Das fidele Örgeln der Söhne Satans

, 14.08.2018

Full of Hell und Integrity geben sich für Grind- und Hardcoreverhältnisse düster und apokalyptisch. Die beiden Bands verbindet aber auch ihr Humor.

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Dwid Hellion von Integrity

Schliesst man vom Namen auf das Temperament, dann scheinen Full of Hell und Integrity zunächst wenig mit Humor am Hut zu haben. Die einen klingen nach bösem Metalklischee, die anderen nach gusseisernem Politernst. Kürzlich im Zürcher Dynamo zeigte sich jedoch, dass unter Full of Hells vertracktem Intensitätsexzess und Integritys mit Solos verzierten Hardcorewalzen durchaus heiterer Subtext liegt. Die Zürcher DIY-Agentur Roadrage Booking hatte den Abend organisiert, vor Full of Hell und Integrity spielten Hierophant und Sworn Enemy.

Bei Full of Hell und Integrity kommt der Witz aber nicht etwa über Worte oder Hampelei auf die Bühne. Vielmehr treiben sie ein munteres Spiel mit Stilmitteln verschiedener Genres, modulieren sie oder stellen sie nebeneinander. Damit soll nicht gesagt sein, dass sich Full of Hell und Integrity musikalisch besonders ähnlich sind, im Gegenteil. Vielleicht, könnte man sagen, sind Full of Hells liebste Stilmittel: die Blossstellung – das Isolieren der Zutaten von extremem Metal und Grindcore – und die Übertreibung – der Intensität, der Aggressivität. Integrity erreichen den humorvollen Bruch eher durch das Spiel mit Kontrasten – zwischen melodischem Metal und brachialem Hardcore, zwischen den misanthropischen Lyrics und dem Party-Appeal ihrer Musik.

Der Song als Zuckung
Die Verknappung des Songs bis zum Mikrobisch-Komischen, wie sie Full of Hell oft betreiben, ist seit jeher eine Spezialität des Grindcore. Als paradigmatisch dafür kann das zweisekündige «You Suffer» von Napalm Death gelten, das bereits 1987 veröffentlicht wurde, als noch keines der Mitglieder von Full of Hell auf der Welt war. Ihren zwanzigminütigen Auftritt im Dynamo beendeten Full of Hell mit einer Zugabe, die eher eine letzte Zuckung war, nur unwesentlich länger als «You Suffer». Selbst eingefleischte Fans konnten wohl nicht mehr eingrenzen, was für ein Stück das hätte gewesen sein können. Vielleicht «Collateral Damage» von der im Mai erschienen Split mit Intensive Care (vier Sekunden Spielzeit), übrigens ein Cover eines Songs der Band Brutal Truth. Doch es ging bei dieser Zugabe gerade nicht darum, einen Song zu spielen, sondern um etwas, was sich der Logik und Struktur eines Songs entzieht: ein Moment reiner Intensität, so kurz, dass ihn niemand einbinden kann in einen sinnvollen Ablauf.

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Schreien als Explosion: Full of Hell-Sänger Dylan Walker

Genau das ist typisch für den Umgang von Full of Hell mit stilistischen Mitteln. Ob sie einen Grindblast ans Limit treiben, mit einem Death-Metal-Riff die Geschwindigkeit drosseln, sodass es fast ins Midtempo fällt, oder Dylan Walker seiner Synthesizer-Apparatur einen Noise-Drone ganz ohne Rhythmus entlockt und mit explosionsartigen, bestialischen Schreien durchsticht: Voneinander genommen und aus dem für Metal typischen disziplinierten Parallelspiel herausgelöst werden die einzelnen Elemente der Musik und der Wahnsinn, den sie birgt, nackt sichtbar. Wenn Full of Hell um eine Ecke biegen, dann verbirgt sich dahinter keine sinnvolle Weiterführung eines Wegs, sondern ein freier Fall in eine andere Welt. Witzig ist das auch darum, weil man sich fragen kann: Nehmen die überhaupt noch einen dieser Stile ernst? Allerdings scheint der Witz an diesem Abend im Dynamo nicht bei allen anzukommen, der grösste Teil des Publikums nutzt das Konzert für eine Rauchpause. Vielleicht spricht das für die subversive Kraft dieser Band.

Hardcorewalzen und Hardrocksolos
Im Vergleich dazu hat die Musik von Integrity fast etwas Hölzernes. Erst brettern sie einige Minuten lang metallische Hardocre-Riffs aneinander, bevor die beiden Gitarren in einen zweistimmigen Lead einbiegen, der aus den tiefsten 80er Jahren gefischt zu sein scheint – wie bei Iron Maiden, nur ganz ohne triumphalen Tonfall. Das ist nicht nur witzig, weil es Genregrenzen unterwandert und blossstellt, sondern weil einem dabei immer wieder der Verdacht einholt, dass dahinter vielleicht auch nur schlechter Geschmack stehen könnte. Und dann erst diese diversen Hardrock-Solos!

Auf jeden Fall sind Integrity auf erfreuliche Weise irritierend. Es ist ja nicht so, als wäre diese Band als Spasstruppe oder Parodie gedacht. Ähnlich vieler Black-Metal-Bands vertritt vor allem Sänger Dwid Hellion eine apokalyptische Religiosität. Hellion ist wie besessen von kulturellen Sumpfblüten, studiert heidnische Riten oder veröffentlicht Musik von Serienmörder Charles Manson. In Interviews vergleicht er zudem die Menschheit und ihr Treiben auf dem Planeten gerne mit einer Seuche und sehnt sich nach ihrem Ende.

Der im Hardcore verbreitete Straight-Edge-Gedanke hat sich immer wieder als anschlussfähig für religiöses Gedankengut erwiesen und war anfangs auch für Integrity wichtig. Inzwischen haben sie ihn ins Okkulte gedreht, bis er sich mit dem düsteren Puritanismus des Black Metal traf. Doch klingt das bei ihnen dann eben ganz anders. Zur diesjährigen Split mit Krieg, die räudigen Black Metal alter Schule spielen, tragen Integrity einen Song namens «Sons of Satan» bei, zu hören auch beim Konzert im Dynamo. Dieser besteht vor allem aus einem unzählige Male wiederholten Refrain zum Mitgrölen und Herumhopsen. Wenn man sich vorstellt, gegen was Mayhems Euronymous mit seinem Slogan «no fun, no core, no mosh, no trends» schiessen wollte, dann stellt man sich so etwas wie diesen Integrity-Song vor. Und die meinen das wohl auch noch völlig ernst.

Der Hass beisst sich in den Schwanz
Glaubt man zumindest, bis Hellion gegen Ende des Konzerts plötzlich eine Mundharmonika zückt und zwischen Twinlead und Breakdown ein paar fidele Figuren örgelt. Und überhaupt: So richtig gehasst, wie es Lyrics und Interviews nahelegen könnten, kommt man sich bei Integrity im Publikum nicht vor. Da sind die Vibes, die unter den Bandanas und Basecaps der Musiker hervorströmen, dann doch zu sonnig. «Humanity is the devil» heisst ein Slogan, der auf manchen Integrity-T-Shirts zu lesen ist. Als Ausdruck von Menschenverachtung beisst sich die Teufelsanbetung da irgendwie in den eigenen Schwanz.