Das Metaljahr 2018 in 32 Alben

Diese Metalalben haben uns im vergangenen Jahr begeistert – lest nach aus welchen Gründen. Wir haben die Alben nicht nach Rängen geordnet, sondern chronologisch, denn jedes von ihnen verdient gehört zu werden.

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Watain – Trident Wolf Eclipse, 5. Januar

Watain haben ihr Reign in Blood geschrieben. Trident Wolfe Eclipse, das sechste Studioalbum der einstigen Retter des orthodoxen Black Metal aus Uppsala, ist, zumindest gemessen an Alben wie The Wild Hunt oder Sworn to the Dark, eine Beschränkung aufs Wesentliche. Songs wie das grindcoreartig explosive «Nuclear Alchemy», das rumpelnde «Furor Diabolicus» und die Dissection-Gedenk-Hymnen «A Throne Below» und «Towards the Sanctuary» finden jedenfalls einen Platz weit oben auf meiner Liste der besten Watain-Songs. Gefeiert wurde die Wiederauferstehung mit gewohnt pyromanischen Shows in grossen Hallen unter anderem in London, Paris und Berlin. Black Metal auf seinem rostig-glamurösen Zenit. rop


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Jute Gyte / Spectral Lore – Helian, 18. Januar

Vier Stunden (!) mikrotonales Geschiefer wie auf dem ebenfalls 2018 erschienenen Album Penetralia von Jute Gyte wären mir dann wohl doch zu viel. Dafür waren die zwanzig Minuten auf der Split mit Spectral Lore, Helian, umso schöner. Verbogene Riffs und verschobene Rhythmen taumeln über ein bisweilen an Oranssi Pazuzu erinnerndes, hypnotisches Grundgerüst; Das klingt schief, halluzinogen, avantgardistisch und manchmal auch witzig, weil es so over-the-top ist. Und nach Jute Gyte werden wir mit dem gediegenen Doom Metal von Spectral Lore belohnt. rop


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King Witch – Under the Mountain, 9. Februar

«I strike the sun if it insulted me!» King Witchs Debutalbum beginnt mit einem Paukenschlag oder besser einem Glockenschlag. Dazu gesellt sich eins der besten Riffs des Jahres und ein wenig später die eindrückliche Stimme Laura Donnellys, die auch das tolle Artwork beisteuerte. Man merkt es, diese Band beherrscht das Pop-Handwerk in unterschiedlichen Tempi und Intensitäten, immer scharf am Hardrock-Kitsch der Siebziger vorbei. Die Schotten werfen genug Gewicht in die Waagschale, um als Doomband zu gelten, die Balance zwischen den Vocals und den verspielten Riffs aus der Hand von Jamie Gilchrist stimmt. So stelle ich mir die wahre Musik zu Breaveheart vor. Benno Meyer


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Usurpress – Interregnum, 23. Februar

Stefan Pettersson überlebte die Veröffentlichung von Interregnum noch – lange war er nicht einmal sicher, ob er darauf überhaupt noch singen könnte. Der Sänger der schwedischen Death-Metal-Band Usurpress erlag diesen Sommer seiner Krebserkrankung. Unter riesigen Qualen beendete er zuvor noch die Arbeit am Album. Man könnte dieses Leiden nun in seine herausragende, abgründige Gesangsleistung hineinlesen, in die brachialen Growls und in die seltsam gequälten oder in majestätischem Gothic gesungenen Klarpassagen. Aber diese Todesaura braucht Interregnum gar nicht, um als eines der eigenwilligsten Metalalben des Jahres, ja der vergangenen Jahre in Erinnerung zu bleiben. Das beginnt schon beim Opener, der eine Kür der Leadgitarre auf jazzigem Beat ohne Gesang präsentiert. Dann brettert der Death Metal in veteranischer Manier los (Usurpress-Bassist Daniel Ekeroth ist auch als Autor des Standartwerks Swedish Death Metal bekannt). Die verworrenen Schlaufen, die dieses Album in seien vierzig Minuten zieht, sind vom Progrock der siebziger Jahre inspiriert, doch die strukturelle Verworrenheit ist hier eher dem Wahnsinn als dem Intellekt geschuldet. huz


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Matterhorn – Crass Cleansing, 3. März

