«Eine Band, die ihre Musik als
Black Metal bezeichnet, sollte bestimmte Grenzen
nicht überschreiten»

Mit «Triangle» hat die Basler Band Schammasch eines der besten Metalalben des Jahres veröffentlicht. Im Interview spricht Sänger und Gitarrist Chris über grosse Ambitionen, die Macht der Verkleidung und darüber, wieso er fast nur noch Ambient hört.

Ester Segarra

Wir betreten ein unauffälliges Haus in einem unauffälligen Basler Wohnquartier und steigen das betongraue Treppenhaus in einen Luftschutzkeller hinunter und in den Raum, in dem Schammasch ihre gewaltigen Songs schmieden. «Willkommen im Saustall», sagt C., wie der Sänger und Gitarrist der Band in der Öffentlichkeit dem ersten Buchstaben seines Namens nach schlicht genannt werden will. Am liebsten ist ihm, wenn von seiner Person möglichst wenig sichtbar ist – gerade mal ein «C.» eben. Wenn er eine Bühne betritt, dann nur schwarz geschminkt und in einem langen Gewand, in dem er ein bisschen wie ein Priester einer obskuren Religionsgemeinschaft aussieht.

Wir haben uns auf eine Couch in einer Ecke des gemütlichen Bandraum gesetzt. Auf dem Tischchen davor stehen leere Bierdosen und grosse Aschenbecher, an der Wand hängen Poster der Retro-Clown-Metaller Ghost und der norwegischen Black-Metal-Legende Emperor. «Die sind nicht alle von uns», sagt C.. Der Raum hat schon einiges an Basler Metal-Geschichte miterlebt, bereits die Black-Metal-Bands Atritas und Totenwinter haben hier geprobt. Aus der letzteren ist Schammsch 2009 hervorgegangen.

Bereits auf dem Weg zum Bandraum im Tram sind wir zu einem Reizthema vorgedrungen: die Hipster-Black-Metaller von Deafheaven. Meistens spricht C. ruhig und behutsam, aber bei diesem Thema wird er sofort bestimmt: «Ich wusste nicht, ob ich kotzen oder weinen sollte, als ich die Band einmal live gesehen habe», und er wirkt immer noch etwas angewidert, wenn er das sagt. Was ihn anwidert, ist nicht vor allem das, was er hört, sondern das, was er sieht …

C.: … an Silvester haben ich und ein paar Freunde uns zu einem kleinen Fest versammelt, im Hintergrund lief Musik auf Youtube. Irgendwann spielte der Algorithmus das neue Deafheaven-Album. Bis Marc, unser Gitarrist, uns darauf aufmerksam machte, fiel mir die Musik nicht weiter auf. Die spielen ja eigentlich stinknormalen Black Metal. Dann habe ich aber sofort die Musik gewechselt.

Obwohl du ihre Musik für stinknormal hältst, widersprechen Deafheaven deiner Vorstellung von Black Metal?
Genau, es geht mir um die Art, wie sie sich präsentieren. Vorallem der Sänger hat bei mir einen üblen Eindruck hinterlassen. Er macht auf mich den Eindruck, als wäre er eigentlich ein ganz sympathischer Typ, aber auf der Bühne sah er aus wie eine schlechte Michael Jackson Immitation im Metalgewand. Wenn ich das alles nicht sehen würde, fände ich die Band nicht mal so schlimm. Aber es geht auch anders: Alcest zum Beispiel weichen ja auch stark vom Black Metal ab, obwohl sie ursprünglich aus der Ecke kommen, aber machen das mit Stil und Ästhetik.

Ein musikalischer Purist bist du nicht…
Auf keinen Fall. Sonst könnte ich so etwas wie Schammasch ja nicht machen.

Du kritisierst das Gehabe von George Clarke, dem Sänger von Deafheaven. Aber auf der Bühne bist du auch nicht der freundliche Typ, der mit gerade gegenübersitzt.
Auf der Bühne geht es uns darum, dem Freiraum zu geben, was wir sonst in uns tragen, nicht sichtbar gegen aussen. Bei Clarke kommt mir die Bühnenpräsenz unehrlich und gespielt vor.

Wieso regt dich diese Band so auf?
Für mich ist sie ein gutes Beispiel dafür, dass eine Band, die ihre Musik als Black Metal bezeichnet, bestimmte Grenzen eben doch nicht überschreiten sollte. Wenn Deafheaven sich nicht in diesen Kontext stellen würden, wären sie mir völlig egal. Aber ich verstehe schon: Die wollen die Szene halt auch provozieren.

