Symphonisch, theatralisch, euphorisch
im Metal-Wunderland

Das Hellfest ist ein Volksfest des Heavy Metal: ohne musikalische Identität und durchzogen von schrillen Kontrasten. In der brütenden Hitze im französischen Clisson wurde der kalte, symphonische Black Metal von Emperor zum Triumph.

IMG_20170618_232006Emperor

Für eine Black-Metal-Band ist das Hellfest kein einfacher Ort. Im Delirium der brütenden Hitze und dem brillanten Soundsetting der Tonanlagen treffen hypnotischer Doom und knüppelharter Death oder Grind dagegen einen offensichtlichen Nerv. Sie bauen auf die rohe Kraft des Sounds, die im belämmernden Sonnentaumel das effektivere Mittel ist als ein atmosphärisch-filigranes Gesamtkunstwerk.

Trotzdem hat eine Black-Metal-Band sie fast alle überflügelt: Emperor. Die Norweger spielten ein Konzert von betörender Perfektion. Es hörte sich so an, als würden all die Abgründe der 90er Jahre in Norwegen noch einmal hochkochen, durch ein symphonisches Kaleidoskop jedoch zum Stadionrockformat potenziert. Eine bombastische, schwarze Oper, die trotz aller Transparenz im Klangbild und der technischen Finesse, mit der sie exekutiert wurde, opak und verworren blieb.

Man bekam dabei den Eindruck, als wäre die Musik von Emperor schon immer dazu bestimmt gewesen, sich in diesem Format zu entfalten. Emperor haben es als eine der wenigen Bands der ursprünglichen norwegischen Black-Metal-Szene geschafft (und gewollt), ihre musikalische Vision auf die ganz grossen Bühnen zu tragen. Das hat auch damit zu tun, dass Emperor nicht der nekrophilen Klangästhetik gehuldigt, sondern immer nach der ganz grossen Geste gegriffen haben.

Erinnerung an düstere Zeiten
Das zeigt sich wunderbar an Anthems to the Welkin at Dusk, ihrem grossartigen Rückkehrer-Album von 1997, welches die Band am diesjährigen Megafestival im französischen Clisson in voller Länge spielte. Sein keyboardlastiger Sound ist spektakulär symphonisch und garstig zugleich. Passagen mit klarem Gesang schwingen sich auf zu eingängigen Hooks – trotzdem bleibt das Werk scharf, chaotisch und dunkel. Wie bei der Studioaufnahme erinnert auch live ein überraschend roher Klang stets an die düsteren Zeiten, in denen diese Musik ihre Konturen erhielt.

Anthems ist fest mit der von Gewalt geprägten Geschichte jener Zeit verzahnt. Bevor das Album aufgenommen wurde, sass Gitarrist Samoth für 16 Monate im Gefängnis, weil er während der Aufnahmen zu Burzums Aske zusammen mit Varg Vikernes eine Kirche in Brand gesteckt hatte. Bassist Tchort und Drummer Faust, neben Sänger und Gitarrist Ihsahn die anderen Gründungsmitglieder von Emperor, hatten noch längere Haftstrafen abzusitzen und verliessen in der Folge jener Ereignisse die Band. Obwohl durch die Austritte schwer getroffen, schafften Emperor es noch einmal zu musikalischer Brillanz. Mit dem grossartigen «Ye Entrancemperium» enthält Anthems ausserdem eine Narbe jener Zeit: Sein hypnotisches Eröffnungsriff entstand unter dem Einfluss von Mayhems Euronymous, bevor er von Vikernes ermordet wurde.

Natürlich spielten diese Gruselgeschichten am Hellfest höchstens noch als auratischer Rest eine Rolle. Die Musiker wirkten abgeklärt und professionell. Mit Brille, nach hinten gegelten Haaren und unauffälligem T-Shirt würde man Sänger und Gitarrist Ihsahn eher für einen Informatiker als einen abgründigen Rockstar halten. Doch sein Gitarrenspiel war virtuos und seine Stimme fies wie auf der ersten EP von 1993. Emperor wurden vom Publikum warmherzig empfangen, ja gefeiert. Nachdem sie 2014 auf der Hauptbühne gespielt hatten, war ihr diesjähriges Konzert auf ausdrücklichen Wunsch der Fans nach mehr Intimität auf eine kleinere Bühne verlegt worden.

