Das Metaljahr 2019 in 30 Alben

Krallice – Wolf
9. Januar

Wie der Psychologe Friedemann Schulz von Thun weiss, hört jeder Mensch mit vielen Ohren. Das trifft ganz besonders auf die EP Wolf zu, die nach den zwei Veröffentlichungen von 2017 (Loüm, eine Kollaboration mit Neurosis’ Dave Edwardson, und das exzellente Go Be Forgotten) Krallice’ imposantes Gesamtwerk um 15 Minuten verlängert. Da ist mal der Humor: Der mittlere Song namens «.:.» dauert gerade mal 15 Sekunden. Jetzt ernsthaft? Andere Stellen scheinen nur darauf aus zu sein, die Hörerwartung mit unmöglichen Klängen und Rhythmen zu unterwandern. Ein anderes Ohr hört dem possenhaften Aufspielen guter Musiker zu, die immer neue und komplexere Spielformen präsentieren, einfach weil sie es können. Ist man ein bisschen bewandert in Krallice’ Werkgeschichte, so hört sich Wolf auch wie das Konzentrat eben dieser an. Es ist durchaus erstaunlich, wie viele unterschiedliche Ideen Krallice in diese 15 Minuten reinpacken und doch nichts beliebig oder inkohärent klingen. Je mehr Ohren hören, desto mehr gibt es zu entdecken. – Benno Meyer


Altarage – The Approaching Roar
25. Januar

Schon der Titel, etwa «das näher kommende Dröhnen», fängt den bedrängenden Horror gut ein, den Altarage auf ihrem neuen Album zu erzeugen vermögen. Die Musik auf The Approaching Roar ist atmosphärisch, gerade indem sie zunächst undurchdringbar erscheint. Hektische Riffs, gespielt auf sehr tief gestimmten Gitarren, die immer mal wieder auch schlicht aus einem einzigen, zu einem überdimensionalen Rauschen verzerrten Ton bestehen, verdichten sich zu einem völlig unübersichtlichen Gesamtbild. Wie ein fieser Fiebertraum aus angeschwärztem Death Metal mit Drone-Einspritzung. – rop


Funereal Presence – Achatius
15. Februar

Der New Yorker Matthias Müller hat eines der verschrobensten und schönsten Black-Metal-Alben des Jahres gemacht. Anders als bei anderen Versuchen, zu klingen wie die Bands der Neunzigerjahre, wird hier der ästhetische Anschluss an den Dilettantismus von damals nicht primär über die Gitarre, sondern über das Schlagzeug gesucht. Dumpf poltern Toms und Bassdrum, knöchrig klappert die Snare, renitent simpel sind Figuren und Beckenkombinationen, die Hallos der Cowbell. Was die Gitarren machen, hat hingegen weniger mit Retro zu tun. Sicher, es gibt rasende Edvard-Grieg-Kaskaden und Riffs, denen zwei alternierende Töne genügen. Doch es ist die zu einem schrillen und schillernden Tosen gewobene Textur aus psychedelischem Flackern, aus Leads, die mal kreischen, mal singen, umgeistert von einem hintergründigen Gesang, die Achatius seinen eigenwilligen Charme verleihen. Funereal Presence kennt die Moderne, weiss um Yellow Eyes, Krallice und Co., lässt deren Rifftüfteleien jedoch in die Mystik urtümlichen Black Metals zurückfliessen. – rop


Vanum – Ageless Fire
15. Februar

Vanum sind – wie andere Bands auf dieser Liste – in der New Yorker Black-Metal-Szene vernetzt. Im Fall von Ageless Fire äussert sich dies jedoch weniger in der Musik als im stylischen Artwork. Das Gemälde eines Vulkanausbruchs wird mit einfachen goldenen Lettern und einem Rahmen geziert; Tradition trifft Moderne, sozusagen. Dies beschreibt auch die Spielart des Black Metal auf diesem Album gut. Die Riffs sind einfach, aber harmonisch und nach aktueller Produktionsästhetik sauber eingespielt. Darunter powert ebenso sauber und kraftvoll das Schlagzeug und die Stimme von Michael Rekevics besingt die Apokalypse. Es ist episch, was hier abgeht, und doch in keiner Weise theatralisch oder affektiert, wie es manchmal bei amerikanischen Black-Metal-Bands dieser Couleur vorkommt. Nein, die Ernsthaftigkeit ist ganz der Musik und deren Inszenierung gewidmet, die Musizierenden sind dabei lediglich ihr Medium. – Benno Meyer


