Auf in die Schlacht!

, 21.03.2017

Conan riefen zur Hauerei und alle kamen. Zwischen den Mauern des Coq d’Or in Olten zeigte sich: Die «Caveman battle» schlagen alle gemeinsam gegen sich selbst. Die Waffe dazu: die primitive Doom-Metal-Urkraft der Band aus Liverpool.

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Eine meiner frühen Erinnerungen an Vulkane und antike Götter ist mit einem didaktischen Kinderbuch verbunden, das auf einer Doppelseite die Funktionsweise der feuerspeienden Berge erklärte. Es war eines dieser Aufklappbücher, die die Welt in papiernem 3-D erklärten und plastisch sichtbar machten. Unter der lavaüberströmten Flanke wurde auf dieser Doppelseite das Innenleben des Vulkans sichtbar: Magmakammern, Lavaadern und darunter driftende Erdschichten, die das flüssige Gestein erst in den Berg hineinpressten. Eine Klappe unten rechts klärte schliesslich über die Herkunft des Worts «Vulkan» auf: Da hockte im Feuer der Gott Vulcanus, Arm und Hammer zum Schlag auf den Amboss schwingend.

Nun, um die Wirkung von Metal zu beschreiben, sind die Kategorien Naturgewalt und antike Götter vielleicht abgedroschen. Doch was Conan-Drummer Rich Lewis hinter seinem von zwei riesigen Cymbals gekrönten Schlagzeug hier macht, ist nicht nur äusserlich mit dem Schmiedegott verwandt, sondern auch strukturell. Wie auch Vulcanus den kämpfenden Göttern im Erdinnern als eisenformender Schmied zuarbeitet, formt Lewis die Waffen der Kollegen Jon Davis und Chris Fielding: Er schlägt der manchmal bis zur Gestaltlosigkeit verzerrten Tiefenströmung aus Gitarre und Bass den Puls und schneidet sie so in Sinneinheiten von Melodie und Takt.

Anker in der Frequenzflut
Conan, benannt nach dem berühmten Fantasy-Wikinger, dröhnen so in perfektem parallelem Ensemblespiel einher, wie es der Musikwissenschaftler Dietmar Elflein in seiner Untersuchung «Schwermetallanalysen» als spezifisches Strukturmerkmal des Metal beschrieben hat. Fieldings Bass bläst Davis’ mahlende, vom Fuzz zerfranste Riffs fiebergross auf, Lewis‘ Hammerschläge ankern in der Frequenzflut. Ausserdem lassen Davis und Fielding ihre Stimmen ähnlich wie ihre Instrumente ineinanderfahren und interferieren. Das koboldartige Kreischen des Gitarristen und das dunkle Röhren des Bassisten vereinigen sich zu langgezogenen, vorsprachlich und –musikalisch anmutendem Kampfschreien.

In der Selbstbeschreibung als «Caveman Battle Doom» kommt zum Ausdruck, um was es bei Conan geht: die primitive Urgewalt des Metal. Diese vermitteln Conan als intensive körperliche Erfahrung von Schall, der vom ersten synchronen Anschlag der Instrumente an den Raum anfüllt. Für die Objektivierung der Musik und des eigenen Geniessens bleibt dabei kaum Zeit, man ist ganz mimetisches Subjekt: unterworfen und ekstatisch, tanzend, schreiend, lachend.

Angriff auf die Trägheit der Masse
Lachend auch, weil Conans Haudrauf-Eindimensionalität nicht ohne Humor ist. Wenn man weiss, dass Jon Davis über der beinahe lächerlichen Heavyness der Musik gerade übers Riesen Töten und Unterwasserkämpfe mit Einhörnern singt, wirkt das so hyperbolisch, dass man von Zeit zu Zeit einfach lachen will. Etwa dann, wenn – und ein solcher Moment kommt in vielen Conan-Songs – die Band nach einigen Takten extremer Verlangsamung in schweren Galopp ausbricht und die wie in Trance wiegende Publikumsmasse wieder in nach allen Seiten zuckende Einzelne zerstäubt.

Conan machen sich die Materialität des Tons zunutze und setzen ihn als Waffe ein, in einer Weise, wie das auch Drone-Bands tun. In der Wah-Wah-Waschküche aus drehenden Riffs und alles beben machendem Schall lösen sich die Koordinaten des Konzertraums auf. Die Musik scheint nicht mehr von der Band auf der Bühne als eindeutig identifizierbarer Quelle zu kommen, sondern ist überall in Raum und Körper, durchdringend und total. Man kann diese Erfahrung vielleicht auch so beschreiben: Weil der eigene vibrierende Körper die Musik gleichsam hervorzubringen scheint, verliert sich die Differenz zwischen Band und Publikum in einem klaustrophobischen Rausch.

Es zeigt sich: «Caveman Battle Doom» ist neben einem lyrischen auch ein performatives Konzept. Die Schlacht der Höhlenmenschen tobt hier im Keller des Coq d’Or, dieser perfekten Höhle, und ist eine von Band und Publikum gemeinsam geführte Attacke auf die Trägheit der Masse. Kein Entrinnen.