Das Riff-Gewitter des Jahres hat sich über Zürich zusammengebraut. Klar, Crass Cleansing ist eine grosse Hommage an Celtic Frost, das hört man an vielen, wenn auch längst nicht an allen Ecken, vor allem aber im gestöhnten Gesang von Gitarrist Morbid. Die eigenwillige Riffdisharmonik setzt die junge Band dagegen von den Idolen ab – Matterhorn klingen wie eine endachtziger Extrem-Metal-Ursuppenband, direkt ab dem Konservatorium. Wie Crass Cleansing mit technischer Finesse und viel Reflexion über die Geschichte des Metal («Teenage Emperors») Räudigkeit und adoleszente Sturm-und-Drang-Gefühle zu erzeugen vermag, ist grossartig. Und zeitgemäss ist der Retroversuch über Speed- und Death Metal im Jahr 2018 sowieso. rop


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Rites of Thy Degringolade – The Blade Philosophical, 15. März

Klassisches Gebretter von einer uralten Band aus Quebéc, einer, die ewig nichts mehr gemacht hat und sich nun mit einem Album beim Antiquitätenhändler Nuclear War Now! zurückmeldet. Das ist höchstens was für Sonntagabende, an denen der Kater einfach nicht vergehen will und die ästhetischen Rezeptoren noch arg verkrustet sind, denke ich mir. Doch dann sind die irr verdrehten Riffs so fies und catchy, dass das Album einfach so runtergeht, am Stück. Langgezogene, dämmrige Motive heben sich vom modrigen Geholze ab und beschwören eine psychotisch flackernde Atmosphäre herauf. Es steckt viel altes Norwegen in The Blade Philosophical, vom klapprigen Schlagzeug bis zum primitiven Nietzscheanismus in den kommandoartig vorgetragenen Versen, die bisweilen an frühe Satyricon erinnern. Black Metal, der wehtut, regressiv und scharf wie eine Klinge. Das macht halt manchmal auch Spass. rop


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Ghastly – Death Velour, 18. April

Nicht nur wegen den Farben Türkis und Lila auf dem Cover ist Death Velour von Ghastly eines der erfrischendsten Death-Metal-Alben des Jahres. Die Anleihen an den technisch-melodischen Stil von Death oder die psychedelischen Walzen von Morbid Angel sind ebenso wenig zu überhören wie die sägenden Hommagen an die alte schwedische Schule. Die aus gut geschriebenen Riffs fein komponierten Songs leben auch von vielen kleinen Ideen, etwa der Überblendung eines geisterhaften Pianolaufs und einer Gitarrenhook in «Whispers Through The Aether». rop


sleep

Sleep – The Sciences, 20. April

2018 war mitunter das Jahr von Matt Pike – vor einem grandiosen Album mit High on Fire bescherte er uns im Frühjahr zunächst einmal das hier: ein verblüffend starkes Lebenszeichen seiner legendären Band Sleep. The Sciences hat über Jahre gegärt, die Songs darauf sind teilweise über zehn Jahre alt. Sleep gehören wahrlich nicht zu den produktivsten Bands der Metalgeschichte. Ihre ersten beiden Alben waren eher mit Demos zu vergleichen, das dritte dann, Jerusalem, war die Ausgeburt der gescheiterten Veröffentlichung von Dopesmoker, dem aus einem Song bestehenden Radikalwerk, das erst Jahre später in seiner intendierten Form erscheinen konnte. Klar, The Sciences ist nicht darum bemerkenswert, weil es eine neue Phase der Bandgeschichte einläuten würde, Sleep bleiben ihrem radikal-hypnotischen Stonerdoom darauf genauso treu wie ihrem Marihuana-Messianismus. Doch dieses Album ist in immerhin fast dreissig Jahren Badgeschichte das erste, das unter anständigen Studiobedingungen entstanden ist (und mit kongenialer Unterstützung von Neurosis-Schlagzeuger Jason Roeder). Bei aller rauschhaften Ekstase, diese Klarheit haben Sleep sich verdient. huz


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Wiegedood – De Doden Hebben Het Goed III, 20. April

Wiegedood haben eine ganz spezielle Fähigkeit: Sie können einfache Riffs minutenlang spielen und es wird nie langweilig. Dies hat natürlich seine Gründe: Die Riffs sind nicht einfach einfach, sie sind einfach gut. Die zwei Gitarren ergänzen sich in ihren melodiösen Tremolos perfekt und lassen untenrum Platz für rumpelnde und treibende Blastbeats. Seit nunmehr drei Alben verarbeitet das Trio den Tod und Verlust ihres jung verstorbenen Freundes Florent Pevée mit unbarmherzigen, aber satanslosem Black Metal. Trotz der garstigen Oberfläche sind die wiegenden Songs melodiös, nahezu episch, immer schön melancholisch, manchmal tieftraurig. Der Schmerz und die Verzweiflung erweisen sich als unerschöpfliche Inspirationsquelle. Das minimalistische Artwork, die durchnummerierten Alben; Wiegedood sind unprätentiös und einfach nur gut darin, was sie machen und was sie nicht machen. Benno Meyer


