«Das ist mein Klischee-Anti-Christentum-Psalm»

Mit Mythen, Mären, Pestilenz ist Ungfell ein Wurf von einem Album gelungen. Ungfell ist Black Metal als Songschreiber-Kunst, und hier steht sie in voller Blüte, genährt von Sagen- und Musiktraditionen aus den Schweizer Alpen. Wir haben Multiinstrumentalist und Songschreiber Menetekel und Drummer Vâlant in ihrem Zürcher Proberaum zum Interview getroffen.

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Menetekel legt Anthems to the Welkin at Dusk von Emperor ein und setzt sich auf eine der schwarzen Couches in der gemütlichen Sitzecke des Proberaums. Vâlant ist noch nicht da. Hier in diesem Keller in Zürich Wiedikon ist Ungfell zu Hause und hier sind auch Teile von Mythen, Mären, Pestilenz entstanden. An den Wänden hängen Poster von Black-Metal-Bands aus den 90ern und auch Menetekel hört gerade wieder am liebsten die klassischen Sachen.

Alpkvlt: Menetekel, du warst auch am Konzert von Emperor am letztjährigen Hellfest. Wie hat es dir gefallen?
Menetekel: Dieses Konzert war unglaublich! Es gehört zu den besten, die ich je gesehen habe. Ich bin eigentlich gar kein Fan solcher riesigen Mainstreamfestivals, die Reise nach Westfrankreich habe ich mir nur wegen Emperor und Wardruna angetan. Es hat sich völlig gelohnt.

Und neue Bands?
M: Diese Bands sind für mich immer noch enorm wichtig. Nach neuen Bands suche ich nicht mehr so intensiv wie auch schon. Aber ich bin auch nicht einverstanden mit den Pessimisten, die behaupten, im Black Metal gäbe es keine aufregende Musik mehr zu entdecken.

Was entdeckst du?
M: Gerade habe ich die US-Band Dumal entdeckt – fadengerader Black Metal mit catchy Riffs, genau wie ich es mag. Kürzlich habe ich den Zugang zu Asagraum gefunden, dieser gehypten Frauenband aus Holland. Oder die ganze neuseeländische Szene um Bands wie Diocletian, Witchrist oder Vassafor find ich sehr inspirierend. Aber du merkst vielleicht: An Ungfell erinnert nichts davon.

Deine Kompositionen sind also nicht von anderen Bands inspiriert?
M: Zumindest nicht direkt. Ich finde diesen ganzen Inspirations-Diskurs sowieso völlig uninteressant. Auf irgendeine Weise beeinflusst einen doch alles, was man freiwillig oder unfreiwillig hört. Und abgesehen davon lese ich im Zusammenhang mit Ungfell immer wieder dieselben Vergleiche mit Bands, die ich jetzt nicht nennen will – das habe ich wirklich langsam satt!

Also nimmst du solche Vergleiche als reduzierend wahr?
M: Absolut. Doch gewisse Bands werden davon aus irgendwelchen Gründen verschont. Satanic Warmaster haben Riffs eins zu eins bei Mayhem abgeschaut. Und wieso spricht niemand über all die Bands, die probieren, wie Horna oder Deathspell Omega zu klingen?

Willst du also möglichst originelle Musik machen?
M: Nein, gar nicht. Als ich mit Demo(lition) das erste Lebenszeichen von Ungfell auf Bandcamp gestellt habe, wollte ich vor allem mit all dem Material abschliessen, das sich auf meiner Festplatte angestaut hatte – es wurde zur Belastung. Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass sich überhaupt jemand dafür interessieren würde.

Nun ist es umgekehrt: viel Interesse und Lob. Gerade ist Mythen, Mären, Pestilenz erschienen, euer zweites Album und das erste auf dem deutschen Label Eisenwald.
M: Etwas Bestätigung ist schön, sie hat wohl noch niemandem geschadet. Doch auch bei diesem Album freue ich mich nicht in erster Linie über das Feedback oder die Anerkennung von Fans, sondern mein Album endlich auf Vinyl und CD in den Händen zu halten. Ich höre es mir dann noch ein- oder zweimal an, bevor das Werk für mich auf eine Weise abgeschlossen ist und ich Platz habe im Kopf für Neues.

