Die Metalband, die von Stephan Eicher zu Arte eingeladen wurde

Der Dokumentarfilm «Rewind – Coroner» von Filmemacher Bruno Amstutz und Journalist Lukas Rüttimann erzählt Geschichte statt gute Geschichten. Das liegt an seinem Gegenstand: der ernsten Metalband Coroner.

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Wenn AutorInnen über ihre Werke sagen, dass es darin eine gute Geschichte zu erzählen gab, hat das etwas mit griechischer Tragödie zu tun. Mit Konflikten, mit steilem Aufstieg und Fall. Über gute Geschichten wären Filmemacher Bruno Amstutz und der Journalist Lukas Rüttimann nicht unglücklich gewesen, als sie 2011 beschlossen, einen Film über die Zürcher Thrash-Metal-Band Coroner zu drehen. Im Hinterkopf hatten sie auch die dokumentarische Tragikomödie «Anvil! The Story of Anvil» (2008), die von einer ähnlichen Konstellation ausgeht: eine alte Metalband mit Kultstatus in der Szene, seit fünfzehn Jahren inaktiv, die es nochmals wissen will. «Wir dachten, es könnte eine enorme Fallhöhe bestehen zwischen dem, was Coroner einmal waren, und dem, was nach einer Reunion aus ihnen werden kann», sagt Rüttimann, als wir ihn und Amstutz anlässlich der Vorführung von «Rewind – Coroner» an den Solothurner Filmtagen treffen.

Tatsächlich bieten sich dem ersten Blick einige Parallelen zwischen Anvil und den Zürcher Metal-Pionieren. Beide beeinflussten in den 80er Jahren eine Reihe von Bands und Musikern, die irgendwann viel grösser wurden als sie selber. In «Anvil!» huldigen Mitglieder von Metal-Cash-Cows wie Metallica, Slayer und Anthrax der Kultband. Bei Coroner kommen die deutschen Äquivalente Sodom und Kreator, Mikael Åkerfeldt von Opeth oder Max Cavalera von Sepultura nicht mehr aus dem Schwärmen heraus.

Kein neuer «Anvil!»
«Anvil!» war ein sentimentaler Roadmovie darüber, wie die kanadische Band nach zwanzig Jahren wieder auf Europatournee geht und dabei schiefläuft, was schieflaufen kann. Nebst wechselhaftem Geschick – grosse Openair-Auftritte folgen auf lausig organisierte Clubshows – bot der Film auch eine berührende Homestory. Steve «Lips» Kudlow und seinen Bandkollegen dabei zuzusehen, wie sie bei eisigen Temperaturen in einer Spedition oder auf dem Bau arbeiteten, während Metallica mit schlechten Alben und riesigen Shows immer reicher wurden, erwärmte das Herz.

«Rewind» zieht seinen Appeal nicht aus der voyeuristischen Blossstellung der Musiker. Ein Vergleich der Testimonial-Sequenzen der Filme macht die Unterschiede zwischen den Welten klar, in denen Anvil und Coroner leben. Anvil erhalten von Guns N‘ Roses-Gitarrist Slash auch dafür verbales Schulterklopfen, dass sie auf der Bühne einmal mit einem Dildo Gitarre spielten. In «Rewind» sagen Chansonier Stephan Eicher und Franz Treichler von den Young Gods hingegen Sätze wie: «In ihren Songs hat es Parts von Ravel und Debussy», oder: «Sie spielten, was wir sampelten». Stimmen aus der Schweizer Pop-Avantgarde und Metalkoryphäen stossen ins gleiche Horn: Coroner waren ihrer Zeit und uns technisch voraus. Angesichts der gut gewählten Interviewpartner bleibt einzig schwer nachzuvollziehen, wieso dem politisch verwirrten und künstlerisch bedeutungslosen Chris von Rohr so viel Platz eingeräumt werden musste.

Techno und Stephan Eicher
Für eine aus persönlichen Dramen gesponnene Geschichte, das merkten Rüttimann und Amstutz bald, waren Coroner die falsche Band. «Sie achten sehr genau auf ihre Aussenwirkung», sagt Rüttimann. «Wenn du auf einem Metalfestival bist und jemanden mit einem Coroner-Shirt siehst, hast du immer ein klares Bild von der Band, das nie lächerlich ist.» Tatsächlich haben Coroner nie ein peinliches Album veröffentlicht, lieferten nie einen Skandal, woran sich auch während gut eineinhalb Stunden «Rewind» nichts ändert.