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The Body – I have fought against it, but I can’t any longer, 11. Mai

Ob das neuste Werk von Lee Buford und Chip King überhaupt auf eine Jahresendliste mit Metal-Alben gehört, ist fraglich. Weil, was zur Hölle ist hier zu hören? Die beiden Nihilisten aus Portland entwickeln auf ihrem neusten Album einen Soundtrack zu wüsten Episoden einer manischen Depression oder eines dissoziativen Zustands. Beinahe tanzbar beginnt das Album begleitet von der faszinierenden Stimme von Kristin Hayter – deren Noiseprojekt Lingua Ignota hier nur nebenbei fest empfohlen werden soll. Von da aus nimmt das Album den Weg abwärts in Richtung Hölle. Eine Hölle, die irgendwann auch etwas verglüht. Die Kombinationen aus 808-Beats, Noise und dem unmenschlichen Geschrei von Chip King kommen schnell an ihre Grenzen und überraschen irgendwann nicht mehr so richtig. Trotzdem überzeugt das Album, insbesondere das letzte Stück, welches das düstere Werk mit einer himmeltraurigen Rede zu Einsamkeit und Lebenszweifel abschliesst. David Malatesta


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Uada – Cult of a Dying Sun, 25. Mai

Nach dem überraschend guten Erstling Devoid of Light (2016) waren die Erwartungen an Uada hoch. Der Inbegriff einer modernen Cascadian-Black-Metal-Band bleibt ihrer Linie auch auf dem neuen Album treu: Sehr sauber gemischte Blastbeats mit einem harmonischen Überbau aus Bass und zwei Gitarren und dazu Jake Superchis Vocals mit den typisch cleanen Einwürfen. Auch wenn es schöne Momente gibt auf diesem Album, so wirkt es auf mich doch ein wenig so, als hätten Uada einfach ein Rezept weiter vervielfältigt, von dem sie wissen, dass es funktioniert. Die Riffs und Melodien wirken etwas weniger ausgeklügelt als auf Devoid Of Light, manche Songstrukturen etwas weniger elaboriert. Die breite und lobende Rezeption zeigt, dass nicht alle meiner Meinung sind, aber ebenso, dass der Pop-Ansatz auch im Black Metal zu funktionieren scheint. Benno Meyer


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Tomb Mold – Manor of Infinite Forms, 8. Juni

Was will man da noch schreiben! Manor of Infinite Forms ist für dieses Jahr, was Power Trips Nightmare Logic für 2017 war: der Höhepunkt der Riffkunst. Was die texanische Band Tomb Mold auf diesem Album an genialen Riffs aneinanderreihen, ist atemberaubend. Groove und Sound sind schwedisch geölt, die neckisch in den Vordergrund gemischte Leadgitarre verzuckert den Spass immer wieder mit schönen Läufen. An dieser Stelle müssen auch zwei andere Höhepunkte im Death-Metal-Jahr ehrenvoll genannt werden: Order of Torment von Genocide Pact und Cosmic Crypt von Mammoth Grinder. huz


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Vilkacis / Turia – Split, 8. Juni 2018

Der umtriebige Mike Rekevics (u.a. Schlagzeuger bei Yellow Eyes, Fell Voices, Vanum) hat nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung von Vilkacis LP Beyond the Mortal Gate (2018) nachgelegt: Das Ein-Mann-Projekt präsentiert mit «In the Night’s Grip» und «Final Match Into Flame» auf der mit Turia veröffentlichen Split zwei je acht Minuten lange Black-Metal-Elegien. Diese geben einen Eindruck davon, was mit Rekevics oft geäussertem und etwas esoterischen Motto «Black Metal is spiritual war» gemeint sein könnte: «In the Night’s Grip» rast mit mit unnachgiebiger und unerschöpflicher Energie dahin und vereint ultimative Brachialität mit einem Pathos, das seinesgleichen sucht. Wer hier an Kitsch denkt, liegt richtig. Aber das muss so sein, denn Rekevics‘ zwei Beiträge zur Split sind auf faszinierende Art konsequent. Die Melodie ist einfach, aber zeigt ihre Erhabenheit in der endlosen Wiederholung. Gepaart mit choralen Elementen in «Final Match Into Flame» zelebriert Rekevics US-Black Metal in perfekter, tragischer Harmonie. Es geht um die schiere Wucht, eine Intensität, die einen davon fegt, zerfetzt – und vielleicht auch erhebt. Philip Sippel