Akasha – Canticles of the Sepulchral Deity
15. März

Eine zerlumpte weibliche Gottheit im Blutrausch ziert das Cover von Akashas erstem Album. Gemalt hat es Jeff Whitehead, der umtriebige Künstler und Musiker hinter Leviathan. Es gehe auf Canticles of the Sepulchral Deity um das göttlich Weibliche, hat Leech, der auf dem Album alle Instrumente spielt, in einem Interview gesagt. Zum Glück wird das etwas pathetische Konzept auf Canticles nicht in Entrückungskitsch, sondern in hässige Raserei umgesetzt. Das Glanzstück des Albums ist «Sepulchral Oath» mit klassisch klirrenden Riffs, punkiger Hektik und dem unvergesslichen Schlussteil mit einem apokalyptischen Blueslick. – rop


Oozing Wound – High Anxiety
15. März

Songtitel wie «Surrounded By Fucking Idiots», «Birth of a Flat Earther» oder «Riding the Universe» verdeutlichen zwei Dinge über Oozing Wound: Die drei Jungs aus Chicago arbeiten sich wutentbrannt an verschiedenen Entfaltungen der postfaktischen Gesellschaft ab; aber sie verlieren dabei auch nie den Humor, die einzige Bewältigungsstrategie, die ihnen bleibt. Diese Musik klingt tatsächlich wie ein drogeninduzierter Ritt auf dem Universum; teils chaotisch, teils harmonischer, aber immer unbarmherzig nach vorne. Thrashgrindpunk halt. Oder wie sie selber meinen: «Oozing Wound on High Anxiety are nihilistic pied pipers making us laugh our way to the apocalypse.» Selten gelang die Balance zwischen Wut und Spass so gut. – Benno Meyer


Nusquama – Horizon Ontheemt
22. März

Die fünf Musiker*innen von Nusquama sind unter anderem auch in den Bands Laster, Turia, Fluisteraars aktiv. Das Debütalbum Horizon Ontheemt wurde im Frühling kurz nach seinem Erscheinen am Roadburn Festival quasi uraufgeführt. Ein Blitzstart. Mit Horizon Ontheemt ist es wie mit anderen Projekten des Labels Haeresis Noviomagi (Turia, Solar Temple, Iskandr u.a): Akkorde, offene und sperrige, Riffs, flächige und hookige, werden zu einem sprühigen Klanggewäsch verloopt und verdichtet, aus dem Akzente und wiederkehrende Motive sich schemenhaft herausschälen und kurz bleiben, bis das nächste Element den Stab übernimmt. – rop


Ultra Silvam – The Spearwound Salvation
22. März

Ultra Silvam mögen keine alten, weiss bemalten Männer. Nichts sei schlimmer, als alte Black-Metal-Typen, die heute noch glaubten, etwas darüber sagen zu müssen, wie diese Musik zu klingen, auszusehen oder überhaupt zu sein habe, sagten sie in einem Interview mit dem Blog Bardo Methodology. Ultra Silvam finden aber auch, dass die überzeitliche und absolut gültige Formulierung davon, wie Black Metal zu klingen, auszusehen und überhaupt zu sein habe, anfangs der Neunziger gefunden wurde und seither nur immer wieder richtig aufgerufen werden müsse
und das sei dann guter Black Metal. Ultra Silvam sind so fest davon überzeugt, dass das stimmt, dass sie das dann auch wirklich durchziehen: klingen wie die Alten, nur halt nicht wie Alte, sondern wie ein Rudel
junger, wildgewordener Wölfe, die ausserdem ihre Instrumente besser spielen können. Wie auf Koks, was Nifelheim auf Speed sind: ähnlich,
nur feiner. – rop


Sunn O))) – Life Metal
13. April

Es ist schon clever, wie Sunn O))) aus einer simplen Formel diese wunderbare Welt zwischen Metal und avantgardistischer Klangkunst erschaffen haben. Zwei Gitarren, sehr langsame, sehr laute Drones, sehr viel formloser Lärm eigentlich – das muss ja irgendwann langweilig werden. Ganz im Gegenteil, mit Life Metal – und dem ebenfalls grossartigen, ein paar Monate später erschienenen Pyroclasts – haben Greg Anderson und Stephen O’Malley ihrem Werk nochmals die Krone aufgesetzt. So vielschichtig, brillant und gleichzeitig roh haben ihre majestätischen Drones auf einer Studioaufnahme noch nie geklungen. Sunn O))) haben das Album live eingespielt und analog aufgenommen, die vier Songs sind so einfach wie möglich gehalten. Und das Zusammenspiel mit erlesenen Kollaborateur*innen wie der isländischen Cellistin Hildur Guðnadóttir ist unglaublich elegant. – huz