Overground
Wobei, intim ist an diesem Festival ja eigentlich gar nichts. Selbst die kleinste Bühne, die «War Zone», wo vor allem Punk- und Harcorebands spielen, hat eine stattliche Grösse. Das Hellfest ist das Gegenteil von Underground: Es ist ein Ort, wo Metal gross und effektvoll inszeniert wird: brillant abgemischt, mit auf grossen Bildschirmen übertragenen Close-ups einzelner Fingerregungen.

Folgerichtig verfügt das Hellfest auch über keine musikalische Identität; es ist ein Volksfest des Heavy Metal in beinahe allen seinen Ausprägungen von Oldschool bis zeitgenössisch-extrem. Tatsächlich taugt nicht einmal der Begriff «Heavy Metal», um etwa noch den Opa-Hard-Rock von Deep Purple oder Blue Öyster Cult (dem überzeugenden Auftritt von Aerosmith will man diesen Stempel ersparen) zu erfassen.

Diese Breite ist die Schwäche und Stärke des Festivals zugleich. Das Lineup ist einerseits ziemlich beliebig und vor Geschmacklosigkeiten nicht gefeit. Anderseits ist das Potenzial, wenn auch nicht für obskure Entdeckungen, so doch für ungewohnte Konfrontationen gross. Die überwältigende Vielfalt führt immer wieder zu schrillen, ungemein unterhaltsamen Kontrasten. Zum Beispiel diesem: Während an einem Ende des Geländes die finnische Funeral-Doom-Band Skepticism ihre von überzeichneter Ernsthaftigkeit und majestätischen Bässen getragene Düsterzeremonie abhielt, baten Steel Panther, die den bereits exzessiv hedonistischen Glam Metal noch parodistisch überholen wollen, am anderen Ende eine um die andere junge Frau aus dem Publikum auf die Hauptbühne, die sich dort wiederum bereitwillig die Brüste entblössten und freudig tanzten, während die Band mit «17 Girls in a Row» (ja, darin geht es um Sex) einen ihrer bei aller Ironie irritierend sexistischen Songs anstimmte. So ein Ensemble, denkt man sich, gibt es nur am Hellfest.

IMG_20170617_172042Sitzbeerdigung mit Skepticism

Man muss es ja nicht gleich so geschmacklos tun wie Steel Panther, doch noch viel mehr als sonst gilt an einem Festival von diesen Dimensionen: Wir spielen Theater! Auf und eben auch vor der Bühne. Einige der über 50’000 BesucherInnen bewegten sich in teilweise grotesken Fantasy-Kostüme zwischen den rostigen Metallkonstruktionen, aus denen die Infrastruktur abseits der Bühnen mehrheitlich gebaut ist. Zusammen mit dem vom ausgetrockneten Boden aufgewirbelten Sand und der durchgehend gleissenden Sonne erinnerten manche dieser Szenen an das postapokalyptische Setting aus den «Mad Max»-Filmen.

IMG_20170617_222432Abendstimmung mit rostiger Feuerstelle

Die Bands wiederum sind sehr unterschiedlich gut im Theaterspielen. Vielleicht die beste unter ihnen waren Ghoul aus Kalifornien. Die Band spielt einen fetzigen Death/Thrash/Grind, der live aber teilweise fast zur Nebensache wird: Auf der Bühne erscheinen eine ganze Reihe von skurrilen Figuren, die mit den Ghouls zusammen (verkörpert von den Bandmitgliedern) in der fiktiven rumänischen Stadt Creepsylvania leben. In den überdrehten Dialogen und Szenen fielen immer wieder Glanzmomente auf – wie etwa, als eine Figur, die den Punk symbolisieren sollte, von den Ghouls mit «ausschweifender Instrumentalmusik» vertrieben wurde. Dazu gab es, wie bei der Death/Grind-Band Exhumed am Tag zuvor, viel Kunstblut. Bei Letzteren illustrierte zusätzlich eine Motorsäge das Splatter-Thema der Band.

