Das Metaljahr 2017 in 40 Alben

2017, was war das für ein Jahr? Ein Jahr des Funeral Doom sicher. Aber auch ein Jahr mit ungeheuer vielen guten Death-Metal-Platten. Und ein Jahr, in dem viele Bands aus der Schweiz hervorragenden Black Metal veröffentlicht haben. In diesen Bereichen liegen daher auch Schwerpunkte unserer Chronik der besten Metalalben des Jahres. Trotz der Sexyness von Ranglisten haben wir uns für eine Chronik entschieden, gehört haben sollte man diese 40 Alben sowieso alle einmal.

1. Februar

Ungfell, Tôtbringære

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Den rumplige Folk-Black-Metal der Zürcher Band Ungfell, der eine Seelenverwandtschaft zu Peste Noire pflegt, kann man als ein Gegenprojekt insbesondere zu den bombastischen, auf Überwältigung zielenden Ausprägungen des Genres sehen. Das heisst nicht, dass es bei Ungfell nicht um Atmosphäre geht, doch erzeugt wird sie statt mit Soundgewalt mit Intimität. Dadurch rücken Songwriting und Arrangements umso mehr in den Vordergrund; und diese sind die grossen Stärken von Tôtbringære. Zu krächzendem Gesang fräst sich die mit einem dünnen und beissenden Klang versehene Gitarre fast in jedem der vielteiligen Songs durch wunderbare Riffs mit Suchtfaktor. Doch bei aller Raffinesse, die im Aufbau seiner Songs steckt, ist dieses Album das ziemliche Gegenteil eines durchgestylten Gesamtwerks. Eher eine Schatzkiste voller schöner und verrückter Ideen, die gerne auch den zeitweiligen Kostümball-Groove der nach Mittelalter klingenden Folkelemente brechen: obskur klingende Blasinstrumente, eine Maultrommel, schweizerdeutsche Samples und, am allerschönsten: das Zwischenspiel mit Surf-Rock-Gitarre in «Trommler Tod». Und nun sind wir gespannt auf 2018: Dann nämlich wird ein neues Ungfell-Album bei der Eisenwald Tonschmiede erscheinen, wie die Band kürzlich bekannt gegeben hat. – David Hunziker


10. Februar

Wiegedood – De doden hebben het goed II

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Es dauert etwas mehr als zweieinhalb Minuten bis das – wir sagen jetzt einfach mal: Black-Metal-Riff des Jahres sich in die Leere eines Breaks hinein sägt. Man könnte seine rasende Präzision mit der Spursicherheit eines Spielzeug-Rennautos auf einer Carrera-Bahn vergleichen. Ob derartige Skalpell-Gitarren oder donnernde Soundwalzen – De Doden Hebben Het Goed II kann sie alle. Wiegedood sind eine dieser zeitgenössischen Bands, die hip und true zugleich sein können, die sich vom amerikanischen Atmosphäre-Sound nicht die Zähne ziehen lassen. Die Belgier zeichnet ausserdem aus, dass sie auf einen Bass verzichten. Die von oben und unten gegeneinander wogenden Gitarrenströme zeigen schön, wie Black Metal traditionelle Bandrollen zertrümmern kann. – David Hunziker


17. Februar

Friendship – I & II

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Sentient Ruin Laboratories ist eines der passioniertesten Labels da draussen, mit einem Katalog voller Prachtstücke aus extremen Musikstilen. Zu Beginn des Jahres hat es auf einem wunderschönen, schlichten Tape die ersten beiden EPs der japanischen Band Friendship veröffentlicht. Trotz friedlich klingendem Bandnamen weist die kleine Guillotine auf dem Cover hier den Weg: kompromisslos und brutal. Die Kassette feiert vom ersten Stück an das Brachiale, zieht das hohe Tempo über die zwölf Songs durch und lässt kaum Luft zum Atmen. Ein wütender Brocken, der durch kaum vorhandene Infos oder Fotos der Bandmitglieder umso mysteriöser erscheint. Wie ein pures Kanalisieren von Zerstörungswut und Hass, von Menschen oder Menschlichkeit keine Spur. – David Malatesta


24. Februar

King Woman – Created in the Image of Suffering

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Schon im Titel von King Womans erstem Album klingt in der Referenz zur Schöpfungsgeschichte das bestimmende Thema der Songs an: Die Abarbeitung an der von religiöser Erziehung und Depressionen geprägten Kindheit und Adoleszenz von Kristina Esfandiari, die King Woman als Soloprojekt begann. Der düsteren Thematik gemäss bedient sich Esfandiari bei Doom, Stoner und Gothic, aber auch bei Gospel und Blues. Entsprechend schleppend und staubig geht es auf Created in the Image of Suffering zu. Jedoch behalten alle Songs, auch der zentrale und längste von ihnen, «Hierophant», stets die Eingängigkeit im Auge. Besonders schön zeigt sich dieser kunstvolle Pragmatismus, wenn sich in «Worn» die stockende Ratlosigkeit der Strophen in einen poppigen Refrain auflöst, ohne dabei an Heavyness zu verlieren. Die Sublimierung von Leiden ist einer der Urtriebe des Metal. Darin durchaus an Chelsea Wolfe erinnernd, treffen sich in den zugänglichen Songs von King Woman Seelendunkel und grazile Leichtigkeit. – Pablo Rohner


24. Februar

Power Trip – Nightmare Logic

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Eines ist sicher: So viel Spass wie mit Nightmare Logic hatten wir in diesem ganzen Metaljahr nicht. Power Trip verbinden die kinetische Energie von Slayer mit der Coolness des Rap. Die Kunst der Texaner besteht nicht darin, irgendetwas neu zu erfinden, sondern zeigt sich in Haltung, Geschmack und Perfektion des elementaren Metalhandwerks: gnadenlos treibende Riffs zu schreiben, die sie mit einfachen und effektiven Mitteln zum Knallen bringen. Power Trip betreiben ewige Konzentration aufs Elementare statt Innovation. Faszinierend dabei ist, dass ihre Musik gleichzeitig komplett frei von Retro ist. Man hat das Gefühl, dass Metal mit solchen Bands auch die nächsten hundert Jahre nicht langweilig werden kann. – David Hunziker


