«Die Leute sollen in unsere Blase reinkommen»

Mit atmosphärischem Metal erobern E-L-R derzeit Bühnen in und ausserhalb der Schweiz. Bisheriger Höhepunkt: eine Minitour mit der Post-Metal-Band Amenra durch Deutschland. Wir haben das Berner Trio im Proberaum besucht.

e-l-r_liveE-L-R im Februar in Dortmund, Foto: Bobby Cochran

 

Kerzen sind die einzige Lichtquelle in einem Proberaum nahe des Berner Bahnhofs. Sie stehen auf einem mit schwarzem Tuch überzogenen Möbel, umgeben von Bündeln verdorrten Schleierkrauts und Wachsblumen. Zwischen Schwaden von Räucherstäbchen suchen drei Gestalten nach einem anderen Tuch. «In Berlin hatten wir es doch noch», sagt Isa, die Bassistin von E-L-R, und blickt etwas ratlos in die Runde. «Ich schreibe denen mal.»

Es ist Februar und die erste Probe, seit E-L-R von einer kleinen Tour mit der belgischen Post-Metal-Band Amenra und der US-Noise-Songwriterin Lingua Ignota zurück sind, entsprechend ungeordnet liegen die Dinge noch im Proberaum. Wenigstens brennen die Kerzen auf dem Altar wieder. «Wir schaffen uns hier eine kleine Idylle, um in Stimmung zu kommen, wie auf der Bühne», sagt Gitarristin Selina. Auf der Bühne in Hamburg brach die Idylle kurz zusammen, weggeblasen vom Sound, man vermutet, der Bass sei schuld gewesen. Der Moment, als die Kerzen und die toten Blumen von den Verstärkern fielen, erscheint rückblickend wie eine Pointe, in der sich zeigte, wie schnell es für E-L-R aufwärts gegangen war.

Analoger Aufstieg
Amenra. Nicht nur dank ihres Rufs als ebenso brachiale wie bezaubernde Liveband löst dieser Name in der Welt der harten Gitarrenmusik vielerorts Ehrfurcht aus. Bei Amenra laufen die Fäden des Kollektivs Church of Ra zusammen, zu dem auch Bands wie Wiegedood, Oathbreaker oder The Black Heart Rebellion zählen. Neben musikalischer Qualität steht die Church of Ra auch für eine konsequent verfolgte Vision mit ästhetischen, spirituellen und ethischen Aspekten. Es geht um Schönheit und Zerstörung in der Natur und in Beziehungen zwischen Menschen, um objektive und individuelle Abgründe und mithin um die Frage, wie wir in Anbetracht davon Trost finden können.

Von Amenra als Vorband eingeladen zu werden, bedeutet neben der künstlerischen Anerkennung also auch, in eine Art inneren Zirkel vorzustossen. E-L-R haben es dorthin geschafft, mit nur einem Demo, dem betörenden In Splendour & Sedation und nach einer Handvoll Konzerten. Wie ging das?

Wenn man E-L-R im Gespräch zuhört, kommt man zum Schluss, dass sie gerade die Ernte für viele Jahre Aktivität in der Szene einfahren, als Musikerinnen in anderen Bands, durch die Pflege von Kontakten und Freundschaften. Ihr Momentum liest sich wie das analoge Gegenstück zum Bandcamp-Phänomen, das sich über ein hochgeladenes Demo und Platzierungen auf den Monatslisten renommierter Musikblogs entwickelt.

Das mit Amenra ging so: Vor ein paar Jahren spielte Isa mit dem Ambient-Drone-Projekt Sum of R als Vorband der Belgier. «Seither haben wir immer ‹Hallo› gesagt, wenn sie in der Nähe waren», erzählt die Bassistin. Als Sänger Colin Van Eeckhout eine schäbige Handyaufnahme mit der Musik von E-L-R hörte, fragte er, ob sie für vier Konzerte mit Amenra durch Deutschland touren wollten. Schlagzeuger Mischa klingt noch immer etwas ungläubig, als er das erzählt. Die Einladung zur Tour war noch nicht alles. Van Eeckhout gefiel die Aufnahme so gut, dass er noch die Hurdy-Gurdy zum Anfang von «Glancing Limbs», das auch E-L-Rs im Herbst erscheinendes Debütalbum eröffnen wird, einspielte und zu einem weiteren Song Gastgesang beisteuerte.

