zu haben ist immer toll, aber ich muss zuerst überhaupt wissen, was die machen sollen.

Zeal and Ardor wird demnächst als sechsköpfige Band auf Tour gehen. Ist es nun kein Soloprojekt mehr?
Die neuen MusikerInnen sind alle Teil der Band. Zeal and Ardor hat jetzt sechs Mitglieder.

Kommen die alle aus dem Metal?
Nur zwei davon. Der Schlagzeuger Marco von Allmen und der Gitarrist Tiziano Volante kommen von der Metalband Worse to Come. Hinzukommt Rafaela Dieu, die ehemalige Bassistin der Rockband Slag in Cullet. Die drei sind technisch versiert, darüber bin ich sehr froh. Weiter habe ich zwei Backgroundsänger: Mark Obrist von der Bluesrockband Rich Kid Blue sowie Denis Wagner. Die beiden haben eine riesige Röhre. Ohne zusätzliche Sänger, ohne Call and Response, würde diese Musik nicht funktionieren.

Werdet ihr auf der Bühne wie eine Black-Metal-Band aussehen?
Das ist noch nicht entschieden. Ich hatte einmal die Idee, in umgedrehtem Corpsepaint aufzutreten: im Gesicht weiss, alles andere schwarz. (lacht)

Obwohl du jetzt Mitmusiker hast: Wirst du immer noch alleine Musik machen?
Ich mag die Vorstellung davon, sie hat etwas Romantisches. Diese Art zu arbeiten liegt mit enorm. Und auch jetzt, wo ich die Inputs der anderen Musiker aufnehmen werde, schreibe ich die Songs mehrheitlich alleine. Auch bei Birdmask, dem Pop-Projekt, das ich vor Zeal and Ardor hatte, war das nicht anders.

Gibt es dieses Projekt noch?
Ja, es lebt noch. Aber im Moment hätte ich keine Zeit, an einem zweiten Projekt zu arbeiten. Es war natürlich nie geplant, dass Zeal and Ardor so gross wird. Ich war schon überrascht, dass ausser meiner Mutter überhaupt jemand das Album gekauft hat. Als ich für den Vertrieb meiner Musik zur Basler Musikagentur Reelmusic ging, nahmen die Zeal and Ardor zuerst gar nicht richtig ernst und wollten sich vor allem um Birdmask kümmern. Als der Hype dann so richtig in Schwung kam, mussten sie sogar zusätzliche Leute einstellen, um die administrative Arbeit zu bewältigen.

Wie lange hat es gedauert, bis dir klar wurde: Da geht die Post ab.
Es gibt sogar einen bestimmten Moment, der den Hype ausgelöst hat. Anfang Juni empfahl die Metal-Journalistin Kim Kelly, die ein riesiges Netzwerk in den sozialen Medien hat, mein Album auf Twitter. Keine Ahnung, wie sie es entdeckt hat, aber ohne sie würde ich jetzt wohl nicht hier sitzen. Eigentlich müsste ich ihr zum Dank noch ein Geschenk schicken. (lacht)

Wie ging es weiter?
Auf ihren Tweet erhielt sie unzählige Antworten, wie neu und aufregend mein Album klinge. Da dachte ich: Vielleicht ist ja doch etwas dran. Aber wirklich geglaubt habe ich es erst, als der Rolling Stone Ende Juni schrieb, es habe in diesem Jahr bisher kein Album gegeben, das so seltsam, undurchschaubar und wunderbar zugleich gewesen sei.

Kannst du von Zeal and Ardor leben?
(lacht) Einfach ist es nicht. Im Sommer konnte ich etwa zwei Wochen gut davon leben. Jetzt hat es wieder deutlich abgenommen und ich muss auch andere Sachen machen, zum Beispiel schreibe ich Songs für andere Bands oder mische Konzerte ab.