Neben der Entwicklung deines Songwritings fällt vor allem auch die liebevolle, detailverliebte Produktion des Albums auf – Ungfell, die Black-Metal-Tüftler!
M: Wir haben unseren Sound sicher stark entwickelt. Alles, was du auf dem Album hörst, wurde entweder bei mir zuhause oder hier im Bandraum aufgenommen. Ich habe sowieso eine generelle Abneigung gegen Studios. Mit Eisenwald hätten wir vermutlich sogar die Möglichkeit gehabt, in eines zu gehen, aber das wollten wir nicht. Der Anspruch, dass es eigenständig klingt, ist mir wichtiger als alles andere. Ausserdem würde ich im Studio vor echte Probleme gestellt: Ich müsste meine Riffs auswendig lernen. (lacht)

Die kannst du nicht?
M: Ich entwickle Songs, während ich sie aufnehme. Die meisten Aufnahmen, die du von mir hörst, habe ich genauso zum ersten und letzten Mal gespielt. Ich probiere zu Hause an Riffs rum, lasse die Aufnahme laufen und wenn ein gutes dabei herauskommt, lasse ich es stehen. Ich beginne dann auch nicht, es zu üben.

Das klingt alles sehr nach DIY. Hast du den Holzschnitt fürs Cover auch noch selber gemacht?
M: Den habe ich in einem Sagenbuch des Schweizer Dichters Meinrad Lienert gefunden. Er stellt eine Szene aus der Sage über den Ritter von Lasarraz dar, die ich in einem Song auf dem Album musikalisch umgesetzt habe.

Was für eine Szene sehen wir auf dem Bild?
M: Wie der Ritter von Lasarraz seine Eltern von ihrer eigenen Burg vertreibt. Zuvor hat er ein bösartiges Mädchen geheiratet, das ihn dazu drängt, sie aus der Burg zu werfen. Weil es Winter ist, erfrieren die beiden. Plötzlich krallen sich zwei Kröten an den Backen des Ritters fest und lassen nicht mehr los; da merkt er, dass dies nun seine Strafe ist. Schlechtes Gewissen plagt ihn und er besucht den Papst in Rom, der ihm jedoch keine Absolution erteilen kann. Nachdem er seine Eltern begraben hat, wandern die Kröten zwar etwas weiter seinen Rücken hinunter, aber sie bleiben, bis er stirbt.

Hat der Song eine spezielle Bedeutung, dass er auf dem Cover ist?
M: Tatsächlich drehen sich viele Songs auf dem Album auch um sehr persönliche Dinge aus meinem Leben. Aber das sieht niemand, der mich nicht gut kennt. Und es geschieht sehr indirekt – ich habe meine Eltern also nicht verstossen.

Die Texte auf Mythen, Mären, Pestilenz basieren auf Schweizer Sagen oder Schauergeschichten. Was interessiert dich an diesen Stoffen?
M: Die Abgründe, aber auch die Schönheit der Schweizer Geschichten- und Sagenwelt. Und es geht mir auch um die schlechten menschlichen Charakterzüge, um die es in diesen Geschichten oft geht

Um eine christliche Moral einzuüben…
M: Das ist auch ein Problem, das ich damit habe. Wie du dir vorstellen kannst, bin ich kein grosser Fan des Christentums. Darum findet man auf dem Album auch noch den Track «Die Heidenburg» – quasi mein Klischee-Anti-Christentum-Psalm.

Wieso haben wir Ungfell noch nie live spielen gehört?
M: Das ist ganz einfach nicht meine Priorität. Ich habe mehr Spass, die Musik zu kreieren, als sie live vorzutragen. Was aber nicht heisst, dass es nie geschehen wird.

Geniesst du auch die obskure Aura um die Band?
M: Das ergibt sich sozusagen als Nebenprodukt und ich habe auch gar nichts dagegen. Ein Stück weit gehört diese Aura auch zum Black Metal, Ungfell macht sie aber nicht aus.

Mit der Veröffentlichung über Eisenwald werdet ihr nun zumindest eine breitere Hörerschaft erhalten. Gefällt dir das?
M: Ja und nein. Klar, es ist schön, dass unsere Musik auf mehr und andere Leute trifft. Aber das heisst oft auch, dass wir dann eher musikalisch «falsch» verstanden werden. Leider ist es umgekehrt so, dass einige der Fans, die sich am intensivsten mit Black Metal auseinandersetzen, auch oft mühsame Ansichten haben. Das ist ein Widerspruch, der schwer zu ertragen ist.