17. März

Ascended Dead – Abhorrent Manifestation

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Mit Abhorrent Manifestation haben Ascended Dead, eine der stärksten Death-Metal-Bands der USA, endlich ihr Debüt auf die Menschheit losgelassen. Die Herren aus San Diego mögen ihren Death Metal hässig, chaotisch und kompromisslos, Standard-Songwriting sucht man bei ihnen vergeblich. Die Band selber beschreibt ihren Stil als «dark, chaotic, demonic, bestial death metal without limitations». Damit trifft sie es ziemlich gut: Heulende Vocals röcheln über einen wirbelnd-verwirrenden Sound, um dann von scharfen und technischen Solos, welche immer wieder aus den knallenden Rhythmen hervorstechen, unterbrochen zu werden. Im Gesamteindruck erinnert einen Abhorrent Manifestation an Incantation zu ihren besten Tagen, gemischt mit der geisteskranken Aggression der Demos von Necrovore und Incubus (Georgia, USA). Die einzige Pause gibt es in der Mitte der Platte: ein kurzes, grauseliges Akustik-Zwischenspiel. Abgesehen davon: 36 Minuten aggressiver, schwurbelnder Death Metal. – Thuri Bürgler


17. März

Obituary – Obituary

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Ein pubertäres Video wie dasjenige zum Song «Brave» von Obituary verzeiht man nur wenigen Bands. Die Musiker trinken Bier, wenden fette Fleischstücke auf dem Grill und machen Blödsinn im Garten. Dass Obituary das können, liegt nicht nur daran, dass die 1988 in Florida gegründete Band eine Death-Metal-Legende ist. Mit den grandiosen Videos zu «Violence» vom Album Inked in Blood von 2014 und zu «Ten Thousand Ways To Die» vom diesjährigen Obituary zeigte die Band ihre Meisterschaft in der Disziplin des selbstironischen Humors. In den animierten, mit unzähligen klugen Anspielungen auf die Metalgeschichte gespickten Videos werden Obituary von einer Zombieapokalypse heimgesucht. All das funktioniert natürlich nur wegen der grossartigen, der Gründerzeit des Death Metal verpflichteten Songs. Riffs, Grooves und John Tardys kultige Vocals sitzen perfekt. Ein selbstbetiteltes Album nach über 30 Jahren Bandgeschichte – in diesem Fall völlig zurecht. – David Hunziker


17. März

Venenum – Trance of Death

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Als ich 2011 auf das erste Lebenszeichen der deutschen Death Metaller Venenum in Form einer selbstbetitelten EP stiess, war ich bereits in ihrer Todestrance gefangen. Groove, Härte und Verspieltheit gingen so selbstverständlich Hand in Hand, dass es eine helle Freude war, diesen finsteren Kompositionen zu lauschen. Kraftvolle Rhythmen und meditativ-monotones und dennoch verspieltes Riffing verbinden sich mit finsterem Gekeife. Sechs lange Jahre hat es nun gedauert, bis die erste LP Trance of Death der mittlerweile schon als Kultact gehandelten Band das fahle Licht der Welt erblickte. Ihr Sound erinnert an eine dunkle Version der frühen Morbid Angel. Im Verlauf der Platte werden die Tracks etwas doomiger und eine beklemmende, morbide Stimmung baut sich auf. Im Titeltrack werden dann so ziemlich alle Spielarten des Death Metal zu einem finsteren Monolith vereint, Venenum lassen darin sogar ruhiges, ja fast rockiges Songwriting zu. Durch den organischen und kraftvollen Sound gewinnen die Gitarren den nötigen Fokus und der Gesang schallt röchelig und garstig durch die Boxen. Aber Vorsicht, seine volle Pracht entfaltet dieses Album erst nach vielen, vielen Hördurchgängen. – Thuri Bürgler


17. März

Woe – Hope Attrition

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Was bei Hope Attrition sofort und ganz wörtlich ins Ohr sticht, ist sein Sound. Woe ist Black Metal wie aus einer Maschine: die Drums legen ein knochentrockenes Gerüst (Krallice-Drummer Lev Weinstein ist eine Ohrenweide), die Gitarren sägen virtuos, der vom Hardcore geprägte Gesang ist kontrolliert und präzis. Black Metal hat schon immer mit der Dialektik von Entfesselung und Kontrolle gespielt – er hat musikalische Entsagung und eiserne Disziplin gepredigt und sich zugleich im dionysischen Taumel verloren. Woe sind keine Taumler, sondern Professionals. Die vier Musiker sind an unzähligen Ecken der New Yorker Metalszene aktiv und wissen, was relevant ist. Der Gesang flirtet mit Mgła, die Riffs mit Watain und in der Melodieführung schimmert der kaskadische Black Metal durch. Doch Hope Attrition klingt weder konstruiert noch abgekupfert, sondern bringt die Elemente all dieser Traditionen zum Vibrieren. – David Hunziker


24. März

Pallbearer – Heartless

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Bei Heartless, dem mit Spannung erwarteten dritten Album von Pallbearer, gingen die Meinungen auseinander: Für die einen markiert es den Punkt, an dem die Band an ihre Grenzen stösst, für die anderen ist es eines dieser berüchtigten dritten Alben, die zu zeitlosen Meisterwerken werden. Auf dem grossartigen Foundations of Burden (2014) hatten Pallbearer die Kunst der epischen, zehnminütigen Doom-Komposition, die sich wie ein knackig artikulierter Popsong anfühlt, perfektioniert. Die Erwartungen an die Fortsetzung waren enorm, das Type-O-Negative-Cover auf der zwischengeschobenen EP Fear and Fury kündete bereits die Differenzierung der musikalischen Einflüsse auf Heartless an. Die teilweise ambivalenten Haltungen zum neuen Album haben auch damit zu tun, dass nicht so klar ist, in welche Richtung sich Pallbearer bewegen. Einerseits ist der Sound transparenter und weniger schwer als zuvor, die Stimme ist präsenter und erhält mehr Raum. Anderseits sind die Kompositionen komplexer aufgebaut, verfügen kaum noch über Elemente, die sich wiederholen, griffige Hooks sind spärlich gestreut. Abgesehen von zahlreichen hinreissenden Riffs und Melodien, ist die Entwicklung der Band bemerkenswert und auf jeden Fall vielversprechend. – David Hunziker