Für die Spirituals hast du dich mit den Aufnahmen des Musikforschers Alan Lomax beschäftigt, auf denen er die frühe US-Black-Music dokumentiert hat. Du hast also viel Recherche betrieben für das Album?
Ich fand es wichtig, während der Entstehung des Albums nicht zu viel Musik zu hören. Denn sobald eine zu klare Vorlage definiert ist, engt mich das ein. Bei den Aufnahmen von Lomax haben mich vor allem technische Aspekte interessiert: welches Mikrofon verwendet wurde, wie stark das Rauschen ist. Keine Harmonien oder Songstrukturen. Denn diese Songs sind meist ziemlich simpel aufgebaut, was die Gefahr birgt, sich darin zu verfangen. Und ich fürchte mich davor, mich zu wiederholen. Das will ich mir nicht erlauben.

Wie war in den letzten Jahren dein Verhältnis zum Metal?
Ich habe seit meiner Jugend immer Metal gehört. Aber im Zusammenhang mit Zeal and Ardor habe ich einige Dinge wieder ausgegraben – Darkthrone und Burzum zum Beispiel. Oder Bands, die ich als Teenie gehört hatte, wie Wintersun. Auch viel Death Metal. Das Album Dreamweaver der deutschen Band Golem etwa, auf dem die Band Le sacre du printemps von Igor Strawinsky interpretiert, das habe ich während der Entstehung des Albums zeitweise mit fast religiösem Eifer gehört.

Was für Metal aus dem Jahr 2016 hast du gehört?
Zum Beispiel die neuen Alben von Nails, Al Jourgensen (Ministry), Meshuggah oder Gojira. Aber nicht, weil ich auf dem neusten Stand sein will. Sonst besteht wieder die Gefahr, dass ich zu viel höre und mich einschränke.

Gerade im Black Metal hat man es immer wieder mit problematischen politischen Positionen zu tun. Burzum etwa wird wegen der rechtsextremen Gesinnung seines Schöpfers von vielen Metalfans boykottiert. Wie gehst du damit um?
Der französische Philosoph Roland Barthes hat im Zusammenhang mit Literatur vom Tod des Autors gesprochen. Bei der Musik sollte man meiner Meinung nach das gleiche machen, also zwischen Werk und KünstlerIn unterscheiden. Sonst kapituliert man vor Rechtsextremen, die diese Musik für sich in Beschlag nehmen wollen. Ich finde die Musik von Burzum halt einfach geil. Auch wenn Varg Vikernes ein Arschloch ist, wird seine Musik deswegen nicht schlechter. Weil ich diese Trennung wichtig finde, habe ich anfangs auch versucht zu verhindern, dass Bilder von mir mit Zeal and Ardor in Verbindung gebracht werden. Die Musik sollte für sich und nicht als Erweiterung meiner Person wahrgenommen werden.

Dabei geht es ja auch stark um die Identität der Künstlerin oder des Künstlers. Es gibt Leute, die sind der Meinung, dass die Kombination von Sklavenmusik und Black Metal in deinem Fall nur darum legitim ist, weil du auch einen afroamerikanischen Hintergrund hast. Was sagst du dazu?
Diese Haltung, die aus dem Diskurs um Cultural Appropriation kommt, finde ich ganz schlimm. Wenn zum Beispiel ein Asiat die gleiche Musik gemacht hätte wie ich, wäre das doch toll gewesen. Ich finde es traurig, wenn eine Kultur nur noch einer bestimmten Ethnie gehören soll. Ich bin für die Globalisierung aller Kulturen.

Und was ist, wenn wir ein extremes Beispiel wie das Wort «Nigger» nehmen?
Sogar da finde ich: Das Ziel wäre, das Wort soweit salonfähig zu machen, dass es auch KünstlerInnen aus der Schweiz verwenden könnten. Sobald man etwas verbietet, wird es auch spannender und kräftiger. Man könnte sagen: Diese Begriffe sollten kastriert werden. Kulturen verändern sich ständig, darum ist es auch regressiv zu fordern, dass eine davon so bleiben soll, wie sie ist.

Aber: Etwas wie Zeal and Ardor funktioniert ja nur, weil bestimmte kulturelle Widersprüche existieren. Mit Death Metal hättest du nicht die gleiche Wirkung erzielen können. Nur weil Black Metal mit Rassismus assoziiert wird, hat Zeal and Ardor eine subversive Kraft.
Ehrlich gesagt ging es mir gar nicht in erster Linie um diese Wirkung – die Provokation ist eher ein willkommener Beigeschmack. Ich finde Black Metal vor allem klanglich interessant.