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YOB – Our Raw Heart, 8. Juni

Metalalben, die nach einer schweren körperlichen Krise eines Bandmitglieds entstehen, pflegen gute Metalalben zu werden. The Satanist von Behemoth oder das selbstbetitelte Album von Satyricon waren solche Beispiele, und auch Our Raw Heart von YOB ist eines. Mike Scheidt, Sänger und Gitarrist der Doom-Metal-Band, musste sich in der Folge eines Zusammenbruchs mehreren Operationen unterziehen, die gemäss Eigenaussagen mit schweren Schmerzen und Halluzinationen verbunden waren. Wie solche existentiellen Erfahrungen die Kreativität anzuschieben vermögen, davon legt Our Raw Heart eindrücklich Zeugnis ab. Wie ein stiller Ozean wogen die schweren, mit filigranen Hooks garnierten Doom-Riffs von Songepen wie «Ablaze» oder «The Screen», darüber gehen Scheidts Klagegesänge in betörendem Falsett und gurgelnden Growls nieder. Doch auch wo es laut ist, ist Our Raw Heart ein stilles Album, zum Beispiel bei «Original Face». Im unkomprimierten, organischen Klang bekommen die Gitarrenakkorde genügend Luft, um sich schillernd aufzuplustern, der Bass glänzt dunkel, das Schlagzeug pulsiert und klöppelt minimalistisch. Und bei aller Schwermut ist Our Raw Heart auch ein lichtes, hoffnungsvolles Werk, das mit «Beauty in Falling Leaves» und dem Titelsong seinen ganzen Glanz erst in der zweiten Hälfte offenbart. rop


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Funeral Mist – Hekatomb, 15. Juni

Ein eingekapseltes, unheilvolles Schränzen über einem lauernden Basslauf, so wird das erste Hauptmotiv von Hekatomb eingeführt, das sodann als Black-Metal-Riff wiederbegegnet. Adam «Nergal» Darski tat seine Vorfreude auf das erste Album von Funeral Mist seit fast zehn Jahren euphorisch bei Instagram kund, und es ist anzunehmen, dass dem popaffinen Kopf von Behemoth gefallen hat, was er zu hören bekam. Hekatomb ist ein Album, gespickt mit einprägsamen Hooks, dem man auch nachsieht, dass es mit seinem blutrünstigen Antichristentum erwartet anachronistisch wirkt. Das rockige «Naught But Dead» endet in einem an Taake erinnernden Black-Metal-Stadiongesang, «Cockatrice» hat neben fantastischen Riffs subtil eingewobene Burzum-Synthies und am Übergang zu «Metamorphosis» soliert minutenlang ein kastrierter Schlagzeugbeat. Fesselnd ist Hekatomb auch wegen dem garstigen Gesang, dessen faszinierendes Spektrum der bei Marduk als Mortuus singende Arioch in «Shedding Skin» eindrücklich ausbreitet. Fies, kauzig und dabei aus lauter Hits bestehend – Hekatomb ist neben Watains Trident Wolf Eclipse der zweite grosse Wurf schwedischer Black-Metal-Honoratioren. rop


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Anicon – Entropy Mantra, 19. Juni

Auch im Jahr nach dem triumphalen 2017 mit Alben von Yellow Eyes und Woe wurde in New York herausragender Black Metal gemacht, nicht zuletzt von Vilkacis (die ebenfalls in diesem Rückblick vorkommen). Von den erstgenannten Bands spielen Mitglieder auch bei Anicon, die mit Entropy Mantra ein Kleinod klassischen Black Metals vorgelegt haben. Noch am ehesten als Referenz können die Black-Metal-Alben von Ulver dienen, getragen von mal fiesen, mal hymnischen Hochton-Melodien lockern Anicon ihre Songs immer wieder mit schmissigen Thrashriffs auf. Der Sound ist kristallklar, die Gitarren sprudeln wie ein Bergbach, ohne Hall und sonstige Modulationen. Übergeleitet wird zwischen den Songs oft mit Aufnahmen von Umweltgeräuschen, dann klappert und klongelt und rauscht es. Das beste Riff des Albums kommt im letzten Song, «Pailing Terrain». rop