24. März

Rebirth of Nefast – Tabernaculum

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Das Studio Emissary in Reykjavik ist eine Brutstätte für zeitgenössischen Black Metal, der knochenernst und musikalisch interessant zugleich ist. Einige der prägendsten Alben der isländischen Szene, darunter Svartidauði’s Flesh Cathedral und Sinmaras Apothic Womb, wurden hier geschmiedet und gehärtet, so dass sich das Herz auf dem Cover von Tabernaculum auch als Selbstreflexion interpretieren lässt, ist doch der Musiker hinter Rebirth of Nefast, Stephen Lockhart alias Wann, der Betreiber des Emissary. Mit Tabernaculum hat Lockhart so etwas wie das definitive Album des Sounds geschaffen, den er als Musiker verschiedener Bands und als Produzent entscheidend geprägt hat. Über eine Stunde mäandern dunkle Dissonanzen, blitzende Riffs und majestätische Choräle durcheinander und wenn gut fünf Minuten vor dem Ende in «Dead the Age of Hollow Vessels» dieser sirenische Gitarrengesang ertönt, befürchtet man fast, dass der Reykjaviker Black Metal hiermit seinen Zenit erreicht hat. – Pablo Rohner


5. April

Ustalost – The Spoor of Vipers

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Mit Ustalost zeigt sich Will Skarstad, Sänger und Gitarrist von Yellow Eyes (die ebenfalls in dieser Liste vorkommen), auf introvertierten Abwegen. Komplett alleine geschrieben und eingespielt, gibt es hier eine gebündelte Dosis disharmonischer Riffs und abstrakter Arrangements, wie sie auch die Alben von Yellow Eyes prägen. Bemerkenswert ist die klangliche Parallele zu einem der bekanntesten Alben des Black Metal: Filosofem von Burzum. Charakteristisch ist wie bei Filosofem auch hier ein langsames, stetig vorantreibendes Schlagzeug. Genau wie beim Klassiker aus Norwegen entwickelt sich so über das ganze Album hinweg eine meditative Grundstruktur. Grossartig umgesetzte Synthesizer-Teile fungieren als Verbindung zwischen den Songs und erschaffen eine gequälte Atmosphäre. Dazu dreht sich Skarstads Kreischen in ewigem Echo um sich selbst und erinnert zusammen mit dem wunderbaren Low-Fi-Sound ebenfalls an den ursprünglichen Black Metal. – David Malatesta


5. Mai

Full of Hell – Trumpeting Ecstasy

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Trumpeting Ecstasy ist bereits LP Nummer acht der Noise- und Grindkapelle aus Maryland und genauso gnadenlos wie auf den bisherigen Alben wird hier ab dem ersten Song mit allen Konventionen und Ansprüchen gebrochen. Dissonante Noise- und Gitarrenwände tönen über hysterischen Blastbeats, dazu die vielfältige Stimme von Dylan Walker. Schon auf dem gemeinsamen Album mit Merzbow (2014) hatten Full of Hell einen Schritt in Richtung saubere und klare Produktion gemacht. Trumpeting Ecstasy setzt diesen Weg fort und führt weiter weg von den rohen, punkigen Platten der Anfangszeit. Auch gezielte Hommagen an benachbarte Stilrichtungen sind neuerdings zu hören. Zum Beispiel beim Titeltrack, der als hässliche, dystopische Industrialeinlage überrascht – Full of Hell in ohrenbetäubender, experimentierlustiger Bestform. – David Malatesta


5. Mai

The Ruins of Beverast – Exuvia

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Alben von Alexander von Meilenwalds The Ruins of Beverast sind thematisch immer als Fahrten in verborgene Schichten angelegt, in den Nebel der Zeit oder abseitige Taschen der Seele. Gewühlt wird aber auch immer in der Tiefe des extremen Metal. Auch auf Exuvia türmt von Meilenwald gewaltige Wände aus Black, Death und Doom Metal, gewürzt mit allerlei atmosphärischem Beiwerk. Der eröffnende Titelsong beginnt mit seltsamen Beschwörungslauten und kühlen Akkorden, die alsbald von atonalem Grollen und einer saftigen Doublebass eingeholt werden, bevor von Meilenwalds bestialische Growls einsetzen. Exuvia ist ein Fest grossartiger, sinisterer Riffs in kühler Post-Punk-Atmosphäre. Hintergründige Choräle, kauzige Industrial-Synthies und tribalistische Elemente pumpen das Album zu einem düsteren Epos auf. – Pablo Rohner


5. Mai

Slægt – Domus Mysterium

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Domus Mysterium ist eine Einverleibung der Geschichte des Heavy Metal, von Iron Maiden über Skid Row bis zu Tribulation, von Glam bis Black Metal. Ildsvanger, das Debüt der Kopenhagener, war noch ein kauziges Stück Black Metal, doch schon Beautiful And Damned kündete die Metamorphose zum angeschwärzten Heavy Metal an, die sich nun mit Domus Mysterium vollendet hat. Oskar J. Frederiksen und Anders M. Jørgensen liefern sich ein albumlanges, atemloses Gitarrenduell. Songs wie «I Smell Blood» und «Remember It’s a Nightmare» haben die Hooks und Refrains von Hits, und mit dem Klavier-Intermezzo «Burning Feathers» hat sich sogar eine wunderschöne Popminiatur auf das Album geschlichen. – Pablo Rohner