Spirit Adrift – Divided by Darkness
10. Mai

So schamlos Retro wie dieses Album war 2019 kaum eines. Divided by Darkness von Spirit Adrift ist eines dieser Alben, bei denen man sämtliche musikalischen Elemente irgendwo in den goldenen achtziger Jahren hätte finden können und erst deren Anordnung die historische Distanz aus der Gegenwart verrät. Die Retromania, das Zeitalter der geradezu besessenen Wiederbelebung vergangener Momente und Stimmungen der Popgeschichte, ist ja etwas verspätet im Heavy Metal angekommen, es gibt also noch viel Material zu entdecken und auszuschlachten. Im Fall von Divided by Darkness sind es etwa die frühen Platten von Ozzy Osbourne (den Black-Sabbath-Einfluss haben Spirit Adrift mehrheitlich in ihren frühen Doom-Jahren zurückgelassen) und von Metallica oder die melodische Gitarrenarbeit der NWoBHM. Der Sound dieser Platte, immer noch mit doomiger Wärme gesättigt, ist hinreissend, die Songs von vorne bis hinten verdammt gut geschrieben. Und wir haben hier ein paar der schönsten Twingitarren des Jahres gehört: am Schluss von «Divided by Darkness», ab der Mitte von «Tortured by Time» oder im pompösen Finale von «The Way of Return». Verglichen werden Spirit Adrift natürlich mit Khemmis oder Pallbearer. Wenn man sich anschaut, wie es bei diesen zuletzt so gelaufen ist, müsste man die Hoffnung in dieser Ecke zukünftig klar auf Spirit Adrift setzen. Aber warten wir einmal die nächste Pallbearer ab. – huz


Verwoed – De Val
23. Mai

De Val steht in der Linie dissonanten Black Metals, wie er in den 2000er Jahren von Bands wie Deathspell Omega und Blut Aus Nord geprägt und in den letzten Jahren am beeindruckendsten von Bands aus der Reykjaviker Szene weiterentwickelt wurde. Verwoed gelingt das Kunststück, die aus schrägen Riffs und Harmonien geschmiedeten Songs direkt und eingängig zu halten. Exemplarisch steht dafür «De kwelling van het bestaan»: Dämmernde Arpeggios und röhrender Gesang beschwören eine unheimliche Atmosphäre herauf. Das dynamische Songwriting und Details wie das filigran auf die Riffs abgestimmte Beckenspiel halten uns vom ersten bis zum letzten Takt in diesem warm produzierten Inferno gefangen. – rop


Krypts – Cadaver Circulation
31. Mai

Krypts aus Helsinki reiten auf der anhaltenden Welle von klassischem Death Metal in neuem Gewand, die man vielleicht Old Wave of New Death Metal nennen könnte und die schon so viele hervorragende (und auch sehr unterschiedliche) Alben von Bands wie Venenum, Sulphur Aeon oder Chapel Of Disease angespült hat. Auf Cadavar Circulation zeigen sich Krypts vor allem songwriterisch auf einem neuen Level. Fräsende Riffs, doomige Breaks und interessante Leads, changierend zwischen melodisch-erhaben und sperrig-dissonant, schmücken die Grundsubstanz aus walzendem Death Metal schwedischer Schule opulent aus. Doch bei aller Komplexität gehen Songs wie «Sinking Transient Waters» oder «Echoes Emanate Forms» auch direkt ins Ohr. Und in den Bauch. – rop


Kvelgeyst – Alkahest
12. Juni

Das imaginierte Mittelalter ist das konzeptionelle Zuhause von Kvelgeyst, einer neuen Stimme aus dem Helvetic Underground Comittee, dem auch Ungfell und Dakhma angehören. Doch statt um Pest, Cholera und Inquisition geht es hier um Alchemie. Und wie eine Serie von aus dem Fenster eines dunklen Turmes blitzender Versuchsexplosionen mutet Alkahest auch an. Hier wird viel zusammengeschüttet, was für sich schon explosiv ist – etwa Black Metal, Speed Metal, Punk –, und miteinander zur Reaktion gebracht. Es spukt und rasselt, Alkahest hat Hooks, die schräg und doch erhaben klingen, und Riffs, die klirren wie eine sternenklare Winternacht («Miasma»). Alkahest ist giftig und hat dabei Humor. Es ist damit Karneval im besten
Sinn. – rop


