«Die Band muss nicht
auf meinem Label landen»

Als Frederyk Rotter Czar of Crickets Productions gründete, wollte er das Labelgeschäft von innen kennenlernen. Heute wird Basel zur «Metalstadt» geschrieben und er ist ein zentraler Akteur der dortigen Szene. Ein Gespräch über Pop-Preise, Bürgerstolz auf Metalbands und die Geschichte von Czar of Crickets.

17901950_10212691066939968_918150712_oFoto: Martin Rahn

Wir treffen Frederyk Rotter vor dem Kiff in Aarau. Es ist bitterkalt an diesem Abend im März, dennoch beschliessen wir, für das Gespräch draussen zu bleiben. Denn drinnen spielen gerade Matterhorn als Vorband für Bölzer, die an diesem Abend ihr Debüt Hero taufen, und für Urfaust, die holländische Kultband. Bölzer, momentan die wohl meistgehörte extreme Metalband aus der Schweiz, werden am Samstag in der Kaserne Basel als Special Guest am «Bullets Day» auftreten, dem Metaltag des Czar Fests, dem Clubfestival von Rotters Label Czar of Crickets Productions. Tags zuvor spielt zudem die Blues-meets-Black-Metal-Sensation Zeal and Ardor ihr weltweit erstes Konzert.

Wenn es derzeit sowas wie eine Welle von Metal aus der Schweiz gibt, das Czar Fest surft darauf. Und wenn es derzeit sowas wie eine Metalhauptstadt der Schweiz gibt, dann heisst sie Basel. Mit Schammasch und Zeal and Ardor spielen nächste Woche gleich zwei Acts mit Basler Basis am Roadburn Festival im holländischen Tilburg. Und ein Auftritt am Roadburn ist für eine Metalband etwa das, was für einen Künstler eine Ausstellung im Centre Pompidou ist: die Aufnahme ins Pantheon. Zeit, mit dem Betreiber des aktivsten Metallabels im Land  zu sprechen.

Alpkvlt: Was ist nun dran an der Rede von der «Metalstadt Basel»?
Frederyk Rotter: Für die Leute, die schon seit jeher in der Stadt und in der Szene sind, ist eigentlich alles gleich geblieben. Solange ich mich erinnern kann, haben junge Leute in Basel Dinge auf die Beine gestellt, Bands gegründet, oder Konzerte an illegalen Orten organisiert.

Aber zurzeit sind doch grössere Kräfte am Werk. Wie hat das angefangen?
Eigentlich als Zatokrev (die Band, in der Rotter Gitarre spielt und singt) 2015 als erste Metalband für den Basler Pop-Preis nominiert wurden. 2016 waren ja dann Schammasch nominiert, deren Dreifach-Opus Triangle international auf Anerkennung stiess. Dann führten wir zum ersten Mal das Czar Fest durch, wo Schammasch Triangle tauften.

Und dann kam Manuel Gagneux. Ein grosser Teil der Musik seiner Zeal and Ardor entstand zwar in New York, wir zählen sie aber als Basler Band…
Manuel lebt in Basel. Soviel ich weiss, lebte er lediglich drei Jahre dort drüben. Diese Geschichten passierten völlig unabhängig voneinander. Die Musiker von Schammasch und Zeal and Ardor hatten sich bis vor ein paar Monaten noch nie getroffen.

Gagneux hat bewusst möglichst lange keine Interviews mit schweizer Medien gegeben, weil er nicht in die Enge der hiesigen Musikszene und -berichterstattung geraten wollte.
Eine Band wird hier erst zur Kenntnis genommen, wenn es einen Hype um sie gibt. Jede international erfolgreiche Band aus der Schweiz ist im Ausland bekannt geworden, bevor sie hier akzeptiert wurde. Das war bei Coroner so, bei Celtic Frost, bei Samael, bei den Young Gods, und auch bei Yello, soviel ich weiss.

Wie bei den heutigen Erfolgen der Basler Bands…
…hinter denen grosse Arbeit steckt. Als sie ihr erstes Album machten, habe ich bei Schammasch ein Jahr lang am Bass ausgeholfen. Ich war damals oft mit ihnen im Bandraum, sie waren frustriert, dass es nicht vorwärts ging.

Und jetzt spielen sie am Roadburn.
Rückblickend ging alles ganz schnell. Schammasch hatten gerade ihr zweites Album aufgenommen und sagten mir, dass sie ein Label suchten. Ich kannte den für Europa zuständigen Mitarbeiter von Prosthetic Records, dem ich ihr Material zuschickte. Er war hell begeistert, Contradiction erschien dann bei Prosthetic, wie auch Triangle.