12. Mai

Ensnared – Dysangelium

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Mit ihrem Debüt Dysangelium siedeln sich Ensnared (früher Gravehammer) aus Schweden irgendwo zwischen schwedischem Death und Black Metal und Legenden wie Dissection, Unanimated oder Watain an. Nur dass sie eher schmutzig und verrottet klingen als erhaben oder satanisch. Der Refrain von «Gale Of Maskim» hat etwas Beschwörendes, ein starker Kontrast im Vergleich zur Raserei in den Strophen. Auch der Grossteil der restlichen Songs ist in rasendem Tempo gehalten. «Apostles Of Dismay» beginnt zwar schleppend, doch schon nach dem ersten Drittel geben die Schweden Vollgas. Der am Schluss platzierte Titelsong schreit förmlich nach Dissection und bildet den Höhepunkt eines durchweg guten Albums. Speziell hervorzuheben ist die Performance von Schlagzeuger J.K., der die Songs mit bemerkenswerten Fills und seinem komplexen Beckenspiel prägt. Allerdings enthält Dysangelium teilweise zu lange Zwischenspiele. Hört man sich das infernalische Old-School-Geballer in den restlichen Passagen des Albums an, wünscht man sich, die Band hätte die Unterbrechungen sein lassen und die radikalen Black-Metal-Elemente noch krasser betont. – Thuri Bürgler


13. Mai

Jordablod – Upon My Cremation Pyre

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Das Debüt von Jordablod aus dem südschwedischen Malmö bietet Black Metal mit Grundierung in Heavy Metal, Hardrock und Gothic. Ähnlich wie Tribulation oder Slægt reflektieren Jordablod ihre Einflüsse in der Klanggewalt von Black und Death Metal, jedoch geschieht dies bei Jordablod weniger plakativ. Retro ist hier weniger das Programm als die Würze, die dieser sonst knochenharten Musik zu einer verspielten Leichtigkeit verhilft. Die schlichten Riffkadenzen und Melodien haken ein («A Sculptor of the Future»), die Basslinien brettern wie bei Motörhead und liebevolle Hard-Rock-Soli, etwa in «En Route to the Unknown» und «Liberator of Eden», setzen den im Schnitt knapp achtminütigen Kleinoden die Kronen auf. – Pablo Rohner


19. Mai

Abkehr – In Asche

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Wenn «German Black Metal» ein Reich ist, dann sind Ultha die aktuellen Regenten und Abkehr die ersten Prinzen. Epische Songs aus schlichten Akkordfolgen, euphorisierende Blastbeats und eine Stimme, die klingt, als würde sie mit letzter Kraft einem Sturm widerstehen, der sie in den Abgrund zu blasen droht, machen In Asche zu einem Glanzlicht klassischen Black-Metal-Handwerks. Als «ravishing grimness» hat Ravn von 1349 einmal treffend das wilde Glück beschrieben, das Black Metal bereiten kann. In Asche deckt dich damit zu. – Pablo Rohner


19. Mai

Loss – Horizonless

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Neben Mirror Reaper von Bell Witch ist Horizonless von Loss das Funeral-Doom-Album von 2017, das bereits als Meilenstein des Genres gelten darf. Beide Alben bedrücken, entzücken und beglücken, und beide eint eine Dialektik von Minimalismus und Opulenz in Komposition und Ausführung. Dennoch ist Horizonless eine Hydra, die zwischen halbakustischen Kammerspielen, melodischen Taumeln à la Pallbearer und erdrückenden Doom-Passagen wütet. Immer wieder lockern filigrane Teile den Doomdruck etwas auf, zu hören etwa im Ausklang von «Banishment». Ein tragendes Element von Horizonless sind die Basslinien von John Anderson, schön zu hören im eröffnenden Glanzstück «The Joy of All Who Sorrow», in dem sich der Tieftöner nach acht Minuten in der Rolle des Leadinstruments wiederfindet. Wenn in «Naught» das kammermusikalische Zusammenspiel von sanfter Gitarre und gurgelndem Röcheln erst von schweren Doom-Walzen überrollt wird und dann von offen durchgeschlagenen, harmonischen Akkorden und raspligen Shouts abgelöst wird, zeigt sich die ganze dramaturgische Brillanz von Loss‘ musikalischer und emotionaler Hydraulik. – Pablo Rohner


23. Mai

Petrale – From Under the Floorboards

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Von Samael bis Blut aus Nord: Drumcomputer haben im Black Metal Tradition. Das überrascht kaum, war das Genre doch immer auch eine Kastration des Schlagzeugers, seit Fenriz für die Aufnahmen zu A Blaze in the Northern Sky fast alle Toms und Becken von seinem Schlagzeug entfernt hat. Das Schweizer Ein-Mann-Projekt Petrale dreht diesen Spiess nun für einmal um und könnte damit eine Weltpremiere sein: Auf From Under the Floorboards (übrigens gratis auf Bandcamp herunterzuladen) ist das Schlagzeug eingespielt, die Gitarren aber programmiert. Was zuerst nach Gag klingt, ist nicht nur wegen der starken Songs ein bemerkenswertes Album geworden. Obwohl die elektronischen Gitarren einer «richtigen» zum Verwechseln ähnlich sind, entfalten sie eine einzigartige Wirkung. Sie stehen unter einer konstanten Spannung, die diffuses Unbehagen auslöst. Ein gewisser Kontrollwahn war dem Heavy Metal von Anfang an eigen, doch diese elektronischen Gitarren laufen bei allem Studiozauber fast allem entgegen, was wir von dem Instrument gewohnt sind. Hier wird die Kontrolle über den Sound an sein subversives Limit getrieben. – David Hunziker


16. Juni

Cavernlight – As We Cup Our Hands and Drink From the Stream of Our Ache

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Adam Bartlett ist der Kopf des Labels Gilead Media, auf dem in den letzten Jahren duzende wichtige Veröffentlichungen aus dem experimentellen Metal erschienen sind. Man denke nur an Krallice, Thou, Fell Voices, Alraune oder Fórn. In diesem Jahr nun hat Bartlett mit seiner Band Cavernlight nach einer Kassette auch die erste Platte vorgelegt. Dem Titel des Albums entsprechend ist in der Musik von Cavernlight wenig Licht, dafür viel Schmerz, Qual und Verzweiflung. Die Melancholie findet Ausdruck in abartigen, hoch gekreischten Vocals, lärmenden Gitarren und wuchtigem, langsamem Schlagzeug. Die Arrangements sind einfach und subtil, aber ungeheuer wirkungsvoll. As We Cup Our Hands ist eine Konfrontation mit der unendlichen Verzweiflung im Angesicht einer endlichen Existenz. – David Malatesta