False – Portent
1. Juli

Wie schreibt man eine Metal-Symphonie ohne jegliches Pathos? False bringt dieses Kunstwerk auf ihrem Album Portent mit Leichtigkeit zustande. Die süffigen Melodien, die epischen Akkorde werden untergraben von Rachels rauen Shouts und einer punkigen Entspanntheit aller sechs Musizierenden, die nicht auf Selbstinszenierung aus sind. Dazu passt, dass False auf ihrer Tournee in besetzten Häusern haltmachen, wo der Sound aus Boxen kommt, die das Jahr über im feuchten Keller standen. Dabei haben sie sich mit diesem Album – das Artwork aus dem Pinsel von Mariusz Lewandoswski rückt sie nicht nur optisch in die Nähe von Bell Witch und Mizmor – auf nahezu jede Jahresendbestenliste im Genre gespielt und werden von Bandcamp auf den zehnten Platz der genreübergreifenden hundert besten Alben des Jahres gesetzt. – Benno Meyer


Yellow Eyes – Rare Field Ceiling
1. Juli

Yellow Eyes, zusammen mit Krallice die Speerspitze des New York Black Metal, bleiben ihrem ganz eigenen Sound auch auf dem neuen Album Rare Field Ceiling treu. Mike Rekevics blastet einen Beat auf einer Bassdrum, die nach Karton klingt, darüber legen die Gebrüder Sam und Will Skarstad ineinanderlaufende Gitarrenläufe, die sich gekonnt im Spiel zwischen Dissonanz und Harmonie bewegen. In noch weiteren Höhen befindet sich der wolkige, wattige Gesang Wills, während Alexander DeMarias Bass die Lücke zwischen Gitarren und Bassdrum schliesst. Doch ebenso wichtig sind die Songintros und -outros, wo die Songs ineinander übergehen. Dort wird die Black-Metal-Wand niedergerissen und auf ihren Trümmern mit Windspiel, Kalimba, Gesängen und Field Recordings eine einzigartige Stimmung geschaffen. – Benno Meyer


Tomb Mold – Planetary Clairvoyance
19. Juli

Was Manor of Infinite Forms, das letztjährige Album von Tomb Mold, so charmant machte, waren die Ornamente aus Doom, die ihrem räudigen Death Metal eine epische Note gaben und den Riffs die Kanten schliffen. Den Tapetenwechsel zu Planetary Clairvoyance sieht man schon an der Farb- und Motivgestaltung der Covers: dort warme Gelbtöne und goreige Fleischlichkeit, hier kaltes Blau und eine dystopische Sci-Fi-Welt wie von HR Giger. Planetary Clairvoyance ist eine Art Konzeptalbum über die «komplette Auslöschung von allem», wie Gitarrist Derrick Vella in einem Interview sagte, und das kann bekanntlich nur im Weltraum geschehen. Die Doom-Note ist auf diesem Album komplett verschwunden, der rohe, garstige Sound der gnadenlos voranpreschenden Riffs schlägt mit voller Wucht ein. Tomb Mold wollen
den Death Metal nicht neu erfinden, sondern, wie ihre Peers von der Old Wave of New Death Metal, mit handwerklicher Brillanz immer weiter verdichten. – huz


King Gizzard & the Lizard Wizard – Infest the Rats‘ Nest
16. August

Ach, das würden wir uns doch öfters wünschen: dass eine Band, die mit dieser Musik bisher nichts am Hut hatte, ohne Berührungsängste und mit einem solch ansteckenden Spieltrieb an unseren geliebten Heavy Metal herangeht. King Gizzard & the Lizard Wizard sind eine der wichtigsten Bands des zeitgenössischen Psych Rock und eine der produktivsten Bands des Planeten. Jetzt haben die Australier also noch schnell ein Thrash-Metal-Album über die Klimakatastrophe und eine in der nahen Zukunft angesiedelte Flucht zur Venus eingespielt. Man glaubt nicht, wie das klingt, bevor man Infest the Rats‘ Nest gehört hat – das Thrash-Riffing verträgt sich wunderbar mit dem von komplexen Gitarrenläufen und treibenden Rhythmen geprägten Sound der Band. Was so wunderbar ist an diesem Album: Alles wirkt hier zitiert, imitiert, angeeignet, aber gleichzeitig fühlt sich der rauschhafte Drive dieser Songs auch so echt an, wie es eine echte Thrash-Band heute kaum mehr hinkriegen würde. – huz