Wiederholungen und Nuancen
«Hypnotic rhythms suspended in a haze of eternal reverberation» steht als Selbstbeschreibung auf der Bandcamp-Seite von E-L-R. Das beschreibt ziemlich gut, wie sie die entrückende Wirkung ihrer Musik materiell bewerkstelligen.

Inzwischen hat sich Mischa hinters Schlagzeug gesetzt, an der Wand hinter ihm hängt ein schwarzes Banner, selbst genäht und mit dem Schriftzug der Band bedruckt. Ihm gegenüber stellen sich Isa und Selina zu beiden Seiten des Altars auf, zu ihren Füssen blinken die Effektgeräte. Selina tritt auf einen Knopf, das Sample von Van Eeckhouts Hurdy Gurdy ertönt. Die Gitarristin schabt einen vernebelten Dreiklang ins Loopgerät, nach einiger Zeit kommen die anderen beiden dazu. Isa dreht die Fender Jaguar auf, Mischa lässt schwere Wirbel prasseln, so geht das während gut der Hälfte der acht Minuten von «Glancing Limbs». Dass dabei statt Monotonie ein hypnotischer Sog entsteht, erreichen E-L-R, indem sie stetig die Textur ihres Sounds nuancieren, Elemente hinzufügen und weglassen: eine grell zitternde Saite, ein zusätzlicher Schlag im Muster, eine zweistimmig verwehte Gesangslinie.

E-L-R_promoVerdichten den atmosphärischen Überschuss verschiedener Genres: Mischa, Selina und Isa alias E-L-R

Mischa trommelt mit weit ausholenden Armen, vor Isas und Selinas Gesichtern wippen die Haare, die Szenerie aus Schall, Licht und Düften bekommt immer mehr etwas Rituelles. Da wird die Musik plötzlich rauer, Gitarre und Bass wandiger, Mischa hämmert Viertelnoten auf der Snare, nach ein paar Minuten beginnen Bassistin und Gitarristin zu singen. Da ist viel Hall, wie von einem weit entfernten Ort kommen die Stimmen angeweht, sinken in die Harmonien ein und verflüchtigen sich wieder – auch sie nur ein Schillern im Gewebe. Es geht auf und abwärts, durch heiss und kalt, Flut und Ebbe. Es kommen einem die üblichen Metaphern in den Sinn, mit denen Musik, die auf klangliche Überwältigung zielt, oft beschrieben wird. Auch die Samples von einer Meeresbrandung («The Wild Shore») oder von Laufgeräuschen im Gehölz («Glancing Limbs») legen die topographischen Bilder nahe.

In den Orbit geschossen
Mitte Januar spielt die Black-Metal-Band Farsot im Gaswerk in Winterthur, E-L-R eröffnen den Abend. Das Foyer ist gut gefüllt, trotzdem ist es ziemlich kalt. Die Kerzen brennen auf den Verstärkern, würziger Rauch wabert von der Bühne ins Publikum. E-L-R spielen ein hypnotisches Konzert, bei dem viele im Publikum die Augen schliessen. Dass die Leute ihre Konzerte auf diese Weise geniessen, bemerken E-L-R später auch in den grossen Hallen von Dortmund, Berlin und Hamburg. Ist dieser kontemplative Zustand etwas, was sie bei ihrem Publikum auslösen wollen? Isa nickt. «Die sollen schon reinkommen in unsere Blase.»

Diesen Winter wurde die Blase regelrecht in den Orbit der düsteren Musik geschossen. Die Namen klingen allesamt. Eine Woche nach dem Konzert im Gaswerk sind E-L-R in Zürich Vorband der okkulten Psych-Popper Lord Kesseli & The Drums im hippen Bogen F. Im letzten Herbst spielten sie mit den Doom-Bands Dark Buddha Rising und Fuoco Fatuo im Ebrietas. Ebenfalls im Februar treten sie in Freiburg im Breisgau zum ersten Mal ausserhalb der Schweiz auf, mit Maggot Heart, dem morbiden Post-Punk-Projekt der schwedischen Gitarristin Linnéa Olsson. Und im Mai werden sie das Jubiläumsfestival von Bölzer im Dynamo eröffnen, ein Tag, der eigentlich im Zeichen von Black- und Death Metal steht.