23. Juli

Sinmara – Within The Weaves of Infinity

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Vielleicht markierte das 2015 erschienene Exercises in Futility von Mgła nach Jahren total dissonanter Finsternis den Anbruch eines neuen goldenen Zeitalters der Melodie im Black Metal. Within The Weaves of Infinity stellt zumindest innerhalb von Sinmaras Werk einen klaren Schritt in diese Richtung dar. Den Titelsong und «Ormstunga» dominieren Riffs, die getrost schön genannt werden können. Dabei verlieren Sinmara nie die blitzende Schärfe, die den modernen Klassiker Aphotic Womb auszeichnete. Die Textur von Within the Weaves of Infinity ist in allen Winkeln der Songs von feingliedrigen Figuren durchsetzt, die erst nach und nach zum Vorschein kommen. Neben den Alben von Rebirth of Nefast und Almyrkvi das brillanteste Stück isländischer Black Metal dieses Jahres. Und die Hook des Titelsongs neben dem einen Wiegedood-Moment (siehe oben) die schönste.  – Pablo Rohner


28. Juli

Tchornobog – Tchornobog

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Den Alleingang des Jahres liefert Markov Soroka, der an Tchornobog sieben Jahre lang gearbeitet haben soll und heute erst beeindruckende 21 Jahr jung ist. Wie das grossartige Cover schon andeutet, ist Tchornobog eines jener Alben, die sich wie eine dunkle odysseische Welt vor einem ausbreiten und mit allerlei Gefahren aufwarten: schroffe Raserei aus Black und Death Metal, doomiges Gewalze und verwehte Growls dominieren die Textur, dazwischen kommen immer wieder elysische Oasen in Sicht; Melancholische Harmonien und von singenden Leads umrankte Riffs verschaffen Raum zum Atmen und in «III: Non-existence’s Warmth (Infinite Natality Psychosis)» ertönt sogar ein loungiges Saxophon. Auch wenn man sich Sorokas andere Projekte, den unter-Wasser-Doom von Slow und den spacigen Black Metal von Aureole anhört, erschliesst sich vollends die alptraumhafte Essenz seines Werks, die auf Tchornobog auf den kompositorischen Gipfel getrieben wurde: der Untergang des Individuums in der Ungeheuerlichkeit von Raum und Zeit. – Pablo Rohner


1. August

Wacht – Korona

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Black Metal ist tot, lang lebe Black Metal! Oder mit dem Motto von Wachts neuem Album Korona: «Fuck Black Metal, Black Metal über Alles!». Das heisst auf musikalischer Ebene erstmal: mehr Death Metal. Es hat sich ja herumgesprochen, dass dieser in seiner modrigen Ausführung gerade eh der bessere Black Metal ist. Der wahre Geist sucht sich eben seinen Träger. Wobei sich die Verschiebung auf Korona eher im Gefühl als in der Substanz der Musik mitteilt. Thematisch steigt Steynsberg mit Korona vom Gipfel, von dem herab er auf Indigen auf Rätoromanisch das Engadin und das Übermenschentum besungen hat, in die Gruft, oder vielmehr ins Beinhaus hinab. «Show me your Bones» lautet die programmatische Eröffnungslinie von «Lightningfire», dem ersten Song von Korona. Es ist ein tiefer Growl, der da ertönt und alsdann von einer gleissenden Blastbeatpassage zugedeckt wird. Die Tiefen dominieren die Textur aus Riffs im gepeitschten Stil von Arckanum oder Panphage und hintergründig flirrenden Melodien. Immer wieder wird das Tempo gedrosselt, die dunkle Wut geht dann in schäumendes Sehnen über. Dort liegen die goldenen Momente von Korona. Steynsbergs Stimme, die über das ganze Album hinweg das Temperament der Musik reguliert, hellt dann zu frenetischen Schreien auf und bekommt ein berührendes Pathos, zu hören etwa im Duett mit KzR von Bölzer in «Anti-sphere’s Wine» oder dem entrückten «To the Skies». – Pablo Rohner


15. September

Big Brave – Ardor

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Die dritte LP der Band aus Montreal – wieder aufgenommen im berüchtigten Studio Hotel2Tango, wo auch Godspeed! You Black Emperor zu Hause sind – zieht den eigensinnigen Sound, der schon auf dem Vorgänger Au De La aufgezogen wurde, auf höchstem Niveau weiter. Schon mehrfach durften Big Brave vor Sunn O))) spielen. Da gehören sie definitiv hin: Ardor zeichnet sich durch eine gehörige Portion tief dröhnender und kreischender Feedbackwände aus, begleitet von monotonem Trommeln und sich endlos wiederholenden Mustern. Robin Wattie fügt sich mit ihrem hohen, verzweifelten Gesang – das unverwechselbare Markenzeichen der Band – in die Soundmasse ein und setzt einen merkwürdigen poppigen Akzent. Insgesamt ist das Album mit drei Songs eher kurz geraten, die Arrangements überzeugen aber mit Tiefe und Schwere. – David Malatesta


8. September

Grift – Arvet

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Die Verneigung vor der rauen Natur Schwedens und dem kargen Leben darin sind die Themen von Grift, dem Hauptprojekt von Erik Gärdefors. Gärdefors ist innerhalb des Black Metal eine Art Singer-Songwriter, der auf Schwedisch vom Leben in den Wäldern singt, von geschnittenem Gras, Tierknochen im Gesträuch und spärlich beheizten Stuben vielleicht, sicher aber von existentiellen Themen wie Einsamkeit und Angst. Arvet ist traurig, sakral und getragen von Gärdefors’ einzigartigen Schreien, die von inbrünstiger Verzweiflung bis weinerlicher Zerbrechlichkeit ein breites emotionales Spektrum abdecken und sich auch dort nicht zurücknehmen, wo der Metal dem Folk Platz macht. Arvet ist ein hinreissender Black-Metal-Sturm. Das alte Instrument Psalmodikon, Fieldrecordings aus der Umgebung der einsamen Hütte, in der Gärdefors lebt, und Rezitationen schwedischer Lyrik vertiefen die schmerzerfüllte Schollenmystik von Arvet nur noch mehr. – Pablo Rohner


