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Abbath

Abbath

Season of Mist 2016

Sie sind zu Ikonen der Metal-Geschichte geworden: die drei grimmig dreinblickenden Gestalten mit dem an Kiss erinnernden Corpsepaint auf den Covers von Immortal-Alben von Pure Holocaust bis zu Sons of Northern Darkness. Einer stand dabei immer etwas im Vordergrund: Olve Eikemo, besser bekannt als Abbath Doom Occulta oder schlicht Abbath. Auf dem Cover des gleichnamigen Debuts seiner neuen Band, die ebenfalls schlicht Abbath heisst, hat der nun zum unbestrittenen Bandleader aufgestiegene Black-Metal-Altmeister die gesamte Bildfläche für sich eingenommen. Der zur angriffigen Pose leicht nach vorne gesenkte Kopf mit den weissen Augen und dem schiefen Mund wirkt noch etwas grimmiger als auf früheren Abbildungen. Und irgendwie plastisch, ja geradzu fleischig. «Hear the roar of battle-horn / To War!», heisst es gleich im ersten Song, der mit den Geräuschen marschierender Soldaten eröffnet wird – eine Kampfansage. Die Botschaft ist klar: Abbath lebt und ist der unbestrittene Chef auf dem Platz.

Obwohl Abbath den Rechtsstreit um den Namen «Immortal» verloren und die Band im März letzten Jahres im Streit verlassen hat, hält er sich für deren rechtmässigen Erben. Mit einer PR-Offensive, zahlreichen Konzerten und einem ambitionierten Album – die verbliebenen Immortal-Mitglieder werfen ihm vor, Teile des Materials von Immortal gestohlen zu haben – versucht Abbath seinen Anspruch auf dieses Erbe nun unter seinem eigenen Namen zu sichern. Daher ist es auch nicht überraschend, dass diese Band in Sachen Ikonographie und Stil nicht massgeblich von Immortal abweicht.

Wenn man sich das Album anhört, wird sofort klar: Grundsätzlich kriegt Abbath, ein eigenwilliger Gitarrist und einer der markantesten Black-Metal-Sänger, den Immortal-Sound auch alleine hin. Das Album schliesst musikalisch nahtlos an die späten Alben der Band an, vielleicht noch stärker an Between Two Worlds, dem bisher einzigen Werk der Supergroup I, in der neben Abbath auch sein jetziger Bassist King (ex-Gorgoroth) mitgewirkt hat. Diese Musik ist gross, braucht Raum, am besten gleich ein Stadion. Stadion-Black-Metal – das beschreibt die triumphalen Hymnen von Abbath wohl am besten.

Obwohl das grandiose At the Heart of Winter (1999) einen Bruch innerhalb der Immortal-Diskographie hin zu einem thrashigeren, aufwendiger produzierten Sound darstellte, bestand eine klare Kontinuität im Werk der Band: Immortal waren die heimliche Pop-Truppe innerhalb der frühen norwegischen Black-Metal-Szene. Auch wenn ein Album wie Pure Holocaust zum schmalsten Kanon der Black-Metal-Orthodoxie gezählt wird, schimmern durch den Nebel der grottigen Produktion dieses Albums auch der Wunsch nach gradlinigen, eingängigen Metal-Songs. Ihnen fehlte die finstere Aggression von Mayhem, der puristische Minimalismus von Darkthrone, die abgründige Verzweiflung von Burzum oder die folkige Opulenz von Satyricon. Ihre Songs waren eingängiger, erbaulicher als die ihrer Genossen, und ihr visueller Auftritt wohl nicht nur unbewusst ironisch. Noch in viel stärkerem Mass als bei anderen Bands aus dieser Zeit war ein Pressefoto von Immortal immer auch eine Parodie auf den Black-Metal-Zirkus. Und natürlich kommt Blashyrkh, das frostige Fantasy-Reich, von dem die meisten Immortal-Songs handeln, ohne Satan aus.

Diese ironische Qualität der Band hatte viel mit Abbaths Entertainer-Qualitäten zu tun. Und diese spielt er noch immer voll aus: die engen schwarzen Leggings, die Rüstung im Kostümverleih-Stil, die Stichflamme, die er manchmal aus seinem Mund speit – auf der Bühne ist das ein köstliches Schauspiel. Einen guten Kontrapunkt zum kauzigen Abbath setzt live auch der filigrane King, der elegant um den Frontmann herumtänzelt. Man stelle sich die Band als Zirkus vor: Abbath der Clown, King der Hochseilakrobat.

Das tolle Liveerlebnis wird auch von einigen starken Songs des neuen Albums getragen. Das beste von ihnen ist vielleicht «Winter Bane». Der Song biegt nach einer stürmischen Strophe in ein wunderbar mitreissendes Riff im Refrain ein und schliesst mit einem auf ganze zwei Minuten ausgedehnten Outro – inklusive akustischer Gitarre, einem schönen Midtempo-Riff (eine von Abbaths Stärken!) und einem Bass-Solo. Übrigens spielt nun auch Abbath mehr Solos; vielleicht auch, weil ihm jetzt im Gegensatz zu Immortal live eine zweite Gitarre den Rücken freihält.

Man findet viele hübsche Details auf diesem Album: Der keifend ausgestossene Refrain von «Ashes of the Damned» etwa wird von kurzen Bläser-Fanfaren begleitet. Oder das Judas-Priest-Cover «Riding on the Wind», bei dem sich Abbaths Stimme einem klassischen Heavy-Metal-Gesang annähert. Doch alles in allem kommt Abbath nicht an das durchgängig hohe Niveau von Immortal-Alben wie At the Heart of Winter, Sons of Northern Darkness und All Shall Fall heran, deren Sound es so gleicht. Dafür enthält es zu viele Momente, an die sich wohl schon bald niemand mehr erinnern wird.

Doch noch wichtiger: Mit dem Klang dieses Albums stimmt etwas nicht. Es ist, als würden diese Stadionhymnen in den engen Rillen einer Platte keinen Platz finden. Am besten hört man das an der aufdringlichen Bassdrum, die sich nicht in den Gesamtsound einfügen will und stattdessen etwas abseits vor sich hin stapft. Überhaupt dominiert das Schlagzeug neben Abbaths Stimme den Mix, die schönen Bassläufe werden teilweise etwas verschüttet. Eine Interpretation scheint schnell zur Hand: Diese Schlacht um das Erbe von Immortal will mit ordentlichem Wumms geschlagen sein.