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Craft – White Noise and Black Metal, 22. Juni

Es gibt diesen kurzen Moment: Nach genau einer Minute im Lied «Undone» setzt die linke Gitarre aus, wir hören das Surren, die Spannung auf dem Amp, bevor sie nach zwei Sekunden wieder einsetzt und sich in den Mix einfügt. In diesem Bruch – so könnte man sagen – spiegelt sich die Essenz dessen, was uns Craft auf ihrem fünften Studioalbum vorführen: Dekonstruktion der Authentizität des Black Metal. Dieses Album zeigt, was Black Metal musikalisch ausmacht, ist eine Studie darüber, wie Songs gebaut, Riffs gespielt, Beats geblastet und unheilige Texte geschrien werden. All dies wird schön aufgebahrt auf einer perfekten Studioproduktion – inklusive den kleinen, um Authentizität bemühten Brüchen. Das ist hohe Schule und richtig gut – nicht, dass man mich falsch versteht. Benno Meyer


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Mütilation Rites – Chasm, 20. Juli

Die New Yorker kehren mit der ersten LP nach vier Jahren zurück – und sie kommen auf einem Bulldozer angerollt. Das Album ist eine Parade von Abriss, die Luft zum Atmen oder vernünftigen Nachdenken bleibt weg. Noch einmal ein Stück dreckiger als auf den bisherigen Alben wird hier die – in letzter Zeit oft gehörte – Mischung von Death- und Black Metal zelebriert. Die Riffs sind vorzüglich, die Arbeit am Schlagzeug phänomenal. Aber besonders die Show im Gaswerk Ende August, wo die Truppe live genau so wuchtig triumphierte, liefert dem Album die authentische Qualifizierung. Die Jungs tun nicht nur so, die beherrschen ihr Handwerk. David Malatesta


essenz

Essenz – Manes Impetus, 11. August

Dass Manes Impetus eigentlich aus einem einzigen gestaltwandelnden Dröhnen besteht, behauptet es gleich mit dem ersten Lied. Lange brettert «Peeled & Released»auf einem Ton dahin, dann lange nochmals auf dem gleichen Ton, wobei jetzt wiederholt eruptiv eine Figur ausbricht, um einen Moment später wieder in die Spur zurückzurasten. Mit viel Liebe zum Detail haben Essenz Manes Impetus sein spukiges Temperament eingehaucht. Ein gedrosselter Puls des scherbelnden Crash-Beckens, geisterhafte«Uuh-Uuhs» und «Iih-Iihs» statt gruftiger Growls, die lange ausgehaltenen Akkorde – die Stilfiguren sitzen auf Manes Impetus immer perfekt. Die grandiosen Riffs leben davon, dass sie wie zeitweilige Materialisationen eines untergründig durchziehenden, polternden Stroms erscheinen, wie Einbrüche der Zeit in eine einzige Präsenz. Abgerundet wird Essenz‘ düster funkelndes Meisterwerk von spärlich dosierten Ambientpassagen, bei denen man sich irgendwann einen Reim darauf zu machen beginnt, dass die Band aus Berlin kommt. «Sermon to the Ghosts», ein alptraumhaftes Zwischenspiel aus Drone, verstörten Synthies und Sprachsamples, dauert dann geschlagene neun Minuten und gehört zu den unheimlichsten Stücken, die ich in diesem Jahr gehört habe – ein vertonter Rundgang durch ein Berliner Geisterhaus, im seelischen Grau nach einer langen Technonacht. rop


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Innumerable Forms – Punishment in Flesh, 17. August

Das ist eins dieser Alben, auf dem die Übergänge zwischen den einzelnen Tracks kaum auffallen. Was sonst heissen kann, dass alles ein wenig ähnlich klingt, ist hier ein Qualitätsmerkmal. Punishment in Flesh ist irgendwie alles in Einem: eingängig, aber ohne, dass man sich je ein Lied einprägen könnte; homogen, aber doch abwechslungsreich; wuchtig, trotz stetigem Wechsel zwischen Doom und Death Metal. Die Riffs sind schwer wie eine Depression, die Melodien clever verqueer, die Drums erbarmungslos und die Vocals kratzen an den Hirnrinden. Man hört dieses Album jedes Mal als wäre es das erste Mal in einer neuen der unzähligen möglichen Formen. Benno Meyer