2. Oktober

Dawn Ray’d – The Unlawful Assembly

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Frage ich selbsternannt apolitische Black-Metal-Fans nach ihrer Meinung zu Alben von offen linken Bands, kriege ich oft zu hören: Die Einstellung der Band sei ihnen egal, doch die Riffs liessen sie halt kalt. Ebenfalls oft begegnet die gegenteilig gelagerte Trennung zwischen Musik, die halt geil sei, und vermuteten oder offen rechten Tendenzen von MusikerInnen, die man halt nicht zu ernst nehmen müsse. Ohne die Frage zu vertiefen, inwiefern Geschmack politisch ist, lässt sich folgendes musikalisches Muster oft beobachten: Linke Black-Metal-Bands kommen eher vom Post-/ oder Hardcore her und neigen daher dazu, auf folkloristisches oder viriles Pathos und nekrophile Klangromantik zu verzichten. Dadurch wirkt ihre Musik oft eher distanziert und weniger verzaubert. Dawn Ray’d aus Liverpool schaffen es auf ihrem gefeierten Debütalbum den Kitsch des Black Metal für den Klassenkampf zu mobilisieren. Auf The Unlawful Assembly finden sich heroisch galoppierende Melodien, wütendes Gekeife und traurige Arbeiterlied-Stimmungen mit Violine und im besten Sinn naivem Klargesang. Vom expressionistischen Artwork bis zu den kritischen Texten ist das Album von einem süssen Leiden durchsetzt, das uns sagt: Auch die Revolution hatte mal bessere Zeiten, denen man mit Black Metal herrlich nachtrauern kann. Vielleicht entsteigen sie ja der Gruft. – Pablo Rohner


6. Oktober

Primitive Man – Caustic

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Bei Primitive Man ist der Name sogar noch etwas mehr Programm geworden als zuvor schon. Nachdem der komplexere Ansatz der EP Home Is Where the Hatred Is nicht so recht funktionieren wollte, hat sich die Band aus Denver, Colorado zum Glück dafür entschieden, sowohl den Minimalismus als auch die Brutalität des wunderbaren Debuts Scorn auf ihrer zweiten LP Caustic noch weiter zu radikalisieren. In ihrem brachialen Sludge wuchten sich die Riffs wie eine riesige Peitsche durch die Luft, die ausgedehnten Feedback-Schlaufen klingen, als würden sie zum Schlag ausholen. Manchmal kippen sie in den Drone, Harmonien gibt es eh kaum. Erfreulich ist vor allem auch der für ein Metalalbum überraschend irdische Inhalt der Lyrics, der sich unter diesem Sound-Spektakel verbirgt: eine düstere Kritik kapitalistischer Ausbeutung. In «Commerce» etwa heisst es: «Infected with poverty / Left in the gutter / Over worked / Under paid». Als Mitglied des zeitgenössischen Künstlerprekariats schreit man solche Zeilen wohl mit mehr Überzeugung als den Soundtrack eines Drachenkampfs. – David Hunziker


13. Oktober

Hällas – Excerpts from A Future Past

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Schon letztes Jahr stürmte ein Album mit gross angelegter Fantasy-Space-Story an die Spitze diverser Jahresrückblicke: Terminal Redux von Vektor. In ähnlichen Bahnen wie die progressiven Thrasher bewegen sich Hällas auf ihrem ersten regulären Album Excerpts From a Future Past jedoch nur lyrisch. Die Band selbst bezeichnet ihre Musik schlicht als «Adventure Rock», am ehesten lässt sie sich als psychedelisch angehauchter Hard Rock beschreiben. Wobei, so ganz trifft es das auch nicht, dafür klingt Excerpts zu zerbrechlich und weich, sind die Gitarren oft nicht verzerrt genug. Auf der Bühne erscheinen Hällas mit Glitzer im Gesicht und Paillettenjacketts – wie eine Mischung aus David Bowie und Uriah Heep. Ein Konzert der Schweden bringt einiges Discoflair mit – spätestens beim Hit «Starrider» (vielleicht der Song des Jahres) mit seiner Daft-Punk-Sexyness. Fenriz (er feierte Excerpts in seiner Radiosendung ab und trug damit wohl einiges zum Hype um Hällas bei) und mit ihm viele Metaller lieben Hällas aber auch für Iron-Maiden-Momente wie das Leadduell in «The Golden City of Semyra». Wer Hällas hört, kann natürlich «Retromania» schreien. Doch die sieben Hammond-Synth-imprägnierten, von der herrlich naiven Stimme von Tommy Alexandersson getragenen Rockskulpturen von Excerpts From a Future Past sind schöner als so manches Original. – Pablo Rohner


13. Oktober

Spectral Voice – Eroded Corridors of Unbeing

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Für ihr Debut haben sich Spectral Voice aus Denver, Colorado besonders viel Zeit gelassen: Eroded Corridors Of Unbeing gingen ganze fünf Demos und zwei EPs voraus. Dafür hat die Band nun bereits einen fein ausgearbeiteten eigenen Stil. Die Verbindung von Death und Doom deuten Spectral Voice zwar traditionell aus, dennoch sind sie keinesfalls eine Genreband. Bereits die dezent verzerrten Gitarren und die geradezu inflationär eingestreuten Speed-Parts sind bemerkenswert, und die Produktion klingt trotz ungeheurer Rohheit ebenso differenziert wie dynamisch. Es wirkt, als hätten Spectral Voice den Sound augenfälliger Idole wie Demigod, Incantation oder Evoken mit künstlerischem Anspruch verfeinert. Dafür spricht auch, dass Eroded über weite Strecken ohne Vocals auskommt. Und ihre melodiöse Begabung zeigt die Band etwa im zehn Minuten langen «Visions Of Psychic Dismemberment», die beiden Gitarristen harmonieren selbst während primitiv walzenden Parts elegant miteinander. – Thuri Bürgler


