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Svarta

Lethargie

Eigenproduktion 2016

Auf ihrem dritten Album gelingt den Österreichern Svarta der Spagat zwischen Abgrund und Lehnstuhl. Lethargie leuchtet in die dunkelsten Winkel einer ringenden Seele und bringt schonungslos ans Tageslicht, was sich dort an Unaussprechlichem abspielt. Doch am Ende der Leidensgeschichte wartet so etwas wie Versöhnung mit dem Leben. Eine Tendenz, die sich auch in der Musik spiegelt, denn Svarta reichern ihren Black Metal mit reichlich verträumtem Post Rock an. Nicht, dass man jetzt Erhebendes wie von Deafheaven oder Winterfylleth erwartet. Die Katharsis führt hier über eine furchteinflössende inwendige Hölle: «Wir sind geborene Zerstörer/ und sei es nur an unsrem eig‘nen Leib», singt Nahtkra im Opener «Wahntraum», der nach dreizehn Minuten dunkelster Imagination nihilistisch schliesst: «Ins Nichts/ Aus dem ich kam.»

Verschiedene Bezüge zu Literatur und Film verleihen den Texten auf Lethargie Tiefe, in «Melancholie» etwa lächelt der Erzähler dem Weltuntergang entgegen – wie Justine in Lars von Triers Melancholia. «Les Jeux sont faits» referiert auf Jean-Paul Sartres gleichnamiges Jenseits-Stück und im gesprochenen Albumintro wird mit Mark Twains Satansgeschichte The Myterious Stranger der solipsistische Tiefton angeschlagen, der den Ich-Erzähler für den Rest des Albums durchzittert: «It is all a dream/ a grotesque and foolish dream/ nothing exists but you/ and you are but a thought.»

Der Gesang, der das selbstzerstörerische Narrativ verstörend verständlich artikuliert, ist eine der Attraktionen auf Lethargie. Das Spektrum der beiden Kunstkrächzer Nahtkra und Irleskan, beide auch Gitarristen, reicht von verängstigtem Wispern über wahnsinniges Schreien bis zu erstickendem Röcheln, eine Vielfalt, die den Gesangslinien erzählerische Qualität verleiht. Die Ästhetisierung des Leidens oszilliert zwischen Seelen-Gore und etwas subtileren poetischen Verhüllungen, wie in «Depraved», dem ersten englischsprachigen Stück der Bandgeschichte. Getragen wird die Nabelschau von harmonischem Black Metal gedrosselten Tempos, der neben genretypischen Stilmitteln wie Tremolo-Schauer und Blastbeats auch hellen Momenten viel Raum lässt. In «Wahntraum» etwa setzt plötzlich eine zart raspelnde Western-Gitarre ein, «Depraved» wird von einem halbakustischen Arpeggio eingeläutet, bevor es in emotionale Post-Rock-Flächen ausbricht, wie sie auch von Mono stammen könnten.

Insgesamt beweisen Svarta auf Lethargie viel Gespür für Harmoniebögen und griffiges Songwriting und schaffen eine Atmosphäre hinreissender Abgründigkeit. Die lichten Zwischentöne schaffen schliesslich Raum für das versöhnliche Ende. «Musst zuerst durch die Hölle/ Selbsthass leben», heisst es im letzten Song «Ausbruch» und schliesslich: «Den Zyklus zerbrechen/ Lernen, Freude aus sich zu schöpfen/ Lernen mit sich selbst zu leben». Die in Lyrics und Musik wirkende Bewegung von Negation und Versöhnung spiegelt auch das von Nahtkra gestaltete Artwork, das eine verschwommene Landschaft zeigt, in der eine schwarze Struktur von hellem Blau bedrängt wird.

Die einzige in die Produktion von Lethargie involvierte Person ausserhalb der Band war Victor Bullok, Gitarrist bei Tiptykon und Dark Fortress und Inhaber des Landshuter Woodshed-Studios. Er hat die düsteren Songs in transparenten Sound gepackt. Alle Instrumente treten profiliert hervor, wobei das vordergründige Schlagzeug an manchen Stellen etwas überdimensioniert wirkt, zumal Grim eigentlich einen sehr reduzierten Stil pflegt. Wie schon Am Scheideweg und Abgrundschreiben haben Svarta auch Lethargie ansonsten komplett in Eigenregie produziert, «um völlige Freiheit in künstlerischen Aspekten zu haben», wie Irleskan, auf Anfrage sagt. Die so gewahrte Souveränität wiegten die Schwierigkeiten auf, die aus der Promotion ohne Label im Rücken erwachsen können, so der Gitarrist und Sänger weiter, dabei hat er etwa Nachteile bei Bekanntmachung und Vermarktung im Blick.

So wirkt in Lethargie letztlich derselbe beruhigende Widerspruch, der dem Genre des Depressive Suicidal Black Metal, dem man Svarta mindestens textlich zurechnen muss, generell eignet: Es ist das Werk leidenschaftlicher Musiker, entbehrungsreich nach bestem DIY-Rezept produziert. Und das ist dann doch so etwas wie die Antithese zu Selbstnegation und Lethargie.