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Thou – Magus, 31. August

Wie immer bei Thou verläuft auf Magus der Staub und Rost des Sludge mit der Eleganz des Doom zu einer matt schimmernden Patina. Traurige Hooks geigen, reduzierte Hardcoreschläge hämmern und die Schreie von Bryan Funck raspeln so spröde, als würden seine Stimmbänder irgendwo tief in seiner Kehle über Halswirbel schaben. In eindringlichem und klar artikuliertem Fauchen besingt er so eine Art schwarzen Existentialismus, oder verkündet eine Kriegserklärung an die Misogynie. Trotz der abgründigen Düsternis und klanglichen Intensität klingt Magus wie leicht dahingespielt. Der sanft geschieferte Anfang von «In the Kingdom of Meaning», das vom Glockenspiel der Gitarre umgarnte Bassbrummen am Eingang zum hitverdächtigen «Greater Invocation of Disgust» oder «Sovereign Self» mit seinem gedrosselten Tempo – heavy Riffs und karge Schönheit wohin wir uns  auch wenden. Dazu hat Magus die wunderbare Eigenschaft, dass die Songs mit zunehmender Spieldauer immer besser werden. rop


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Fórn – Rites of Despair, 7. September

Die Meister des doomigen Gitarrenzuckers waren dieses Jahr zwar Mournful Congregation, Veteranen des Funeral Doom, mit The Incubus of Karma. Doch auch bei Fórn gibt es davon jede Menge, allerdings eher an den Retrovibe von Pallbearer erinnernd und damit zeitgemässer als die gotisch anmutende Feierlichkeit des Funeral Doom. Doch Fórn sind dazu auch noch erfrischend brachial – in den sludgeigen Riffs wie in den mächtigen Growls von Chris Pinto. Wenn man diesen ungestümen Wicht von einem Metalsänger einmal live erlebt hat, kann einen die Gewalt in seinem Stimmorgan nur erstaunen. huz


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Infernal Coil – Within A World Forgotten, 14. September

Die Intensität des Grindcore von Bands wie Full of Hell oder Nails verschwimmt auf Within A World Forgotten mit der verhallten Aufgelöstheit des Black Metal zu einer Brachialltextur, die ihresgleichen sucht. Mit den richtigen Kopfhörern hallt in «49 Suns» wüstes Gebell aus allen Himmelsrichtungen, als stünde man mitten in einem bösen Gehölz, in dem ein hobbesscher Kampf aller gegen alle tobt. Irgendwie schaffen es Infernal Coil tatsächlich, dass sich über dieses wüste Gebretter ein Hauch Waldmystik legt. rop


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Dödsrit – Spirit Crusher, 28. September

Aura von Dödsrit ist vielleicht die gelungenste Verschmelzung von Atmospheric Black Metal und Crust – überhaupt. Ozeanische Melodiebögen, rüttelnde D-Beat-Strecken und ein Gesang, der zwischen «verzweifelt, im Mondlicht auf dem Fels» und «wütend im Gummischrot» changiert. Die vier ellenlangen Songs klirren herrlich frostig und sind so gut komponiert, dass diese Hochzeit von, etwas überspitzt gesagt, Dissection  und Refused vollkommen reibungslos übers Parkett geht. rop


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Turia / Fluisteraars – De Oord , 28. September

Turia, 2018 bereits in Erscheinung getreten auf der Split mit Vilkacis, scheinen eine Vorliebe für das geteilte Format zu haben. Zusammen mit den ebenfalls aus den Niederlanden stammenden Fluisteraars haben sie eine Split veröffentlicht, die von den beiden Flüssen Rhein und Waal handelt. «De Oord», ihr Titel, bezeichnet den Ort, an dem die beiden Flüsse ineinander fliessen – genau der richtige Titel für eine Konzept-Split. Turia behandeln in ihrem hymnischen, 18 Minuten langen «Aan den golven der aarde geofferd» (sinngemäss: Den Wellen der Erde geopfert), wie sich in der Naturgewalt Schönheit und Zerstörung vereinen. Über ein thematisch nahe liegendes Intro (plätscherndes Wasser) legt sich ein drohendes, rhythmisch kreisendes Gitarrenriff. Der Song funktioniert dann wie das drohende Anschwellen eines mächtigen Flusslaufs: So wie in diesem immer mehr Wasser am gleichen Punkt durchgespült wird, so steigert sich auch das anfangs vorgelegte Riff zu einem immer dichteren Moment mit immer neuen harmonischen Ober- und Unterläufen. Die Synths mimen Schiffshörner, bleiben aber abstrakt genug, um nicht in einen platten Naturalismus zu verfallen. Bei Turia schreit die Natur nicht, sie weint, über ihre eigene Kraft. Philip Sippel