Bilder sind im Black Metal traditionell enorm wichtig, so auch bei Schammasch. Was bedeutet es dir, Kostüm und Gesichtsbemalung zu tragen?
Ich kann mir damit ein Alter Ego erschaffen, mit dem ich ganz andere Geschichten erzählen kann. Das macht die Black-Metal-Ästhetik für mich aus. Masken und Verkleidungen haben mich schon als Kind fasziniert, darum habe ich z.B. auch Halloween gemocht. Die Bühne ermöglicht mir auf eine Art, mein Inneres nach aussen zu kehren.

Was stellt dieses Alter Ego dar?
Eine spirituell losgelöste Entität, welche die Einheit von Licht und Dunkelheit repräsentiert. Die Kostüme sind aber auch eine Projektionsfläche fürs Publikum. Und auch für mein Gefühl auf der Bühne macht die Verkleidung einen riesigen Unterschied. Bei unseren ersten Konzerten haben wir nur schwarze Kleider getragen. Damit habe ich mich sehr unwohl gefühlt. Ich wusste: Es muss noch ein visuelles Element dazukommen, das die musikalische Stimmung zusätzlich anheizt. Im Vergleich dazu funktioniert Death Metal beispielsweise meistens vollkommen anders. Den Musikern ist es oft egal, was sie visuell darbieten. Dort stehen meist physische Energie, Spass und Alkohol an vorderster Stelle.

Das klingt ja wie bei Euronymous, dem ehemaligen Gitarristen von Mayhem, der sich auch schon über die Death-Metal-Poser in ihren Jogginghosen lustig gemacht hat.
So meine ich das nicht. Wenn eine Band nur die Musik ins Zentrum rücken will, verstehe ich das. Wir wollen jedoch eine Erfahrung auslösen, die tiefer geht. Wir nutzen das Visuelle, um ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, von dem die Musik nur ein Teil ist.

Was meinst du mit tiefer?
Ich sehe Schammasch nicht nur als eine Band, sondern als ein künstlerisches Konzept, das mit verschiedenen Mitteln eine bestimmte Grundidee ausdrückt.

Was ist diese Grundidee?
Ich habe befürchtet, dass diese Frage kommt (lacht). Die ist schwierig in Worte zu fassen. Ich könnte dicht jetzt einfach ganz lange anstarren, einen Schluck Wein nehmen und «Satan» sagen.

Du spielst auf die ikonische Szene aus der Vice-Dokumentation über den ehemaligen Gorgoroth-Sänger Gaahl an. Eine stärkere Attitüde geht kaum.
Ich glaube nicht, dass das eine Attitüde ist. Die Präsenz dieses Mannes, vor dem ich einen riesen Respekt habe, kann man nicht einfach inszenieren. Meine Freundin hat mir eine lustige Anekdote über ihn erzählt. Sie war an der Verleihung des Metal-Hammer-Awards in London und sass an der Afterparty am selben Tisch wie Gaahl. Alle hatten eine gute Zeit, aber Gaahl sass den ganzen Abend lang einfach da und sagte kein einziges Wort.

Aber zurück zu dieser Idee. Hat die mit Religion oder Spiritualität zu tun?
Ja, es geht mir um eine spirituelle Ebene, die alles übersteigt, was sich mit Worten ausdrücken lässt. Zu dieser Ebene wollen wir an unseren Konzerten vordringen. Wir wollen nicht nur gute Konzerte spielen, die man am nächsten Tag wieder vergisst. Die Energie hinter Schammasch besteht darin, die Stärke von Klang, Ästhetik, Kunst und Einheit auszudrücken. Das Wort Einheit bezieht sich hier in erster Linie auf religiöse Philosophien.

Wie war es für dich, als du Black Metal entdeckt hast?
Im Vergleich zu den Thrash-Bands, die ich davor gehört hatte, war das nochmals eine ganz andere Stufe. Die dunkle und bizarre Ästhetik hat mich enorm fasziniert. Die epischen Arrangements und Videos von Cradle of Filth und Dimmu Borgir, die damals in ihrer Blütezeit waren, haben mich als Teenager sehr beeindruckt. Auf der anderen Seite Darkthrone mit dem puren Minimalismus, der ebenfalls sehr endrücklich war.