13. Oktober

Vassafor – Malediction

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Die neuseeländische Black/Death-Band Vassafor tummelt sich bereits seit 1997 in der Szene herum. Im Underground kursierten jahrelang ein paar erfolgreiche Demos, EPs und bereits ein Album, Malediction ist also erst ihr zweites. Es enthält gerade mal fünf Songs, drei davon jedoch zwischen zehn und sechzehn Minuten lang. Trotzdem fesseln sie von der ersten bis zur letzten Minute. Die Musik des Duos ist finster und atmosphärisch. Vergliche zu grossen neuseeländischen Brüdern wie Diocletian, Witchrist oder Heresiarch drängen sich auf. Die tiefen Gitarren brummen fast übersteuert durchs Klangbild, das träge Schlagzeug erweckt manchmal den Anschein, als würde man eine EP mit 45 UPM aus Versehen auf 33 abspielen. Aber dabei bleibt es nicht. Immer dann, wenn man sich gerade in dem monotonen Sound eingelullt hat, kommt die Schrecksekunde mit durchgetretenem Kickpedal. Auch der tiefe, geknurrte Gesang frisst sich durch Mark und Bein. Malediction ist die bisher eigenständigste Platte von Vassafor und verpasst dem ganzen War-Metal-Gedöns eine eigene, doomige Note. – Thuri Bürgler


20. Oktober

Amenra – Mass VI

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Die Abrissbirne aus Flandern lädt zur sechsten Messe. Und wie in ihrem bisherigen Werk zelebriert das Ober-Kollektiv des Metakollektivs Church of Ra einen mystischen, mit existenzialistischen und religiösen Motiven versehenen Post-Metal. Wer sich die Vinyl-Version zugelegt hat, erkennt die feierliche Ästhetik schon an der ebenso schönen wie provokanten Darstellung von vier toten Tieren auf den Innentaschen. Durch die Fotos erfahren die Tiere eine beinahe persönliche Würdigung und die sechs Stücke wirken wie der Abgesang auf ihre und die Existenz überhaupt, an der nur das unausweichliche Ende gewiss ist. Die Melancholie des Albumthemas schlägt sich auf Mass VI auch in der Musik nieder. Es dominieren ritualhaft wiederholte Riffs und Colin Van Eeckhouts anklagende Shouts. Grosszügig eingesetzter, an Sigur Rós erinnernder Klargesang säuselt in leisen Momenten durch Amenras Klanggebirge, in dem sonst kräftiges Pathos die Wetterlage bestimmt. Mass VI ist ätherisch und heavy, wütend und sanft und trotz seinem wechselhaften Temperament kompakt und ohne Lücke. – David Malatesta und Pablo Rohner


20. Oktober

Antiversum – Cosmos Comedenti

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Was für ein Block von einem Album! Es beginnt mit «Antinova», das sechs Minuten dissonant dahindonnert, bevor Black-Metal-Klirren eine Schneise in die dunkle Soundmasse schlägt. Cosmos Comedenti, das erste Album der Zürcher Antiversum, macht es einem nicht leicht, es zu mögen. Sich von dieser Vertonung der Antimaterie einsaugen, von dieser zähen Lava, in der kaum Momente Gestalt annehmen können, umschliessen zu lassen, ist trotzdem ein betörender Trip. Denn zwischen Dröhnen und Flirren, zwischen abgründigen Doom-Walzen und feurigen Black- und Death-Implosionen, schillert das Schwarz von Cosmos Comedenti psychedelisch. – Pablo Rohner


20. Oktober

Bell Witch – Mirror Reaper

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Irgendwann singen Bell Witch plötzlich mit einem Toten. Es ist Adrian Guerra, der 2016 verstorbene ehemalige Schlagzeuger der Band, von dem noch einige Gesangsaufnahmen von der Produktion von Four Phantoms (2015) übriggeblieben waren. Sänger und Bassist Dylan Desmond hat die Band mit dem Drummer Jesse Shreibman nun wieder vervollständigt und mit Mirror Reaper ein Trauerwerk (nicht das einzige seiner Art dieses Jahr) geschaffen, das seinesgleichen sucht: ein einziger Song, der den Vorgänger Four Phantoms in Schwere und epischer Melancholie noch übertrifft. Mit seinen 83 Minuten könnte er der längste Metalsong aller Zeiten sein. Als Ganzes fordert dieses Album mit seiner Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität enorme Konzentration und Versenkung ein; und seine emotionale Wirkung ist, nun ja, nicht gerade heiter. Eher kontemplativ als überwältigend mäandern die endlos schleppenden Riffs voran, verdichten sich, werden von Growls oder klaren Stimmen begleitet und manchmal auch von einer Hammond-Orgel. Doch so tief die Tränentäler hier sind, so wunderschön auch die Melodien, zu denen sich die wogenden Bewegungen immer wieder aufschwingen. Dieses Album kann einen bedrücken, aber es lässt auch die regenerative Kraft der Trauer spüren. – David Hunziker


20. Oktober

Yellow Eyes – Immersion Trench Reverie

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Der Sound der meisten Bands würde mit der Zeit sauberer und transparenter, Yellow Eyes hingegen wollten das genaue Gegenteil: immer obskurer werden. Das sagte mir Will Skarstad, Gitarrist und Sänger der Band, neulich nach ihrem Konzert im Kaschemme in Basel. Sein Punkt ist entwaffnend, weil er auf eine eigentümliche Dynamik in der Musikindustrie hinweist, die dem künstlerischen Anspruch wohl meist zuwiderläuft: Je mehr Anerkennung MusikerInnen erhalten, desto leichter machen sie es ihren HörerInnen, obwohl sie sich das Gegenteil jetzt umso mehr leisten könnten. Auch wenn er Programm ist, ist der Weg ins Obskure ist bei Yellow Eyes längst keine billige Underground-Pose oder zwanghafte Verweigerung. Immersion Trench Reverie ist ein Meisterwerk in Klang und Komposition, voller liebevoller Details, immer wieder eigenwillige Finten schlagend, immersiv und fordernd zugleich. Yellow Eyes machen Musik, die wir noch nie gehört haben, aber doch einfach nur Black Metal. Denn darum geht diese Musik doch: sich zu verlieren in eigenen Welten und sie mit liebevollem Handwerk einzufangen. Amerikanisch im allerbesten Sinn. – David Hunziker