Hat es nur gute Seiten, wenn Metalbands für etwas wie den Basler Pop-Preis nominiert werden, oder kann Metal auch etwas verlieren, wenn er als Pop-Musik anerkannt wird?
Schwierig zu sagen. Generell finde ich es gut. Aber durch den Preis das Label «Pop» zu erhalten, kann für eine Metalband schon problematisch sein. Wenn du Pop sagst, ist das in den Augen vieler Metaller einfach immer noch «Buuuuh!». Deshalb sollte man den Preis vielleicht unverfänglicher in «Musikpreis» umbenennen. Aber natürlich ist es für jede Band erfreulich, das Geld zu gewinnen. In Zeiten, in denen mit Platten kein Geld mehr zu verdienen ist, werden Subventionen wie Stiftungs- und Preisgelder wichtiger. Das finde ich völlig legitim.

Im Vergleich zu Theaterhäusern oder Orchestern erhält die Popmusik viel weniger Subventionen. Findest du das unfair?
Auf jeden Fall, ich bin aber auch realistisch. Gerade Metal ist nicht besonders verankert in der Gesellschaft. Im Kopf der Bürger ist das Kindergarten. Erfolge von Bands wie Zeal and Ardor oder die Pop-Preis-Nomination von Schammasch, dass es plötzlich heisst, Basel sei eine Metalstadt, sehe ich deshalb auch als Chance, dass mehr Leute Metal zumindest akzeptieren und vielleicht sogar ein wenig stolz darauf sein können. Auch dass die neuen Organisatoren des B-Scene-Festivals auf mich und Schammasch zugekommen sind, bestätigt eine neue Offenheit dem Metal gegenüber, die in Basel spürbar ist.

Das B-Scene ist ein Clubfestival in Basel, das es seit 20 Jahren gibt.
Die neuen Programmbosse wollten gerne mal mit uns quatschen. Sie wussten, dass wir die Entwicklung der letzten Jahre hin zu einem Publikumsfest mit immer den gleichen Bands nicht so cool fanden und sagten uns, dass sie wieder enger mit den verschiedenen Szenen – Metal , Hip-Hop , World  etc. – in Kontakt kommen wollten. Wir trafen uns also und ich konnte ihnen alles an den Kopf werfen, was ich an ihrem Festival scheisse fand. (lacht)

Der Metal-Hype in Basel hat dazu geführt, dass man ihn nicht länger ignorieren konnte?
Genau. Dass die Leute Metal stärker wahrnehmen, hat schon geholfen.

ZATOKREV
Zatokrev

Winterthur im vergangenen Dezember. Die «Alpine Coalition» macht halt im Winterthurer Gaswerk, es spielt auch die instrumentale Psychedelic-Metal-Band Khaldera, eine der neusten Verpflichtungen von Czar of Crickets. Auch hier steht Rotter im Publikum. Die Tournee findet bereits zum zweiten Mal statt, Zatokrev waren beteiligt, als sie ins Leben gerufen wurde, und auch in diesem Jahr spielen sie an einigen Daten. Auf ihren Labelchef angesprochen, geraten die Musiker von Khaldera einstimmig ins Schwärmen. Über sein Netzwerk, seine Energie, seinen Enthusiasmus. Kaum jemand in der Szene, den sie kennen, sei seit Jahren so aktiv.

Wie kam es, dass du ein Label gegründet hast?
Ich bin quasi eines Tages mit dem Wunsch dazu aufgewacht. (lacht) Als wir mit Zatokrev das erste Album gemacht haben, verhandelte ich zum ersten Mal mit Labels. Immer war klar: Man will auf einem Label sein. Nur, was das konkret bedeutete, was dahintersteckte, darüber wussten wir nicht allzu viel. Da ergaben sich Kommunikationsschwierigkeiten, fielen Wörter, die wir nicht verstanden. Auch weil ich die Prozesse und Mechanismen des Geschäfts verstehen wollte, fand ich es eine gute Idee, das selber mal zu machen.

Wie sahen die ersten Schritte aus?
Alles geschah sehr intuitiv. In der ersten Zeit habe ich klassisch die Pressungen meiner Bands bezahlt, das erste Release war ein Album von Zatokrev. Das war quasi der Probelauf, um auszuprobieren, wie man überhaupt ein Label betreibt. Dann habe ich Palmer, Carma Star und Treachery herausgebracht.