Imperial Cult – Spasm of Light
22. August

Das Atmosphärische am Black Metal auf die epische und klangfetischistische Spitze zu treiben, ist der gemeinsame Nenner der meisten Projekte aus dem Wirkungskreis des niederländischen Labels/Kollektivs Haeresis Noviomagi. Mit dem 33-minütigen Track «Spasm of Light» treiben Imperial Cult, mit Omar Iskandr (Gitarre) und T. (Gesang) von Turia, diese Kunst definitiv auf die Spitze. Doch anders als bei Turia, Solar Temple oder Iskandr klingt die aus zirkulären Riffs und doomigen Breaks gewebte Textur dunkler, hässiger. Das liegt vor allem am verschiedentlich modulierten Klang von Iskandrs Gitarre, in dem die verzerrten Akkorde auch mal bar ohne Patina aus Hall brutzeln dürfen. Besonders schön, mit beinahe pornographischem Zoom, geschieht das im fünfeinhalb Minuten dauernden Ausklang. Raw und Atmospheric Black Metal oppositionell zu betreiben, macht ja höchstens kategorisch Sinn. Besser ist es, das zeigt Spasm of Light, sie einher jagen zu lassen. – rop


Mizmor – Cairn
6. September

Cairn ist: eine berührende Synthese von resigniertem Doom und unverzagtem Black Metal,
hat: melodiös rauschende Schrammelriffs und traurig leiernde Singgitarren und lochtiefe Doom-Schläge,
beginnt: unverzagt, verzagt dann je länger je mehr und resigniert
endlich. – rop


Cloud Rat – Pollinator
13. September

Cloud Rats Pollinator hat vierzehn Tracks und dauert 31 Minuten, doch
die haben es in sich. Die Intensität fällt selten unter 99 Prozent, die Riffs ausschliesslich aus Rorik Brooks’ Gitarre sind erstaunlich differenziert
und dynamisch, Brandon Hill am Schlagzeug blastet präzis nach vorn
und Madison Marshalls Stimme geht durch Mark und Bein. Anhören,
Punkt. – Benno Meyer


Norkh – Tides of Acid / Piles of Dirt
19. September

Norkh aus Berlin spielen eine Mischung aus Black, Death und Thrash Metal und Crust Punk, beherrschen die Death-Metal-Walze genauso wie den eisigen Wind und der abwechselnde Gesang von Drummer Maacki und Gitarrist Steps ist in einem breiten Spektrum ungemein ausdrucksstark. Meist geht es auf Tides of Acid / Piles of Dirt straight voran, minimalistisch, roh, dabei tight und in den Melodien und Drumfiguren genug kreativ, um frisch zu klingen. «Fire Firmament», eine solche Walze, überrascht mit beschwörendem Singsang im Hintergrund, «Plague Moon» mit atmosphärischen Posaunen und Keyboards. Die apokalyptische Industrielandschaft auf dem Cover und Songtitel wie «Patriotic Hordes» lassen zudem vermuten, dass es hier an der Politik nicht fehlt. Auch mal schön. – rop


Blut Aus Nord – Hallucinogen
20. September

Blut Aus Nord, Pioniere des avantgardistischen Black Metal, vermögen auch auf ihrer über zwanzigsten Veröffentlichung noch zu überraschen. Hallucinogen reiht sich nicht ein in die durch die Geschichte der Band sich durchziehende Dyade zwischen Alben, auf denen ziemlich klassischer Black Metal zu hören ist, und solchen, auf denen sich die Musik anderen Harmonien und Einflüssen aus anderen Stilen öffnet. Wie der dritte Weg von Hallucinogen klingt, hören wir schön auf dem eröffnenden «Nomos Nebuleam». Darin würzen Blut Aus Nord ihren sakralen Black Metal mit jazzig-krautigen Passagen und jubilierenden Classic-Rock-Einlagen. Die im Kern frostige Substanz von Hallucinogen erhält so eine liebevoll gezeichnete 70er-Musterung, in der der spärlich eingesetzte Kreischgesang und Stellen wie der Blastbeat am Ende von «Haalucinählia»fast nur noch wie Zitate wirken. – rop


