Das Basler Metal-Rhizom

Seit zehn Jahren organisiert das Veranstaltungs-Kollektiv «Deep Drone» stilsichere Underground-Konzerte in Basel. Und am 24. Juni zum ersten Mal ein Openair. Jelena und Luca, Mitglieder des Kollektivs, erzählen von ihren DIY-Idealen, von schrägen Vögeln und wieso es nicht überraschend ist, dass eine Band wie Zeal and Ardor gerade aus Basel kommt.

Deep_Drone_CrewJelena (1.v.l.) und Luca (3.v.l.) mit «Deep Drone»-Mitgliedern auf dem Festivalgelände. Bild: zvg.

«Deep Drone» ist der Name eines Unterseeroboters, der von der US-Navy zur Bergung etwa von havarierten U-Booten verwendet wird. Mit dem gleichnamigen Veranstaltungs-Kollektiv aus Basel hat das Gerät zuerst einmal nichts zu tun. Der Name komme einzig vom Dröhnen in tiefen Tonlagen, erklärt Frederyk Rotter, ehemaliges Mitglied und Mitbegründer von «Deep Drone». Aber doch ist an der zufälligen Übereinstimmung etwas dran. Denn es hat schon etwas von einer Bergungsarbeit, wie das Kollektiv seit zehn Jahren wunderbare, schwere Sounds aus dem Untergrund auf zahlreiche Basler Bühnen hebt.

Generationenwechsel. Die 32-jährige Jelena und der 22-jährige Luca, zwei aktive Mitglieder von «Deep Drone», sitzen an einem Tisch im Restaurant «Hirscheneck», einem der wichtigsten Treffpunkte der alternativen Szene in Basel. Schon fünfzehn Mal war der Keller unter dem Restaurant Schauplatz für «Deep Drone»-Konzerte. Für Luca zeigt sich im «Hirscheneck» eine der grossen Stärken des musikalischen Untergrunds in Basel: seine Durchmischung von Szenen, seine Diversität. «Hier läuft alles von Techno über Metal bis hin zu polnischem Pop.» Ein weiterer solcher Ort ist die «Off Bar», wo auch Manuel Gagneux von Zeal and Ardor arbeitet. «Diese Diversität hatte auf Manuel sicher einen Einfluss», ist Luca überzeugt. «Ohne solche Orte würde es eine Band wie Zeal and Ardor kaum geben.»

Etwas Fieses
Auch die musikalischen Erkundungen von «Deep Drone» werden von diesem Geist getragen. Der grösste gemeinsame Nenner der Gruppe liegt im Bereich Stoner/Doom/Sludge, daneben ist die Gruppe stilistisch breit abgestützt. «Mir gefällt alles Mögliche, wenn es nicht 0815 ist», sagt Jelena. «Aber etwas ist mir bei einer Band wichtig, die ich buche: Sie sollte etwas Fieses haben.» Luca stimmt empathisch zu.

Zum zehnjährigen Jubiläum erfüllt sich das Kollektiv einen lange gehegten Traum: ein Openair. Stattfinden wird der gratis zugängliche «Deep Summer Drone» am 24. Juni auf dem Ex-Esso-Areal am Basler Rheinufer. Das Lineup gibt einen guten Einblick in die musikalische Welt des Kollektivs. Einer der Headliner sind Laster aus Holland, die einen kreativ-bizarren Black Metal spielen, den man sich auch auf dem kürzlich erschienen Debut «Ons Vrije Fatum» anhören sollte. Lambs aus Italien mischen Sludge Metal und Crust, die deutsche Band Space Invaders spielen bombastischen Psychedelic Rock.

Auch weil der Rockförderverein Basel (RFV Basel) zum Jubiläum 5000 Franken schenkte, war es dem Kollektiv wichtig, dass Basler Bands am Festival vertreten sind. Jelena hält die Post-Metal-Band Agent of Kaos für eine der am stärksten unterschätzten Bands aus Basel. Und das multistilistische Spektakel von Asbest, die erst dieses Jahr gegründet wurden, habe sie am Baseler Underground-Festival «Souterrain», das erstmals letzten März über die Bühne ging, «völlig weggehauen». Mit der Doom-Metal-Band Black Willows aus Lausanne ist eine weitere Schweizer Band dabei. Sogar eine Band aus Übersee wird am Rheinufer spielen: Adelaida aus Chile zeigen, dass Grunge durchaus auch heitere Musik sein kann.

Die Geschichte von «Deep Drone» beginnt mit einer Lücke: mit einem Mangel an Konzerten mit anspruchsvoller, harter Musik jenseits der Hochglanz-Metal-Szene. Einem Mangel auch an Konzerten, die sich alle leisten können, und von obskuren oder schrägen Bands. 2008 gründeten Frederyk (Zatokrev, Czar of Crickets), Rafaela Dieu (Zeal and Ardor) und Marco Grementieri (ex-Zatokrev, King Legba) das Konzertlabel «Deep Drone». Sie fingen klein an, mit zwei DJ-Sets mit all der Musik, die sie mochten, in Basel aber nie zu hören bekamen. Es wirkt nun wie eine Hommage an diese Zeit, dass Frederyk am «Deep Summer Drone» zwischen den Konzerten wieder hinter den Plattentellern stehen wird – als DJ Copkiller.