Black Metal ist längst nicht mehr euer einziges musikalisches Territorium. Das letzte Drittel von Triangle bewegt sich stilistisch beinahe komplett im Ambient. Seid ihr noch eine Black-Metal-Band?
Ich würde sagen, man kann uns als eine sehen. Allerdings verwenden wir diese Stilbezeichnung nicht, das machen vor allem die Medien. Der Begriff «Avantgarde» macht für mich mehr Sinn, weil er Offenheit und Eigenständigkeit betont. Selber höre ich ja gar nicht mehr viel Metal, auch mit der Szene fühle ich mich nicht mehr wirklich verbunden.

Was hörst du dann?
Derzeit vor allem Dark Ambient. Manchmal auch einfach billige Noname-Relax-Musik auf Youtube. Die wirkt teilweise tatsächlich sehr entspannend.

Bist du müde geworden vom Metal?
Metal verlangt dem Hörer enorm viel ab und diese Energie kann ich nur noch selten aufbringen. Oft empfinde ich sogar Songtexte schon als störend. Texte regen mich zum Denken an, aber wenn ich Musik höre, suche ich oft das Gegenteil: Ich will dazu abschalten können. Früher war das anders, da habe ich Metal überhaupt nicht als anstrengend empfunden. Diese Musik wirkte vor allem erlösend, sie war ein Mittel, schlechten Emotionen Ausdruck zu verschaffen.

Ihr spielt im Frühling 2017 am Roadburn, einem der wichtigsten Metalfestivals der Welt. Dort werdet ihr Triangle ganz spielen, also inklusive der Ambient-Stücke vom dritten Teil des Albums. Wie werdet ihr das machen?
Wir werden die komplette Show mit drei Gitarren spielen, dazu haben wir bereits John, unseren Ersatzgitarristen, der auch auf der kommenden Tour dabei sein wird, engagiert. Ich habe bereits ein relativ gutes Bild davon im Kopf, wie sich die Songs der ersten beiden Albumparts mit drei Gitarren umsetzen lassen, für den dritten Part habe ich ebenfalls einige Ideen, allerdings steht diesbezüglich noch haufenweise Arbeit bevor, da vieles umgeschrieben und angepasst werden muss. Wir werden uns bis zum Äussersten auf diese Show vorbereiten. Das Endergebnis kann nur phänomenal und einzigartig werden, alles andere steht nicht zur Debatte. Das wird unser bisher wichtigstes und speziellstes Livekonzert und definitiv ein Highlight meines Lebens.

Triangle ist ein gewaltiges Werk. Hast du diesen Anspruch bei Schammasch von Anfang an ins Auge gefasst?
Auf jeden Fall. Ich habe diese Band nicht gegründet, um noch einmal eine Hobbyband zu haben. Ich will Musiker sein und am liebsten einmal davon leben können. Wenigstens die Verluste einmal reinzuholen, wäre schön. Das geht heute nur, wenn man auch investiert: in eine gute Produktion, ein Netzwerk, ein gutes Label, auch ein Image. All diese Dinge sind Teil davon, ob man das wahrhaben will oder nicht.

Das verträgt sich schlecht mit dem antikommerziellen Underground-Ethos, das in grossen Teilen der Black-Metal-Szene noch immer verteidigt wird.
Absolut. Dieses Ethos entspringt der Traumwelt von ein paar Hobbykeller-Musikern. Aber mit Kunst und Realität hat das wenig zu tun. Ich habe all mein Geld und all meine Zeit in dieses Album gesteckt. Vor über einem Jahr habe ich meinen Job hingeschmissen. Ich habe nicht das geringste Interesse daran, ein Album als mit einer Stückzahl von 20 Kassetten herauszubringen, die mit den alten Elite Black-Metal-Regeln total konform ist, aber weder einen Rappen noch sonst was abwirft. Das überlasse ich den Leuten, die einer längst vergangenen Zeit nachheulen und es nie geschafft haben, mit ihrem Tun über ihren Proberaum hinauszuwachsen.

Wieso hast du deinen Job gekündigt?
Das hatte verschiedene Gründe, aber ich wollte vor allem auch diesen Schritt wagen, meinen Lebensunterhalt auf schwierigeren Wegen zu verdienen als mit einem durchschnittlichen Bürojob. Den ganzen Tag arbeiten, am Abend völlig kaputt nach Hause kommen und dann noch kreativ sein – das geht einfach nicht. Kreativität braucht Freiräume, in denen Ideen entstehen können. Die Kündigung war sozusagen mein letzter Schritt in ein Leben das der Kunst gewidmet ist.