20. November

Krallice – Go Be Forgotten

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Krallice als herausragende Black-Metal-Avantgardisten zu loben, ist leicht, ihre überkomplexe Musik zu verstehen, eher weniger. Nun kommen uns die New Yorker wenigstens ein bisschen entgegen. Der Schritt zu Go Be Forgotten kommt nämlich einer drastischen Reduktion gleich. Klar, die Musik von Krallice ist immer noch rasend und mit Brüchen durchsetzt, die harmonischen Belohnungsmomente sind rar. Doch gleich mit dem dem Auftakt des Albums, dem epischen «This Forest For Which We Have Killed», schlagen Krallice ganz neue Töne an: Über einem stetigen Blastbeat setzt die Tremolo-Gitarre ein geraden Viertelnoten eine einfache Melodie. Die Motive erhalten hier generell mehr Raum, der Sound ist roher, flirtet mit urtümlichem Black Metal. Die Synthies erinnern an die symphonischen Momente von Bathory oder im vollständig elektronischen «Quadripartite Mirror Realm» sogar an Burzums «Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität». Angekündigt hatte sich der Stilbruch bereits im ebenfalls dieses Jahr erschienenen, in Kollaboration mit dem Neurosis-Bassisten Dave Edwardson entstandenen Loüm. Mit diesem Zug treffen Krallice ins Schwarze, denn ihr teilweise doch arg cleaner Math Black Metal war von der Gefahr der Abnützung nicht völlig frei. Nun ist wieder alles offen. – David Hunziker


24. November

Degial – Predator Reign

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Das wüsteste Death-Metal-Album kredenzen uns Degial aus Uppsala zum Jahresschluss. Es ist auch eines der besten geworden. In den Riffs liegt atemloser Wahnsinn, der schroffe Sound flimmert wie die Luft über dem lodernden Höllenfeuer und überzieht die Songs mit einer Kruste, gegen die die Riffs ansägen und in die sich immer wieder ätzende Soli fressen. Wo auf dem Vorgängeralbum Savage Mutinity noch groovige Parts und Akkordprogressionen vorkamen, sind die Riffs auf Predator Reign durchweg verdreht und sperrig, man könnte auch sagen technischer. Unter dem Strich macht das ein Hörerlebnis, das niederste Gelüste weckt; jetzt in ein blutiges Stück Fleisch reinbeissen, und in den Knochen gleich mit, hach! – Pablo Rohner


24. November

Sortilegia – Sulphurous Temple

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Zweimal in diesem Jahr habe ich Sortilegia live gesehen: im Sommer auf dem Chaos Descends Festival und kürzlich beim Halt der «Astral Maledictions»-Tour mit Sinmara, Almyrkvi und I I in Berlin. Beide Male war es faszinierend zu sehen, welche Soundmacht Sängerin und Gitarristin Koldovsto und Schlagzeuger Haereticus zu erzeugen im Stande sind. Als ähnliches Erlebnis stelle ich mir (leider nie erlebt) die heute mythischen Konzerte von Bolt Thrower vor. Ob unter dem Sternenhimmel im Thüringer Wald oder im Keller in der Grossstadt: Sortilegias minimalistische Riffkaskaden versetzen in einen meditativen Trancezustand. Der heulende Gitarrensound, Koldovstos schaurige Schreie zwischen Burzum und Urfaust, die hypnotisierende Dynamik des oft gewählten Dreivierteltakts: All das entfaltet seine Magie vollends zwar erst im Weihrauchnebel an einem Live-Ritual von Sortilegia. Aber bei Kerzenlicht und in angemessener Lautstärke kriegt man auch beim Hören von Sulphurous Temple etwas davon ab. – Pablo Rohner


24. November

Almyrkvi – Umbra

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Mit ihrem Debütalbum Umbra erweitern Almyrkvi das Spektrum des Reykjaviker Black Metal um eine weitere Facette. Garðar S. Jónsson, unter anderem auch Gitarrist bei Sinmara, kreiert hier aus unübersichtlich geschichteten Gitarrenriffs und dunklen Vocals Black Metal mit hohem Doom-Anteil. Von Sound und Thematik her in Richtung Darkspace gehend, liegt der Fokus von Almyrkvi mehr auf Textur statt Struktur, dank Hall und synthielastigen Ambient-Teilen umspannt die Musik einen eher als Klangkuppel, als dass sie angreift. Immer wieder aufschiessende Gitarrenleads und ätherischer Klargesang konturieren das atmosphärische Mäandern von Umbra. – Pablo Rohner


4. Dezember

DSKNT – PhSPHR Entropy

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Ausgehend von den Westschweizer Alpen erschütterten gegen Ende des Jahres nochmals Schockwellen den chaotisch-abstrakten Nebenarm des Black-Metal-Kosmos. DSKNT sorgte mit PhSPHR Entropy für Furore, das Debüt des obskuren Projekts schaffte es etwa auf Anhieb auf Platz sechs der Black-Metal-Jahresliste des Magazins Cvlt Nation. Es gibt nicht viel Information über den Musiker hinter DSKNT, in der Szene dürfte er jedoch als Mitglied verschiedener Bands aus dem Wallis und um den Genfersee bekannt sein. Mit PhSPHR Entropy hat er jedenfalls ein bezauberndes Stück dunkle Tonkunst geschaffen. An der Oberfläche wirkt die Musik zunächst völlig konturlos, ein Amalgam aus tiefgestimmtem Black Metal, wie ihn Deathspell Omega einst begründeten, mehr Ambient als Metal eigentlich. Doch dass daraus auch immer wieder grossartige Riffs auftauchen, bedrückende Noise-Einlagen dazwischenfahren und das Tempo dauernd variiert, macht das technisch unglaublich versierte PhSPHR Entropy bemerkenswert. Neben Cosmos Comedenti von Antiversum, mit denen DSKNT ausserdem den Sänger teilt, das zweite Glanzstück dunkelsten Black Metals aus der Schweiz. – Pablo Rohner