Als sie sich 1996 auflösten, so vermittelt der Film, geschah dies nach eingehender Selbstreflexion und einem letztlich kollektiv gefällten Entscheid. Vor allem Gitarrist Tommy Vetterli und Marky Edelmann realisierten, dass sich zwischen den technischen Fähigkeiten und Ambitionen des Gitarristen – gesteigert durch sein Musikstudium – und denen seiner Kollegen eine wachsende Kluft aufgetan hatte. Veränderte musikalische Interessen aller Bandmitglieder verstärkten die zentrifugalen Kräfte. Nach dem vorläufigen Ende von Coroner tauchte Edelmann in die pumpende Zürcher Technoszene der 90er Jahre ein, auch Bassist Ronald Broder produzierte eine Zeit lang am Computer Musik. Vetterli blieb bei der Gitarre. Er versorgte für ein paar Jahre Stephan Eichers Shows mit der Energie des Heavy Metal und stieg Ende 90er Jahre bei Kreator ein.

Auf LSD im Disneyland
Die Episode, in der Stephan Eicher die befreundete Metalband in eine Show von Arte nach Paris einlädt, markiert den surrealen Höhepunkt des Films. Hier wird die einzige Drogengeschichte des Films – Coroner auf LSD im Disneyland – erzählt. Und die Wirkung dieser Eskapade scheint noch ein wenig in den gezeigten Ausschnitt aus der Arte-Sendung hineinzureichen. Während einiger Minuten fallen Coroner völlig aus dem ästhetischen Rahmen verschiedener Rock’n’Roll-Versatzstücke und hinein ins Bildungsbürgerfernsehen. Vor einer Leinwand, auf der nackte Oberkörper einen düsteren Tanz aufführen, spielen Coroner «Metamorphosis», das nach «Masked Jackal» ihr zweiter Hit geworden wäre, wenn je einer ihrer Songs zu einem geworden wäre. Nach dieser Szene erhält der formelhafte Satz, den Åkerfeldt einmal im Film sagt, Substanz: Coroner hätten ihm zum ersten Mal gezeigt, dass Heavy Metal eine Kunstform sei.

Vor der Folie dieses heiteren Höhepunkts nimmt sich der Anfang von «Rewind» noch postapokalyptischer aus. Der Film setzt im zweiten Jahr nach der Reunion ein, in einem bunkerhaften Proberaum. Vetterli, Edelmann und Broder rumpeln sich durch ein Brett von einem Song, Broders Fingerspitzen sind wegen Blasen getaped. Das sind Coroner, perfekt in Szene gesetzt: hart arbeitend und perfektionistisch. Die Band bereitet sich auf ihren Auftritt am Wacken Open Air vor, der nach den ersten Skizzen das Rückgrat des Films hätte werden sollen, wie Amstutz sagt. Es habe sich aber herausgestellt, dass der Film als Roadmovie nicht funktionieren würde: «Die sind nach Norddeutschland geflogen, statt mit dem Tourbus zu fahren – wir sassen in einem anderen Flugzeug. Und der Aufritt war gar nicht der wichtigste seit der Reunion.» Also passten Amstutz und Rüttimann das Konzept der Realität an, die lautete: Ein Film über Coroner liefert Musikgeschichte statt gute Geschichten.

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Der diabolische Manager
In den rahmenden Erzählszenen am Cheminéefeuer, aufgenommen in einer Waldhütte irgendwo bei Dübendorf, erinnern sich Coroner – auch an den umtriebigen deutschen Produzenten Karl-Ulrich Walterbach, einer zentralen Figur für die Entwicklung von Metal und Punk in Europa, auf dessen Labels Bands wie Slime, Kreator oder Celtic Frost unter Vertrag waren. Die Walterbach-Interviews gehören zu den einprägsamsten Szenen des Films. Der diabolisch wirkende Noise-Records-Gründer, das Gesicht hinter violetter Sonnenbrille versteckt und vor Pomade glänzend, führt die Mechanismen des von mächtigen Labelbesitzern und Produzenten orchestrierten Musikbetriebs der 80er Jahre geradezu atmosphärisch vor. Etwa wenn er im Tonfall des kalten Optimierers erzählt, wie er Coroner aus dem Studio warf, als sie für die Drums für ein Album mehrere Wochen statt einiger Tage benötigten.

Wenn Coroner in nächster Zeit das für 2018 geplante neue Album aufnehmen, werden sie sich um solche Angelegenheiten nicht mehr kümmern müssen. Vetterli betreibt seit 2006 sein eigenes Tonstudio, wo er unter anderem Alben der erfolgreichen Pagan-Metal-Band Eluveitie produziert hat. Die Entscheidung, zum ersten Mal seit 1993 neue Musik aufzunehmen, fiel in die Aufnahmezeit von «Rewind». Der Film endet mit dem definitiven Ausstieg des Schlagzeugers, Corverzeichners und Denkers der Band, Marky Edelmann. Nach seinem Abschiedskonzert im Zürcher Mascotte gibt es grosse Emotionen. Die Szenen, in denen er und Vetterli sich an der Afterparty innig umarmen, sind das Privateste was Coroner der Kamera zeigen. Der Rest ist Geschichte.