E-L-R – Maenad
27. September

Das Post-Metal-Debüt des Jahres geben E-L-R. Das Berner Trio schustert cinematische Kisten, indem es Riffs schichtet, Texturen webt. Die Handwerksmetaphern, gerade in Metal-Kritiken oft bemüht, man kommt nicht um sie herum, wenn man E-L-Rs Musik beschreiben will. Zu den früher im Jahr als Demo veröffentlichten «Glancing Limbs» und «The Wild Shore» sind auf Maenad, das nach den Begleiterinnen des römischen Weingotts Bacchus benannt ist, drei weitere Songs gekommen. Zu fünft fügen sie sich nun zu dem, was Maenad sein will: ein soundtrackartiges Epos über Ekstase und Trauer in Anbetracht von Schönheit und Gefährdung einer idealisierten Natur. Das zehnminütige «Above The Mountains There Is Light» fesselt mit seinem spukigen, von kratzenden Störgeräuschen heimgesuchten Introteil und dem überraschenden, weil cleanen, Gastgesang von Amenra-Sänger und Bandfreund Colin van Eckhout. Ambientelemente wie flüsternde Stimmen im Hintergrund, der ätherische Klargesang von S.M. und I.R. und ein gutes Händchen für das richtige Mass an Repetition verleihen Maenad seine atmosphärische Kraft. Etwas für sich steht der stärkste Song des Albums, «Lunar Nights», mit seinem kalten Black-Metal-Herz. – rop


Sun Worship – Emanations of Desolation
18. Oktober

Sun Worship funktionieren auch zu zweit. Auf Pale Dawn (2016) noch ergänzt durch Felix-Florian Tödtloff mit Gitarre und Gesang, stemmen auf Emanations of Desolation Bastian Hagedorn am Schlagzeug und Lars Ennsen an der Gitarre die Welt alleine – und wie. Durch den freigewordenen Raum sind die feinen Riffs im gewünscht trockenen Klang über zwei Amps zu vernehmen und die rollenden Drumfills fügen sich perfekt ein. Die beiden teilen sich die Aufgabe ebenso beim Gesang: Bastians kratzige Stimme (als Drummer!) trägt ebenso durch die Songs wie Lars’ kraftvolles Organ – oftmals ergänzt durch stimmvolle, fast schon chorale Passagen. Sun Worship zeigen, dass die Reduktion ein ertragreiches Wagnis sein kann, wenn die Basis dafür gegeben ist. – Benno Meyer


Mayhem – Daemon
25. Oktober

Vielleicht liegt es an ihrer wechselhaften Geschichte, dass irgendwie alles interessant ist, was diese Band macht. Mit Daemon starten Mayhem keine musikalische Revolution mehr, eher verbinden sie darauf die atmosphärische Tiefe ihres Frühwerks mit dem vertrackteren Ansatz der Blasphemer-Jahre. Die Industrial-Kälte und die schlechte Laune von Esoteric Warfare (2014) ist verflogen, hier gibt es wieder Rhythmus und Punch. Teloch und Ghul, die aktuellen Gitarristen, streben nicht nach Verwirklichung, sondern tragen die Band mit dichten Soundflächen oder setzen Riffs, die viel Freude machen. Auch wenn wir Mayhem immer auf der Rechnung haben müssen, überrascht es doch, in welch blendender Form die älteste Black-Metal-Band der Welt
ist. – huz


Vacivus – Annihilism
25. Oktober

Vacivus versammeln auf Annihilism die schönsten goldenen Motorsägen des Jahres. Hymnische Melodien, die sich im Lauf der Songs noch entwickeln dürfen, lähmende Breaks und viel rollender Groove machen ein Death-Metal-Album, das zwar nicht besonders originell, dafür aber in dem, was es macht, besser ist als manches Original. – rop


