Die Fleischwerdung von
Zeal and Ardor

Am Basler Czar Fest spielten Zeal and Ardor ihr erstes Konzert vor Publikum. Die Erwartungen waren riesig – und sie wurden erfüllt. Die erfreuliche Überraschung waren die hervorragenden neuen Songs.

DSCF6683

Es war ein Zufall, aber ein passender: Der mit Spannung erwartete erste Auftritt von Zeal and Ardor fiel just auf den Karfreitag. Ein bisschen gepflegte Blasphemie am stillen Feiertag. Wobei, was hier am ausverkauften Czar Fest in Basel geschah, war ja eigentlich genau das Gegenteil des christlichen Feiertags, an dem Jesus die Erde verliess: Es war eine Inkarnation, eine Fleischwerdung.

Und dass hier mehr Fleisch am Knochen war, hörte man sofort, als die sechsköpfige Band nach einem kurzen Intro mit dem Dubstep-Stück «Sacrilegium I» den Album-Opener «In Ashes» anstimmte. In Punkto Wucht und Intensität war das kein Vergleich: zur noch sehr skizzenhaften Aufnahme auf Devil is Fine, das Manuel Gagneux einst ganz alleine bei sich zu Hause eingespielt hatte, aber auch zu einer noch etwas unsicher wirkenden Session beim Sender «Couleur3», wo man die Band kürzlich zum ersten Mal gemeinsam spielen gesehen hatte. Man sah Gagneux an, dass er es besonders gut machen wollte: Er trieb seine Stimme bis an ihre Grenzen und zeichnete dazu bedrohliche Gesten in die Luft.

Von null auf Roadburn
Vor dem Auftritt waren die Erwartungen ins Unermessliche gestiegen. Es sollen dafür sogar Journalisten aus Holland und Grossbritannien nach Basel gereist sein. Die unglaubliche Geschichte von Zeal and Ardor begann letztes Jahr auf der Plattform Bandcamp, wo Devil is Fine, eher ein Lo-Fi-Experiment als ein fertig ausgearbeitetes Album, von der einflussreichen Metal-Journalistin Kim Kelly entdeckt und über Twitter verbreitet wurde. Der Hype nahm seinen Lauf. Ohne je live gespielt zu haben, wurden Zeal and Ardor etwa fürs renommierte Roadburn-Festival oder als Vorband der Crossover-Supergroup Prophets of Rage gebucht.

Auf der Bühne nun nutzte die heterogene Band geschickt ihre Stärken, um diesen Songs, die vom Publikum bereits wie Hits gefeiert wurden, Leben einzuhauchen. Nicht nur bei der ruhigen Gospel-Strophe von «Blood In The River» zahlte sich die Verpflichtung von zwei Background-Sängern voll aus. Die hervorragende Bassistin Rafaela Dieu, die aus dem Rock kommt, verlieh den Stücken ein warm klingendes Fundament und schärfte die Grooves. Die Stakkato-Riffs von Gitarrist Tiziano Volante und die maschinelle Präzision von Schlagzeuger Marco von Allmen, die beide aus dem Metalcore kommen, sorgten für einen berauschenden Druck.

Doch das Album gibt nicht einmal die Hälfte des Materials her, das für eine einstündige Show wie diese nötig ist. Die zahlreichen neuen Songs auf der Setlist waren die erfreuliche Überraschung des Auftritts. Sie gaben deutlich zu erkennen, wie Gagneux seine Vision mit den zusätzlichen Möglichkeiten, die ihm die Band nun bietet, noch konsequenter umzusetzen versucht. Noch besser gelingt an manchen Stellen die Verschmelzung von urtümlichen Spiritual-Grooves mit den dichten Sounds und der wirbligen Spielweise des Metal.

Kaum mehr Black Metal
Obwohl man im Zusammenhang mit Zeal and Ardor zunächst vor allem von der Verbindung von Black Music und Black Metal gesprochen hat, klingt diese Musik auf der Bühne vor allem bei Volante und von Allmen kaum noch nach schwarzer Tonkunst. Man hört ganz deutlich, dass die beiden aus einer völlig anderen Ecke kommen. Allerdings ist das gar nicht so schlecht. Denn wenn die Grundidee hinter Zeal and Ardor noch länger tragen soll, wenn sie sich in noch komplexeren Songs entfalten soll, in denen die beiden musikalischen Welten nicht nur abgewechselt, sondern ineinander verzahnt werden, dann muss der Metalanteil des Projekts wohl oder übel auch groovige Züge annehmen. Und damit hat der Black Metal bekanntlich oftmals seine Mühe.

Am «m4music»-Festival in Zürich schätzte der deutsche Popkritiker Jens Balzer die Chancen von Zeal and Ardor für eine lange Karriere noch als gering ein. Die Idee werde sich bald abgenützt haben. Ob er Recht hat oder nicht: Das Konzert in Basel zeigte, dass Gagneux nun erst mal so richtig loslegt.

 

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Version eines Artikels, der am 18. April in der Aargauer Zeitung erschienen ist.