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Dakhma, Lykhaeon, Death. Void. Terror., Ungfell

div. Titel

Iron Bonehead, Eisenwald, Eigenproduktion

Gibt es einen zeitgenössischen Schweizer Black-Metal-Sound? Eine klangliche Klammer um miteinander verflochtene Bands, wie sie sich in den letzten Jahren etwa in der Szene Islands gebildet hat? Im Hinblick auf Strukturen, in denen Bands vielleicht zu ästhetischen Konstanten finden, ist in diesem Jahr das Zürcher «Helvetic Underground Committee» (H.U.C) besonders aufgefallen. 2018 drang so einiges aus der Katakombe irgendwo unter Wiedikon, in der viele der H.U.C.-Projekte proben und aufnehmen. Ein Streifzug entlang der Stationen dieses Jahres zeigt, wie Black Metal in diesem Land gerade klingt.

Los ging es im Frühling mit Ungfells vielgelobtem Myhten, Mären, Pestilenz. Das Album erschien auf dem deutschen Label Eisenwald, einem Garanten für Heterogenität und Qualität im erweiterten Black-Metal-Spektrum. Darauf haben Ungfell ihren auf Tôtbringære entwickelten Kosmos aus urigem Black Metal und Stoffen alter Sagen weiter ausgestaltet. Messerscharfe Melodien, giftiges Gekeife und folkige Intermezzi lassen eine knorrig-bösartige Atmosphäre entstehen, aus der sich hie und da auch eingängige Hits heraustrauen.

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Im Mai dann erschien bei Iron Bonehead das Album To the Great Monolith I von Death. Void. Terror. Dabei handelt es sich gemäss Selbstbeschreibung um das Resultat von sowas wie Jamsessions, so unpassend das auch klingen mag, wenn man sich diese Musik anhört. Es ist eine ganz andere Baustelle als Ungfell – keine Songs, nur strukturlose, dystopische Kälte. Gleichermassen verwehte wie aufgedrehte Gitarren erzeugen einen unmenschliches, harsches, undifferenziertes Rauschen, geisterhaft giebscht und ächzt der Gesang und poltert das Schlagzeug. Auch wenn die DNA dieses brutalen Noise auch Black Metal in sich trägt, bleibt da nichts von anheimelndem Grusel.

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Die letzten beiden Veröffentlichungen von Bands des H.U.C schlagen nochmals in eine andere Kerbe. Lykhaeon, Ur-Mitglieder des Commitee, haben im Juni die knapp halbstündige, aus zwei Songs bestehende EP Ominous Eradication Of Anguished Souls veröffentlicht. Darauf klingen Lykhaeon drei Jahre nach dem furiosen und rohen Debüt Tanz der Entleibten chaotischer: tiefe Gitarren, tiefe Growls, dämmernde Dissonanzen. Damit zeigt sich die Band auf der Höhe der Zeit, in der Black Metal im besten Fall viel von Death Metal bezieht, ohne seinen obskuren Zauber preiszugeben.

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Das an Mythen orientierte lyrische Konzept und die atmosphärischen Zwischenspiele von Dakhmas Hamkar Atonement folgen einem ähnlichen Ansatz wie Ungfell, auch wenn die Bands thematisch (hier wüste Geschichten aus dem Oberland, dort Texte über zoroastrische Gottheiten) und musikalisch wenig teilen. Dakhma zelebrieren auf ihrem Debütalbum eine bestialische Mischung aus Death und Black Metal mit polternden Drums, slayeresken Soli und verbogenen Riffs, die immer wieder an Bölzer erinnern. Eine gute Stunde geht es so in donnerndem Gerüttel der modrigen Gruft entgegen.

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Zurück zum Vergleich mit Island. Natürlich sind schon die sozio-geographischen Bedingungen der beiden Länder kaum vergleichbar. Was als isländische Szene gilt, ist ja im Wesentlichen die Szene der Hauptstadt Reykjavik, wo rund ein Drittel aller IsländerInnen lebt. In wechselnden Konstellationen spielen dort eine Handvoll Musiker in verschiedenen Projekten, Svartidauði, Misþyrming, Sinmara und Wormlust gehören zu den bekanntesten. Man hilft sich bei Aufnahmen, veranstaltet Festivals und Konzerte, fotografiert und schliesst sich zu einem Gebilde zwischen Kollektiv und Label (Vángandr) zusammen. Dass sich unter diesen Bedingungen ein gemeinsamer stilistischer und ästhetischer Rahmen ausgebildet hat, oft beschrieben als angelehnt an den «französischen» Sound der mittleren Nullerjahre von Bands wie Deathspell Omega, Anateus und Blut Aus Nord, erstaunt nicht.

In der Schweiz liegen die Dinge dezentraler, oder, gutschweizerisch, föderalistischer. Die höchste Dichte an Bands gibt es wenig überraschend in den Räumen Basel und Zürich. Die Leuchttürme heissen Schammasch und Bölzer, in jüngster Zeit ebenfalls verhältnismässig erfolgreich waren Tardigrada und Antiversum – und alle vier klingen exemplarisch unterschiedlich. Aus dem Umfeld des Winterthurer Labels Cruel Bones kommt immer wieder schöner Atmospheric Black Metal – von Forlet Sires etwa oder letztes Jahr von Euphrasia. Und in den Einöden von Bern, wenn es die gibt, sitzt Wintherr und macht Darkspace und Paysage d’Hiver. Auch in der Romandie gibt es aktive Zellen, etwa in Lausanne und Genf, wo so unterschiedliche Bands wie Borgne, Eggs of Gomorrh und Rorcal herkommen, oder in Sion, Basis des umtriebigen Multiinstrumentalisten Asknt Vortex (u.a. DSKNT).

Für den zeitgenössischen Schweizer Black Metal kann gelten, was für die 2018 dem H.U.C. entstiegenen sonischen Miasmen gilt: Das Gebräu blubbert buntschwarz.