Ist es dir wichtig, dass deine Musik richtig verstanden wird?
M: Eigentlich ja nicht. Ich habe keine bestimmte Ideologie, die man verstehen müsste. Aber ich würde schon sagen, dass Ungfell eine Message hat. Ich will oder kann diese jedoch nicht erklären, die Musik soll für sich selber sprechen. Aber wenn jemand das Gefühl hat, unsere Musik wolle die Überlegenheit der weissen Rasse propagieren, dann beschäftigt mich das schon.

Gerade im Black Metal mangelt es ja nicht an Bands mit gesteigertem Sendungsbewusstsein…
M: Bands, die zusammen mit ihren Alben noch Manifeste ausliefern oder in Interviews bestimmte Ideen propagieren wollen, finde ich oft lächerlich. Ich habe habe einfach diesen Impuls nicht, Leuten vorschreiben zu wollen, was sie denken sollen. Das ist für dich als Interviewer jetzt vielleicht enttäuschend…

Gar nicht! Sonst könntest du ja Artikel oder Sachbücher schreiben.
M: Genau. Ausserdem muss man sagen, dass Musiker oft nicht die intelligentesten Menschen sind. Man braucht ja keine Intelligenzbestie zu sein, um gute Riffs zu schreiben. Die Hörerschaft muss sich einfach bewusst sein, dass Musiker in erster Linie Musik machen – ja, auch Black-Metal-Musiker. Was darüber hinausgeht, kann durchaus interessant sein, aber man sollte die Ideologie eines Musikers nicht überbewerten, nur weil sein musikalischer Output qualitativ hochwertig ist.

Es gibt ja auch so etwas wie musikalische Intelligenz.
M: Einverstanden. Aber gewisse Ansichten von Musikern disqualifizieren meiner Meinung nach einfach die Verehrung, die ihnen manche Fans entgegenbringen. Das soll ihre musikalische Leistung nicht schmälern, aber es kann einen schalen Beigeschmack hinterlassen.

Drummer Vâlant betritt den Raum und scherzt über die Band, die im Raum nebenan probt. «Deren Synthesizer klang auch gerade wie Emperor.» Vâlant hat Menetekel bei den Aufnahmen zu Mythen, Mären, Pestilenz als Studioschlagzeuger unterstützt. Wobei, mit Studios haben Ungfell ja nichts zu tun.

Was bei Mythen, Mären, Pestilenz sofort auffällt: Obwohl nichts daran besonders ausgefallen ist, klingt es sehr frisch. Das ist bemerkenswert, denn gerade beim Schlagzeug muss man doch sagen: Der klassische Black Metal ist ziemlich limitiert.
Vâlant: Klar kann man dabei an Grenzen stossen. Aber das hat vor allem auch mit Details zu tun. Wenn ich immer noch dieselben Übergänge spiele wie Fenriz bei den alten Darkthrone, dann klingt es halt nach alten Darkthrone. Sogar diese Band hat ihren klassischen Sound irgendwann hinter sich gelassen, weil er sich erschöpft hat.

Du sprichst von Übergängen, ein interessanter Blastbeat speist sich also aus den Zwischenzonen?
V: Auf jeden Fall, es geht um die Fills und die Wechsel zwischen verschiedenen Teilen des Songs. So hat das kreativste Drumming in einem an sich groben Black-Metal-Song Platz.
M: Ich habe übrigens immer mehr das Gefühl, dass man aus einem einfachen Blastbeat ganz viel rausholen kann. Ich habe in letzter Zeit viel über das Schlagzeugspiel gelernt und ganz neue Dimensionen darin erkannt. Früher habe ich unter meine Riffs einfach einen durchgeschlagenen Blastbeat gelegt. Bei Projekten lange vor Ungfell habe ich die Drums sogar falsch programmiert. (lacht)

Wo hast du das gelernt?
M: Bei den Aufnahmen für Arkhaaik, ein anderes Projekt von uns, habe ich wieder einmal gemerkt, wie gut es klingen kann, wenn man die Schlagzeugstimme wirklich komponiert und auf die Gitarre abstimmt. Die Erkenntnis scheint banal zu sein, aber ich habe dahingehend immer wieder Aha-Erlebnisse.
V: Es stimmt einfach nicht, dass Black-Metal-Drumming limitiert ist, wenn man sich etwas Mühe gibt.

Was kann man falsch machen?
V: Auch der Drummer muss musikalisch sein, sich zum Beispiel bewusst sein, wann welche Becken gut passen. Viele Metaldrummer, etwa im Technical Death Metal, setzen zum Beispiel das China viel zu oft ein und dreschen wie die Wilden darauf ein. Es klingt halt so schön kurz und heftig.