Wäre Triangle nicht möglich gewesen, hättest du noch gearbeitet?
Möglich vielleicht schon, aber es wäre nicht so ambitioniert geworden. Bei «Contradiction» habe ich das so gemacht: Ich habe am Abend und an den Wochenenden Songs geschrieben und dann drei meiner vier Ferienwochen gebraucht, um das Album einzuspielen. Danach habe ich von einem auf den andern Tag wieder 100 Prozent gearbeitet. Das hat mich ans absolute Limit getrieben.

Vom Rockförderverein Basel habt ihr kürzlich 7000 Franken bekommen. Ich finde es bemerkenswert, dass in der Schweiz eine Metal-Band subventioniert wird. Wie erklärst du dir das?
Ich denke, es ist auch den Schweizern wieder etwas klarer geworden, dass diese Musik und ihre Szene Hand und Fuss haben und als das ernstgenommen werden sollten, was sie sind. Auch von Medien und Leuten, die ihr persönlich nichts abgewinnen können. Bisher wurden unsere Anfragen für Subventionen mehrheitlich ignoriert. Ich bin sehr froh darüber, dass nun einige Dinge dennoch funktioniert haben. Ohne Subventionsgelder könnten wir dieses Jahr als Band nicht überstehen.

Empfindest du das Metal-Label als einengend?
Da bin ich gespaltener Meinung. Einerseits bringt man das Label kaum mehr los, wenn man mal eine Metal-Band war, ausser vielleicht man heisst Ulver. Andererseits ist es mir egal, wenn wir in dieser Schublade sind. Denn alles was wir machen werden, wird sich in irgendeiner Form innerhalb der Metal-Ästhetik bewegen. Die Düsternis in unserer Musik, die ich nie aufgeben würde, wird uns immer irgendwie mit dem Black Metal verbinden, auch wenn wir ein reines Ambient-Album aufnehmen würden.

Trotzdem habe ich das Gefühl, eure Songs seien ein wenig heiterer geworden.
Triangle besitzt definitiv einiges an positiverer Energie als Contradiction, aber das hat mit persönlichen Umständen zu tun. Als «Contradiction» entstand, hatte ich eine sehr schwierige Zeit. Die hatte ich zwar durch den Triangle-Prozess ebenfalls, habe aber versucht, positivere Wege zu finden, damit umzugehen.

Vielen Künstler behaupten, sie seien kreativer, wenn es ihnen schlecht geht. Glaubst du auch daran?
Ich glaube nicht nur daran, ich erlebe es immer wieder: dass Leidenschaft immer auch Leiden bedeutet, wie dieses schöne Wort schon sagt. Leid ist eine riesige Quelle von Energie, die bei mir irgendwie zum Ausdruck kommen muss. Andererseits kann auch Wohlergehen durchaus zu Kreativität führen.

Welche Reaktionen habt ihr auf Triangle bekommen?
Abgesehen von den vielen erfreulichen Reviews erhalten wir erstaunlich viele Reaktionen von Fans aus der ganzen Welt, die tief berührt sind von unserer Musik. Kürzlich hat uns jemand geschrieben, dass Triangle ab sofort sein Metal-Album Nummer eins sei. Heftig war auch eine Nachricht von einem Black-Metal-Musiker aus Syrien. Er schrieb uns, es gehe ihm dort zwar beschissen, dennoch habe er unter den schwierigen Bedingungen ein Album aufgenommen. Unsere Musik habe ihm geholfen, durch schwere Zeiten zu kommen. Es tut gut, so etwas zu hören.


Ich habe C. noch um ein paar Ambient-Tipps gebeten. Folgende Liste stellte er «mal so aus dem Stegreif» für uns zusammen: Treha Sektori (Dark Ambient, Industrial, FR), Sephiroth (Dark Ambient, SE), Biosphere (Ambient, Electronica, NO), Sembler Deah (Ambient, Drone, FR/BE), Herbst9 (Dark Ambient, DE), Phurpa (Rituelle tibetische Musik mit tantrischem Obertongesang, RU), Psychomanteum (Ambient, USA), Atrium Carceri (Dark Ambient, Industrial, SE) sowie alle andere Musik auf dem Schwedischen Label Cold Meat IndustryHalo Manash (Dark Ambient, FI), Arktau Eos (Dark Ambient, rituelle Musik, FI).