War es auch ein Pokern?
Ja, total. Allerdings zunächst kein besonders erfolgreiches. Das Label hat mich zunächst eine Menge Geld gekostet. Irgendwann wurde es auch zu viel Arbeit, so lag es einige Zeit brach. Die Infrastruktur mit meinem Vertriebsnetz, Barcode, ISRC Codes und Labelcode behielt ich, um es befreundeten Bands zur Verfügung zu stellen.

Was macht ein gutes Label für dich aus?
In erster Linie, was der Name schon sagt: seine Fähigkeit zu labeln. Wenn «Southern Lord» auf einer Platte stand, konnte ich, zumindest lange Zeit, darauf gehen: Das sollte ich mir reinziehen.

Was sagt es über eine Platte aus, wenn «Czar of Crickets» draufsteht?
Zunächst nur, dass ich persönlich finde, dass das authentischer, einzigartiger Sound ist.

Hast du stilistische Leitplanken?
Eigentlich nicht. Aber ich überlege mir natürlich schon, ob ein Künstler mit dem Label kompatibel ist. Damit meine ich, ob ich mir vorstellen kann, dass meine Promokontakte Interesse daran haben könnten. Ich muss der Band ja auch etwas bieten können.

Wann wurde dir klar, dass Czar of Crickets sich etablieren könnte?
2014 habe ich mir überlegt, wie ich mich selbstständig machen könnte. Ich wollte mein eigener Chef sein. Ich hatte das Label und fragte mich, was ich tun muss, um davon meine Rechnungen bezahlen zu können, also habe ich Gas gegeben. Der RFV (Rockförderverein Basel) unterstützt jedes Jahr ein Unternehmen aus der lokalen Musikbranche, 2015 auch mein Label. In der Schweiz gibt es nur wenige aktive Metallabels, neben meinem etwa noch Hummus Records oder das neu in der Romandie gegründete Cold Smoke.

Kannst du von deinem Label leben?
Mehr schlecht als recht. Für 80 bis 85 Prozent reicht es, den Rest verdiene ich mit Zatokrev.

Gibt es eine Grenze, wie gross das Label werden soll?
Da ich ein ziemlicher Kontrollfreak bin, würde ich jetzt nicht wollen, dass es riesig wird.

Es muss eine One-Man-Show bleiben?
Oder eine Two-Men oder eine Three-Men-Show. (lacht) Ich fände es toll, wenn auch Lucas (Löw, Label-Praktikant und Bassist bei Zatokrev) das vielleicht einmal beruflich oder zumindest halbberuflich machen könnte. Aber das Label soll in den Händen eines Teams bleiben, in dem man sich schon länger kennt und das die Szene kennt.

Bringt es Czar of Crickets etwas, wenn Zeal and Ardor oder Schammasch die Blicke auf Basel ziehen?
Das merke ich schon. Dieses Jahr sind zum Beispiel viel mehr Anfragen reingekommen von Medien, die etwas über das Czar Fest schreiben wollen. Kürzlich habe ich mit der «Badischen Zeitung» gesprochen. Die haben dann auch von der «Metalstadt Basel» geschrieben. Für die Szene ist das super. Auch der Vorverkauf läuft merklich besser.

Gibt es die Metalszene Basel auch physisch?
Es gibt schon Zentren, wo sich Musiker und Fans treffen, die Bar «Irrsinn» ist so eines oder das Kultlokal Hirscheneck.

Suchst du aktiv nach neuen Bands für dein Label?
Meistens verläuft es umgekehrt, doch das passiert auch. Es muss nicht mal in erster Linie darum gehen, dass die Band auf meinem Label landet. Ich trinke auch gerne ein Bierchen mit Bands, bei denen ich Potential sehe, vielleicht kann ich sie an andere Stellen vermitteln. Krane zum Beispiel sind eine wahnsinnig gute Band aus Basel, die einiges Material auf Youtube haben, aber kaum Views. Du hörst dir das an und denkst: Wieso?

Spürst du Verantwortung für brachliegende Qualität im Underground?
Verantwortung würde ich nicht sagen, aber ich bin auch in eine Position reingerutscht, dass gewisse Leute auf mich hören. Krane werden vielleicht nie auf meinem Label sein, aber doch spreche ich jetzt mit euch über sie. Hört sie euch an!