War das neu für dich?
V: Ich spiele schon eine Weile auf einem ziemlich grossen Kit. Doch erst jetzt bringt es mir auch etwas. Während den letzten paar Aufnahmesessions bin ich so schnell vorwärts gekommen wie vorher in zehn Jahren nicht. Das hat viel damit zu tun, dass ich bei Ungfell auch Raum erhalte, meine Stimme mitzukomponieren.

Woher stammen eigentlich die Samples auf dem Album?
V: Der kurze Monolog dieses knorrigen Berglers über die alten Schweizer in «Bluetmatt» stammt aus dem Film «Ur-Musig», einer Dokumentation über Urbräuche und alte Musik in den Schweizer Alpen. Auch die Kuhglocken in «Oberlandmystik» stammen von dort. Was so schön ist an dem Film: Es gibt keinen Kommentar, mit Musik begleitet geht man einfach so von Bild zu Bild.

Kann man sagen, dass euch die Musik in diesem Film beeinflusst hat?
M: Mein Verhältnis zur Schweizer Volksmusik ist tief gespalten. Zu achtzig Prozent finde ich sie eher mühsam, diesen ganzen Hudigäggeler halt.
V: Aber die zwanzig verbleibenden Prozent sind dafür umso geiler, man muss nur an den richtigen Orten suchen.

Wie zum Beispiel das Guggisberglied, das ihr auf dem Album gecovert habt.
M: Aber das ist eben auch älter. Ich habe das Gefühl, die Schweizer Volksmusik hat irgendwann eine Wende genommen, nach der diese nervige Fröhlichkeit Einzug gehalten hat. Die guten Sachen sind gar nicht so leicht zu finden.

Wenn du gar nicht so viele Vorlagen hattest, um damit beim Komponieren zu arbeiten, was stellst du dir dann vor, wenn es nach Schweizer Volksmusik klingen soll?
M: Das geschieht sehr intuitiv, ich sitze zu Hause und mir kommt ein Riff in den Sinn. Ah, übrigens: ein neues Riff, auf das ich gestern gekommen bin…

Menetekel nimmt eine Wandergitarre und spielt ein schnelles, folkiges Riff.

V: Sehr schön!

Auf jeden Fall klingt die Vergangenheit bei euch nicht wie ein urchiges Tanzfest, sondern meist ziemlich düster. Nichts von Nostalgie oder Nationalromantik…
M: Der Begriff «Nationalromantik» ist halt in Verruf geraten. Ich würde schon sagen, dass die Welt von Ungfell starke romantisierte Züge trägt. Wenn ich im Zürcher Oberland auf einem Hügel stehe und auf die Berge hinausblicke, dann löst das bei mir ein starkes Gefühl aus und es inspiriert mich enorm. Ist das jetzt Nationalromantik?

Der Ort, den du beschreibst, hat ja erst einmal nichts mit den nationalstaatlichen Grenzen zu tun, in denen er liegt…
M: Klar, in den österreichischen Bergen könnte es ähnlich aussehen. Aber ich verbinde diese Gefühle inzwischen auch mit regionalen Sagen. Wenn man in einer Hütte in den Bergen sitzt und es Nacht ist, kann man sich gut vorstellen, dass jetzt gleich das Toggeli zur Tür hereinkommt und sich auf einen setzt. Aber ich bin bei diesem Thema gespalten, es kann schnell in eine Richtung gehen, die nicht mehr gesund ist.

Im Kontext jener fröhlichen Folklore wirkt das Düstere in eurer Musik direkt subversiv.
M: Vielleicht schon. Aber ich wehre mich dagegen, dass unsere Musik nur düster sein soll. Manchmal ist sie auch grotesk oder humorvoll. Ich will einer grossen Palette an Emotionen darin Raum geben.

Menetekel hat schon erzählt, was er im Moment gerade hört. Was läuft bei dir, Vâlant?
V: Viel, was kein Metal ist. Am Montag höre ich mir ab und zu den Zen-Funk von Nik Bärtsch im Zürcher Exil an, da waren Menetekel und ich auch schon gemeinsam. Heute habe ich wieder einmal Moondog gehört, den «Viking von der 6th Avenue». Unglaublich gute Musik und ein unglaublicher Typ!
M: Der hat ja auch mit Stefan Eicher zusammen das Guggisberglied gespielt. Das ist sogar die erste Version, die ich von dem Lied gehört habe. Eines der schönsten Schweizer Volkslieder überhaupt!