«Das ist halt,
was beim Jam passiert»

, 29.12.2016

Khaldera haben im Herbst mit Alteration eine Konzept-EP veröffentlicht, die einen Zyklus von Entstehen, Veränderung und Vergehen erzählt – ohne Gesang. Die drei Kernmitglieder über kollektives Songwriting und Songtitel bei Instrumentalmusik.

_mg_0110Khaldera im Gaswerk Winterthur, während der «Alpine Coalition»-Tour 2016

Die Aargauer Band Khaldera klingt überhaupt nicht nach dem Aargau. Post-Metal zwischen Kühltürmen, Logistikparks und apokalyptischen Mülldeponien stellt man sich schroff und kalt vor. Bei Khaldera trifft kaum etwas davon zu. Ihre detailliert arrangierten Instrumentalstücke fliessen sanft und laden zur Versenkung ein, auch dort wo riesenhafte Americana-Riffs in ihrem Zentrum stehen. Auf ihrer zweiten EP Alteration zeigen sich Khaldera experimenteller und psychedelischer als auf Relief und schüren mit dieser Entwicklung die Erwartungen für ein Debütalbum.

Alpkvlt: Eure Musik ist sehr feingliedrig und sorgfältig arrangiert. Wie schreibt ihr Songs?
Fabio Costa: Wir jammen. Die Ideen, die uns dabei kommen, etwa ein gutes Riff, entwickeln wir weiter. Irgendwann entsteht ein Part daraus, und so weiter.

Jonas Mechtersheimer: Es ist ein Zusammenfügen von Teilen, die man sich beim Jam erspielt. Die weitere Arbeit besteht im Arrangieren dieser Parts zu Songs. Dabei liegt die Herausforderung besonders darin, fliessende Übergänge hinzubekommen

Eure EPs Relief und Alteration sind so entstanden. Wollt ihr auch in Zukunft Jam-basierte Musik machen?
Fabio: Ich denke schon, dass diese freie Art zu musizieren für uns natürlich ist. Eine Freiheit, die sich auch ergibt, weil uns mit dem Gesang ein Strukturelement fehlt.

Müssen die Songtitel umso prägnanter sein, wenn kein Inhalt über Lyrics transportiert werden kann?
Fabio: Die Titel sind die kleine lyrische Komponente, die dir noch bleibt. Deshalb wird schon vieles daran festgemacht, denke ich. Sie sollten auf jeden Fall sitzen.

Wann sitzt ein Songtitel?
Jonas: Wir überlegen uns schon etwas dabei, die Songtitel sind nicht zufällig. Auf Alteration spiegeln sie das musikalische Konzept der EP wider. «Impending Tempest»: Heraufziehen, «The Inevitability of Transition»: Übergang, «Afterglow»: Abklingen.

Die Titel beschreiben also die Musik …
Jonas: Ja, das «Gefühl» der Songs. «Afterglow» etwa passte für uns gut zu diesem Gefühl des Runterkommens.

_mg_0093Fabio Costa (Drums), Sven Egloff (Gitarre) und Jonas Mechtersheimer (Bass) Es fehlt: Live-Gitarrist Simon Jameson

Wie würdet ihr die Verschiebungen in der Musik von Relief zu Alteration beschreiben? Auf der neuen EP habt ihr mehr mit Effekten gearbeitet.
Sven Egloff: Vor allem «Afterglow» ist zum Teil ein Experiment. Bei diesem Track haben wir auch im Hinblick auf ein kommendes Album etwas ausprobiert.

Jonas: «The Inevitability of Transition» funktioniert weniger über Repetition. Die Kontraste zwischen den Teilen sind stärker. Die Songs auf Relief  leben stärker von der Variation eines Hauptthemas.

Doch auch auf Alteration bezieht die Musik von Khaldera viel vom kontemplativen Charakter, der sich über Repetition einstellt.
Jonas: Das ist halt, was beim Jam passiert.

Fabio: Beim Improvisieren musst du dich an Elementen festhalten, sie wiederholen, um den anderen die Chance zu geben, darauf einzusteigen. Auch persönlich höre ich gerne Musik, in die man sich versenken kann.

Sven: Auch ich mag Bands, die nicht alle paar Sekunden das Riff oder das Tempo wechseln. Gerade live erlaubt das, eine Band zu erfassen, auch wenn man sie nicht kennt.

Hat, wer instrumentalen Post-Metal macht, eigentlich generell viel Russian Circles gehört?
Sven: Lustigerweise werden wir oft mit Russian Circles verglichen, obwohl zumindest ich deren Musik nicht kenne.

Fabio: Was Sven und mich sehr geflasht hat, war ein Konzert der Band Minsk im Jahr 2009 im Böröm Pöm Pöm in Oberentfelden. Die eigenwilligen Drums, die Atmosphäre und Sounddichte waren beeindruckend.

Relief  habt ihr ja bis auf Mix und Mastering in Eigenregie produziert und vertrieben. Wie kam es für Alteration zur Zusammenarbeit mit Czar of Cricekts?
Fabio: Wir kannten Fredy (Frederyk Rotter, Inhaber von Czar of Cricket, rop), seine Band Zatokrev und sein Label schon länger. Wir haben ihn einfach angeschrieben und ihm unsere Musik vorgespielt, worauf Fredy meinte, er könne sich gut vorstellen, eine EP zu veröffentlichen.

khaldera_alteration_coverDas von Fabio Costa gestaltete Artwork zu Alteration

Rund um Czar of Crickets und generell in Basel passiert ja derzeit einiges in Sachen Metal, ich denke etwa an die Releases von Schammasch oder Zeal And Ardor. Z&A werden zudem kommenden Frühling am «Czar Fest» zum ersten Mal auftreten.
Sven: Es macht ein gutes Label aus, dass die zentrale Figur über ein breites Netzwerk verfügt. Wir wussten, dass Fredy sehr aktiv ist, das war auch einer der Gründe, weshalb wir es bei Czar Of Crickets versucht haben. Auch wenn wir weiterhin eine starke DIY-Mentalität pflegen.

Waren Relief und Alteration auch Versuchslabors für ein Album?
Sven: Seit es Khaldera gibt, haben wir kontinuierlich Material arrangiert. Die EPs spiegeln nicht die Chronologie der Entstehung der Songs darauf. Wir haben noch viel Musik in der Pipeline. Die Quintessenz der beiden EPs wird sich auf dem Album niederschlagen.

Jonas: Es stehen die Gerüste von sechs bis sieben Songs, die noch gefüllt und geschliffen werden müssen.

Sven: Gerade produktionstechnisch dienten uns die EPs schon ein wenig als Versuchslabor für ein Album.

Habt ihr einen Fahrplan für die Veröffentlichung des Albums?
Fabio: Nein. Wir wollen aber möglichst bald an Alteration anschliessen. Idealerweise würden wir ab Mitte 2017 aufnehmen und das Album 2018 veröffentlichen. Erfahrungsgemäss kann der Prozess aber auch mehr Zeit in Anspruch nehmen.

2016 ist viel guter Metal aus der Schweiz gekommen. Habt ihr das mitverfolgt?
Jonas: Dazu kann ich nicht wirklich etwas sagen (lacht).

Sven: Durch das Produzieren von Alteration habe ich auch wieder mehr mitbekommen, was so geht. Zeal and Ardor bewegen zurzeit international ganz schön was.

Fabio: Ohne je aufgetreten zu sein – verrückt. Solche Durchbrüche kann man nicht planen. Auch Bands wie Bölzer und Schammasch scheinen derzeit einen Nerv zu treffen.