Fluisteraars beginnen die Split mit «Oeverloos», übersetzt «Unberührt», und einer gehörigen Portion Romantik. Wo Turia eher mit Repetition und minimer Variation von Motiven arbeiten und Sängerin T ihre Stimme eher instrumental einsetzt , verbauen Fluisteraars in «Oeverloos» auch schunklige Riffs und klagenden Klargesang. So schicken sie uns in ihrem vierzehnminütigen Beitrag durch mehrere emotionale Klimaxe. Isolation und schöne Melodien – das ist klassisches Black-Metal-Terrain. Schöner und kompositorisch ausgefeilter als auf «Overloos» hat man das in diesem Jahr anderswo kaum gehört. rop


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Solar Temple – Fertile Descent, 28. September

Solar Temple ist ein weiteres Projekt aus der niederländischen Black-Metal-Sphäre, aus der 2018 herausragende Releases von Turia, Fluisteraars und Iskandr herabgestiegen sind. Auch ihr Debüt Fertile Descent ist ein fantastisches Album. Die beiden Songs «Those Who Dwell in the Spiral Dark» und «White Jaw» funktionieren ähnlich wie die langen Split-Tracks von Turia: eher als Textur denn als Songs, gewirkt aus repetitiven Riffs, gegenläufigen Bassläufen und psychedelischen Hammondschlieren. Wie Turia sind auch Solar Temple Meister in der suggestiven Kunst, ein Riff so lange zu spielen und zu modulieren, bis es uns als das Riff erscheint, auf das die Geschichte des Universums hinausläuft. rop


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High on Fire – Electric Messiah, 5. Oktober

Obwohl High on Fire mit keinem Album ihr Genre oder nur schon sich selber neu erfinden, ist jedes von ihnen ein Ereignis. Gerade weil die drei Musiker ihren gnadenlos treibenden Powersludge so spielend beherrschen und unter einander blind harmonieren, wirken kleine Drehungen am Still umso effektvoller. Bei Elctric Messiah ist man zunächst angenehm überrascht: High on Fire klingen darauf roh und aggressiv wie lange nicht mehr, allerdings in einer ganz anderen Dimension von spielerischer Komplexität als auf den doomigen Frühwerken. Von den songlastigen Experimenten von Luminiferous, die Matt Pikes Gesang teilweise fast sanft klingen liessen, ist nichts geblieben – weniger Arbeit an der Harmonie, dafür mehr zähnefletschender Thrash. Elctric Messiah macht damit wie kein anderes ihrer Alben offensichtlich, was diese Band vor unzähligen im Metal auszeichnet: Sie kann einen überwältigenden Sounddruck aufbauen, ohne dabei je an Groove zu verlieren. Wie Pike, Drummer Des Kensel und Bassist Jeff Matz völlig auf Augenhöhe und wie im Schlaf Intensitätsstufen variieren und mit subtilen Verschiebungen der Akzente jedem Riff zu maximaler Durchschlagskraft verhelfen, ist beispiellos. huz


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Windhand – Eternal Return, 5. Oktober

Vielleicht ist Eternal Return das eleganteste Album des Jahres. Wie die Stimme von Dorthia Cottrell kraftvoll über den langsam rollenden Riffs ihrer Band schwebt und ihnen einen majestätischen Glanz verleiht! An ihrer Stimme tritt die Entwicklung von Windhand am deutlichsten zutage, konsequent also, dass sie auch im Mix viel präsenter ist als auf früheren Alben. Doch auch das Songwriting ist über die einstündige Dauer von Eternal Return fast durchgehen grandios – man höre sich nur einmal die bezaubernde Folkminiatur «Pilgrim’s Rest» an, in der die griffigen Riffs für eine Weile aussetzen. Überhaupt verlassen sich Windhand hier längst nicht mehr nur auf die schweren Gitarren, sie lassen Rockeinflüsse zu, färben ihre Songs psychedelisch. Noch deutlicher als auf dem ebenfalls schon bemerkenswerten Album Grief’s Infernal Flower (2015) zeigt sich hier, dass Windhand den Doom nicht als Sound-, sondern Songkunst verstehen. huz