So unterschiedlich diese Konstellationen scheinen: Bei ihnen allen kann man sich gut vorstellen, dass es passt. Als würden E-L-R etwas verdichten, was die genannten Bands teilen. Etwas, was man vielleicht ihren atmosphärischen Überschuss nennen könnte, dunkelromantische, fiebernde, schwebende Stimmungen, die sich wie wechselfarbiger Nebel um die Musik wölken, sich darin zeigen und verhüllen. Selina zuckt mit den Schultern. Sie sagt nur lakonisch: «Irgendwie haben wir es mit allen gut.»

Tieck, Gebrüder Grimm, Rimbaud
Der Name «E-L-R», englisch ausgesprochen, ist übrigens keine Abkürzung. Selina und Isa verwenden ihn, seit sie zusammen Musik machen. Weil sie den Klang mochten und die drei Buchstaben gut zu ihnen als Band passten, beschlossen sie, ihn zu behalten.

Bei den Songtexten bestehe eine Art Arbeitsteilung, wie Selina erklärt: «Es sind meistens recht wirre Gedanken, die ich mitbringe. Isa sortiert die dann oft ein bisschen.» Worum es in den Texten konkret geht, will sie nicht sagen, sie bleibt auf der Ebene der Inspiration:

«Da ist immer viel ungebündeltes Zeug, inspiriert von Wanderungen, Träumereien, hedonistischen Nächten, Gefühlen von Melancholie bis Ekstase und Hysterie. Beim Schreiben habe ich zuerst oft Wortklänge im Kopf, die zur Musik passen. Die versuche ich dann passend zu dichten. Ausserdem habe ich mich immer der Literatur der Romantik verbunden gefühlt, besonders da, wo sie um Themen wie Wahnsinn, Natur, Besessenheit, Opiate, Überblendungen von Träumen und Wirklichkeit oder Erotik kreist.»

Sie nennt Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann und die Gebrüder Grimm, De Sade, Baudelaire und Rimbaud. Und Mischa und Isa. «Eine Idee führt immer dazu, dass jemand anderes auch eine hat.» Bei der Musik verhalte es sich oft genau anders herum als bei den Texten: «Wenn ich mich frage, ob dieser Teil nicht schon viel zu lange ist, findet Isa oft, dass könne ruhig noch etwas länger sein.»

Doch keine Instrumentalband
Die Geduld für epische Songstrukturen aufzubringen, musste vor allem Mischa lernen, als er letztes Jahr zur Band stiess: «Ich habe viel in Metalcore- und Hardcorebands gespielt, Musik mit vielen kurzen Teilen und schnellen Wechseln. Am Anfang tat ich mich schwer mit den vielen Wiederholungen. Aber mittlerweile kommen mir die Songs recht kurz vor.»

Überhaupt höre er viel mehr atmosphärische Musik mit weiten Spannungsbögen, seit er mit E-L-R spiele. Er scheint schnell gelernt zu haben. Mit seinem Spiel bestimmt er das wechselhafte Temperament von E-L-Rs Musik wesentlich mit. Dabei reicht sein Spektrum von Geklöppel auf den Trommelringen über zischende Beckenspielereien bis zu blastbeatartigen Serien auf der Snare. Es ist ein klangorientiertes Spiel, das oft an Dave Turncrantz, den Drummer von Russian Circles, erinnert.

Mischa lächelt. «Lustig, immer wieder sagen Leute, dass wir sie an Russian Circles erinnern. Eigentlich finde ich ja, dass wir ziemlich anders klingen. Aber ich bin überzeugt, dass diese Wahrnehmung vom Schlagzeug her kommt.»

Wie die Chicagoer Post-Metal-Band haben auch E-L-R als Instrumentalband angefangen. Aus dieser Zeit stammt auch die folgende Geschichte: Nach einem Konzert kam ein Zuschauer zu Isa und Selina, zunächst voller Komplimente über den Auftritt. Zum Schluss meinte er noch: «Fangt nur nicht plötzlich an zu singen. Frauengesang – ganz schrecklich.» Sie haben es dann trotzdem gemacht. Sie entdeckten den Gesang als zusätzliches Mittel zum Aufbau von Spannungsbögen und Stimmungen, bewusst spärlich eingesetzt, damit er einen Effekt erzielt, wenn er kommt.