Schammasch – Hearts of No Light
8. November

Das Schaffen von Schammasch verläuft ja seit einiger Zeit in mehreren parallellaufenden Bahnen. Seit dem Dreifachalbum Triangle gibt es die Ambient-Seite der Basler Band, die auch auf der EP The Maldoror Chants teilweise weiterverfolgt wurde. Hearts of No Light ist demgegenüber ein ziemlich straightes Gitarrenalbum. Mitunter auch, weil die Liebe von Gitarrist M.A. zu berauschendem Progressive Rock gerade in den Leads viel Raum erhält. Und weil darauf zum ersten Mal eine dritte Gitarre, diejenige des neu zur Band gestossenen J.B., zu hören ist, klingen die grandiosen Kompositionen noch grandioser. Klangliche Experimente wie mit der tanzbaren Perkussion in «Innermost, Lowermost Abyss» gibt es auch auf Hearts of No Light. Und die Hard-Rock-Nummer «A Paradigm Of Beauty», irgendwo zwischen Beastmilk und The Devil’s Blood? Schammasch sind jetzt wohl an einem Punkt ihrer Karriere, an dem man auch mal auf den Hit schielen darf. – rop


Esoteric – A Phyrric Existance
8. November

Das erste Album der Funeral-Doom-Urgesteine Esoteric seit acht Jahren hat Spielfilmlänge. Weder damit, noch mit seinem Stil und seiner Qualität tanzt es aus der Diskographie der Band aus Birmingham. Es scheint vielmehr, als sei Esoterics Herangehensweise immer auf den zeitlosen Meilenstein gepolt. Und auf das Monumentale. Bei den zeitlos monumentalen Riffs fängt es auch auf A Phyrric Existance an. Doch erst das nebulöse Beiwerk taucht die Rifftreppen in ein dialektisch psychedelisch schillerndes Licht. Das lodern der verzerrten Bassfrequenzen, der Konturen auflösende Hall auf tiefem und hohem Gesang, die spacigen Keyboardklänge – das alles hebt das Album in eine Sphäre, die bisweilen so weit weg scheint, dass die Schichten dieses Albums kaum mehr unterscheidbar sind. In solchen Momenten, wenn der Bass brodelt, der Gesang gurgelt und rauscht und die Keyboards blitzern, und wenn sich diese Momente wieder mit den Riffs im Kern der Songs verbinden, wird deutlich, wie fein komponiert, gemacht und produziert dieses Album ist. – rop


Blood Incantation – Hidden History of the Human Race
22. November

«Awakening From The Dream Of Existence To The Multidimensional Nature Of Our Reality (Mirror Of The Soul)», der achtzehnminütige Schlusstrack von Hidden History of the Human Race, beginnt nicht so, wie man es sich bei einem achtzehnminütigen Song vorstellt. Kaum Intro, kein Aufbau, stattdessen unmittelbar frickliges Death-Metal-Riffing à la Death und Morbid Angel. Das ist das Interessante an diesem grossen und grössenwahnsinnigen Album: dass es in seinen Mitteln irgendwie auch minimalistisch ist. Es bietet Death Metal in epischem und narrativem Arrangement als Sci-Fi-Konzeptalbum, ausgerechnet Death Metal, dieses einst so auf Spieltechnik konzentrierte, konzeptuell dagegen eher eindimensional daherkommende Genre. Und auch wenn genau das natürlich in seinen düstersten Ecken noch nie zutraf: Narrativ und atmosphärisch neu erfunden hat sich der Death Metal erst im nun endenden Jahrzehnt, vor allem in der Reibung mit dem Black Metal. Mit Hidden History of the Human Race heben Blood Incantation den Death Metal diesbezüglich aber nochmals in neue Höhen. – rop


Reveal! – Scissorgod
29. November

Wie Bands wie Okkultorkati und Oranssi Pazuzu, nur ganz anders, arbeiten Reveal! an der Schnittstelle von Black Metal und Psych Rock. Von den genannten Bands sind Reveal! aber die am räudigsten und hässigsten klingende. Wie Okkultokrati halten sie es sehr mit dem Rock’n’Roll. Der Bass läuft rauf und runter, das Gitarrenspiel oszilliert zwischen angeschwärzt punkig und verpeilt dämmrig, und das Schlagzeug hält den Spreizschritt über metrischer Komplexität und holzigem Poltern. Zwischen Momenten wie im bedrohlichen «Decomposer», in dem die Gitarre zuweilen getupft wird, dem geraderen «Harder Harder» und den sperrigeren Arragnements in den Songs gegen Ende des Albums entfaltet Scissorgod ein kaleidoskopisches Spektrum der Fiesheit. – rop