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Dirge – Ah Puch, 19. Oktober

Ah Puch ist der mayanische Dämon der Zerstörung. Er manifestiert sich im Körper des Aztekenkönigs Montezuma, als dieser sich der Eroberung durch Hernán Cortés erwehren muss. Diese Geschichte wird auf dem Debut von Dirge, einer Band aus Mumbai, in fünfeinhalb sludgeigen Songs erzählt. Dirge sind weder in der Verknüpfung ihrer Musik mit einer indigenen Thematik besonders innovativ, noch erfinden sie das Genre neu. Aber sie bewegen sich gekonnt durch die langsamen und schweren Riffs, schaffen in melodiöseren Zwischenteilen stimmige Atmosphären und bringen die blutige Brutalität in energetischen Vocals zum Ausdruck. Durchaus beeindruckend für ein Erstlingswerk. Benno Meyer


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Krukh – Безглуздість!, 26. Oktober

Langsam wird der Output des 23-jährigen Markov Soroka unheimlich und lässt immer mehr an eine selbstoptimierte Version des solitären Black-Metal-Nerds denken. In jedem der letzten drei Jahre hat Soroka herausragende Alben veröffentlicht: Tchornobog, das vielköpfige Extrem-Metal-Monster, Aureole, das eisige Black-Metal-Vehikel, Slow, der sumpfige Unterwasser-Doom. Das ist Stoff, für den sich eine Residency am Roadburn geradezu aufdrängt – wenn Soroka sich denn entschliessen könnte, endlich live aufzutreten. Ans Roadburn würde auch Krukh bestens hinpassen, Sorokas jüngstes Projekt: Black Metal, ungeschliffen und hymnisch wie Misþyrming, stürmisch wie Panphage und tragisch wie Bölzer. rop


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Chapel of Disease – …and as We Have Seen the Storm, We Have Embraced the Eye, 23. November

Sein historisches Schicksal als Wegbereiter des Metalcore hat den Melodic Death Metal als Genre viel von der Coolness gekostet, die Alben wie The Gallery von Dark Tranquility oder Lunar Strain von In Flames mal hatten. Das Rezept, Death Metal mit klassischeren Rockspielarten zu kombinieren, holen seit einiger Zeit immer mehr junge Bands wieder aus der Kiste, doch greifen sie dabei neben dem Heavy Metal gerne auf den klassischen Rock der siebziger Jahre zurück. 2018 sah überzeugende Alben von Tribulation und Slaegt, das stärkste aus der Richtung haben jedoch die Kölner Chapel of Disease geliefert. Die okkulte Ästhetik dieser Bands orientiert sich stark am Black Metal und als Heavy-Metal-Ingredienz nehmen sie lieber Mercyful Fate als Iron Maiden. So ungehobelt und zugleich filigran wie die Ideen auf …and As We Have Seen the Storm sprudeln, Post-Rock-Fontänen auf rollende Riffs, bluesige Licks und Black-Metal-Strecken folgen, erinnert das durchaus an die frische Brise, die Melodic Death Metal einmal war. rop


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Sulphur Aeon – The Scythe of Cosmic Chaos, 21. Dezember

Der Breitwand-Death-Metal des Jahres kommt aus Nordrhein-Westfalen, von Sulphur Aeon. Nach dem gefeierten Gateway to the Antisphere lag die Messlatte hoch, doch das lyrisch wieder im Universum des Horrorautors H.P. Lovecraft spielende The Scythe of Cosmic Chaos nimmt sie locker. Seine kompositorische Klasse offenbart sich in wiederkehrenden Motiven und darin, wie Sulphur Aeon singende Maiden-Hooks, uriges Black-Metal-Rumpeln und Refrains, hymnisch wie bei Amon Amarth, nahtlos zusammenfügen. The Scythe hat viele Höhepunkte: das von watainesken Riffkränzen geschmückte «Veneration of the Lunar Orb», das walzende «Yuggothian Spell» oder «Lungs Into Gills» mit seinem wahnsinnigen Refrain. Inmitten des grassierenden Old-School-Essentialismus im zeitgenössischen Black- und Death Metal erfrischt Sulphur Aeons hemmungsloser, nur hie und da ins Überladene kippende Maximalismus wie ein Schwumm mit Tentakelmonstern im arktischen Meer. rop