Kannst du das ausführen?
Bei all der Lautstärke und Dichte müsste Black Metal eigentlich völlig überwältigend klingen. Aber wenn sie gut gemacht ist, hat diese Musik unglaublich viele Nuancen und eigentlich etwas sehr Sanftes. Sie ist meist romantisch, manchmal sogar kitschig. Doch das Sanfte ist immer verpackt in Aggression und klanglichen Überdruss. Diese Spannung macht Black Metal für mich aus. Bands, die das für mich sehr schön umsetzen, sind etwa Mephistopheles, Liturgy oder Naglfar.

Neben dem Klang ist bei Zeal and Ardor aber auch die inhaltliche Ebene wichtig.
Dem Album liegt eine Art Gedankenexperiment zugrunde: Wie den SkandinavierInnen im Mittelalter wurde später auch den amerikanischen SklavInnen das Christentum aufgezwungen. Wie würde es also klingen, wenn diese SklavInnen auf die gleiche Weise rebelliert hätten, wie in gewisser Weise auch die Musiker der norwegischen Black-Metal-Szene das getan haben: indem sie sich Satan zugewandt hätten? Wenn ich diese Frage beantwortet habe, kann ich die Band eigentlich auflösen. (lacht)

Die Texte auf dem Album sind satanistisch. Doch mit Religion hast du persönlich nicht viel am Hut, wie man liest …
Nein, gar nichts. Ich verwende einfach religiöse Themen und die sind auch gut recherchiert.

Recherchiert?
Als Ressourcen für das Okkulte dienten mir die Ars Goetia und das Buch Abramelin, zwei Sammlungen von Techniken und Wissen zur Magie. Mit dem Buch Abramelin kann man zum Beispiel die wirklich bösen Dämonen beschwören.

Wann hast du Black Metal entdeckt?
Etwa mit 14. Es war die extremste Musik, die ich je gehört hatte. Und niemand um mich herum hat sie auch gehört. Als Teenie war es mir wichtig, etwas für mich alleine zu entdecken und es geheim zu halten – dadurch erhielt es mehr Wert.

Das heisst, du hast dich gar nicht in der Metalszene bewegt?
Am Anfang nicht, irgendwann dann schon. Wir hatten sogar selber eine schreckliche Black-Metal-Band, in der ich Gitarre spielte. Das war gar nicht gut. (lacht)

Hast du viele kritische Reaktionen aus orthodoxen Kreisen der Black-Metal-Szene erhalten?
Ich finde solche Reaktionen meist spannender als positives Feedback. Metalheads können zwar manchmal böse sein, aber meistens sagen sie direkt, was ihnen nicht gefällt. Und oft haben sie damit auch einfach recht – zum Beispiel, was die Produktion des Albums angeht. Darum finde ich es wichtig, ihnen zuzuhören. Grundsätzlichere Probleme mit dem Album haben aber die Black-Metal-PuristInnen.

«Devil is Fine» ist ja eigentlich kein Metalalbum, es verwendet Metal zwar, aber baut nie darauf auf. Könnte es sein, dass das die PuristInnen so stört?
Wenn wir vorhin schon von Cultural Appropriation gesprochen haben: Vielleicht bin ich doch schuldig – einfach in Bezug auf die Metalwelt. Ich komme aus der Popwelt und erlaube mir, Elemente aus der Metalwelt anzueignen.

Gibt es noch viel Potenzial, den Metal für solche Projekte fruchtbar zu machen?
Ich weiss es nicht. Vielleicht wird mir schon bald langweilig dabei. Solange es mir Spass macht, wird man das auch in der Musik spüren. Ich werde es auf jeden Fall probieren.


Am 24. Februar wird «Devil is Fine» vom britischen Label MVKA weltweit veröffentlicht. Zum ersten Mal auf einer Bühne stehen Zeal and Ardor am
14. April am Czar Fest in der Kaserne Basel.