Das dritte «Deep Drone»-Konzert war tatsächlich ein Drone: Es spielte die kanadische Band Nadja. Damals war Jelena noch als Zuschauerin am Konzert, beim nächsten organisierte sie bereits mit. «Ich war damals viel in der ‹Villa Rosenau›, einem besetzten Haus in der Nähe des Flughafens, und organisierte dort schon regelmässig Konzerte», erzählt sie. «Also war es naheliegend, auch bei ‹Deep Drone› mitzumachen.» «Deep Drone» tritt man nicht bei, man gerät eher hinein.

Reingerutscht
So jedenfalls klingt auch die Geschichte von Luca. Es war wieder einmal Konzert in der «Villa», Luca im Publikum, Jelena hinter den Kulissen. «An dem Abend spielte eine ganz mühsame Band», erzählt Luca. «Die Musiker zertrümmerten das Equipment, kotzten auf Betten und wollten mit mehr Geld abhauen, als sie zugute hatten. Es hätte nicht mehr viel gebraucht und Jelena wäre ausgerastet, also habe ich sie spontan unterstützt.» Luca, der seit einem Jahr in der besetzten «Schwarzen Erle» ebenfalls Konzerte in Eigenregie organisiert hatte, stiess fliessend zu «Deep Drone».

Man kann diese offene, an den Rändern ausfransende Gruppe von Menschen, die in zehn Jahren insgesamt 61 «Deep Drone»-Veranstaltungen auf die Beine gestellt haben, nur als Kollektiv bezeichnen. Rund um ein kleines Kernteam sind zahlreiche Leute auf die eine oder andere Weise in dem losen Netzwerk engagiert. Nur um den Unterstützungsbeitrag des RFV Basel anzunehmen, ist das Kollektiv seit diesem Jahr in einem Verein organisiert.

Es basiert also vieles auf informellen Abmachungen und auch Freundschaften. Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen. Das hat Vor- und Nachteile. Es komme schon ab und zu vor, dass ganz schräge Sachen nicht gebucht werden können, weil jemand sein Veto einlegt, sagt Luca. Ein Beispiel dafür war die umstrittene Doom-Metal-Band Ramesses.

Uneinigkeiten gibt es im Kernteam vor allem bei einem Thema: Politik. Konkret bei der Frage, wo extremes Gedankengut in der Musik anfängt und wo es aufhört. Jelena, die musikalisch im Hardcore zuhause ist, fährt dabei eher eine harte Linie – «beim geringsten Zweifel wird eine Band nicht gebucht» – Luca, der viel Black Metal hört, stellt ästhetische Kriterien über die politische Einstellungen der MusikerInnen – «solange die niemanden anzünden, ist es ja ‹nur› Kunst». Ein Beispiel war Bölzer, die im Kollektiv kontrovers diskutiert wurden. Schliesslich spielte die Band ihr erstes Konzert in Basel am diesjährigen «Czar Fest».

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Doch die Vorteile von Arbeitsteilung und möglichst wenig Hierarchie liegen auf der Hand, wie Luca betont. «Wir können auf ein riesiges Netzwerk, auch aus MusikerInnen, zurückgreifen, in dem sehr viel Knowhow und Equipment vorhanden ist. Das ist für mich DIY: dass man für solche Dinge möglichst wenig Geld ausgibt, eben nicht wie ein Unternehmen funktioniert, sondern sich in der Gruppe ergänzt.» Das zeigt sich auch an den Ticketpreisen: Das Ticket für das teuerste «Deep Drone»-Konzert – Greenleaf in der «Erle» – kostete 17 Franken; üblich sind zehn bis fünfzehn.

Diese tiefen Eintrittspreise wären nicht möglich, wenn nicht viele der Konzerte in autonom verwalteten Räumen stattfinden würden. Orte wie die Kaserne, wo höhere Einnahmen nötig sind, um die Miete zu stemmen, kommen daher nicht infrage. «Ich will ein Konzert auch durchführen können, wenn nur zehn Nasen kommen», sagt Luca. Dafür ist die Infrastruktur etwas bescheidener. «Als Greenleaf in der ‹Erle› eintrafen und dieses ‹versiffte, vollgetagte Punker-Loch› sahen, waren sie schon zuerst skeptisch. Aber als sie den guten Sound hörten und der Raum so gestossen voll war, dass der Schweiss von der Decke tropfte, waren die Zweifel schnell verflogen.» Die belgische Vorband verliess das Konzert schliesslich mit einer Gage von tausend Franken und konnte sich damit die ganze Tour finanzieren.

Kaputte Projekte, schräge Vögel
Während die Aktivitäten von «Deep Drone» lange unter dem Radar des offiziellen Kulturbetriebs lagen, kommen mittlerweile auch Anfragen von grösseren Bands. «Wir wurden zum Beispiel schon angefragt, ob wir Eyehategod buchen wollen», sagt Jelena. «Wir finden die Band zwar alle toll, aber sie ist uns auch eine Nummer zu gross. Wir wollen unsere DIY-Prinzipien dafür nicht aufgeben.» Und Luca fügt an: «Ich finde es viel spannender, Bands zu buchen, die noch keinen Namen haben – kaputte Projekte, schräge Vögel.»

Noch vor einem Jahr war auch Manuel Gagneux einer dieser schrägen Vögel. Damals spielte er irgendwann in der Nacht, noch ohne Band im Rücken, ein Konzert in der «Erle» – das erste Mal, dass ein Publikum Zeal and Ardor live zu hören bekam. Das ist der Ort, an dem «Deep Drone» agiert: wo Dinge entstehen, wo Kultur lebt.