Anderen bereitete die Inszenierung mehr Mühe, allen voran Ghost Bath. Auch wenn der Band da und dort ein anständiges Riff gelang, traf sie ziemlich genau das, was manche mit «Hipster Black Metal» im beleidigenden Sinn meinen: ein Auftreten, das völlig aufgesetzt wirkt, bei gleichzeitiger Abwesenheit von musikalischer Kraft, die dieses Manko der Performance kompensieren könnte. Bei Ghost Bath entsteht die Lächerlichkeit durch den Graben, der sich zwischen den Musikern und der musikalischen Tradition, die sie sich angeeignet haben, auftut. Eine Band kann grundsätzlich nur dann authentisch wirken, so scheint es, wenn ihr Image von Ambivalenzen begleitet wird, es seine Konstruktionsprinzipien also nicht zu eindeutig preisgibt.

Wozu eigentlich Prophets of Rage?
Dasselbe Problem hatte der rein technisch gesehen durchwegs beeindruckende Auftritt der Crossover-Revoluzzer Prophets of Rage, einem Zusammenschluss von Musikern von Rage Against the Machine, Cypress Hill und Public Enemy. Die Gruppe spielte fast ausschliesslich die aufmüpfigen Hits jener Bands – aber wozu eigentlich?

B-Real von Cypress Hill wurde nicht müde, immer wieder den Namen der Gruppe zu wiederholen, und Chuck D von Public Enemy trug ein Prophets-of-Rage-Käppi. Auf dem chic gestalteten Banner, das an der Rückseite der Bühne angebracht war, prangte eine riesige, zur Protestgeste gereckte Faust. Man kam unweigerlich zum Schluss, dass die Mobilisierung der politischen Aura jener drei Bands, deren Songs noch immer auf zahlreichen Demos gespielt werden, vor allem auch Marketingzwecken dient. Dass Prophets of Rage ihren Retrotrip mit der Dringlichkeit des Anti-Trump-Hypes aufzuladen versuchen, macht ihn nicht relevanter.

Doch an der Politik lag es nicht. Zwar wirkt der von stroboskopisch projizierten Videosequenzen begleitete Industrial Metal von Ministry aufgrund der thematischen Fixierung auf die Bush-Ära mittlerweile etwas anachronistisch. Doch das Flimmern der Bilder und das Flickern der Synthesizer, die von maschinellen Beats und Al Jourgensens exzentrischem Gesang vorwärtsgetrieben werden, hat künstlerische Klasse. Die Coolness, mit der der Kubaner die Kakophonie aus instrumentalem und politischem Lärm dirigierte, hob den Auftritt von Ministry letztlich weit über das aufgewärmte Protest-Image von Prophets of Rage.

Euphorie aus der Telecaster
Das Gegenstück zum Theaterspektakel dieser Bands sind Baroness, deren Setup aus ein paar kleinen Verstärkern, bescheidenem Schlagzeug und Telecaster-Gitarren zwischen all den Schlagmaschinen und Boxentürmen beinahe wie ein Statement wirkt: Starke Songs wirken auch etwas leiser und ohne Technik-Bizeps! Doch es war nicht nur die bare Klasse ihrer Songs, die den Auftritt von Baroness zu einem der besten des Festivals machte, sondern die ansteckende, vor Lebensfreude sprühende Dynamik ihres Zusammenspiels. Viele Songs von Baroness führen durch teilweise verworrene Läufe und Riffs zu orgasmischen Höhepunkten mit einfach, aber umso effektvoller harmonierten Twin-Gitarren oder Gesangsstimmen. In der Euphorie, die sich in diesen Momenten vor und auf der Bühne entlädt, liegt ein wichtiger Teil der Magie dieser Band.

Kurz vor dem Hellfest gab es bei Baroness zudem einen entscheidenden personellen Wechsel: Die Band ersetzte den langjährigen Gitarristen Pete Adams durch Gina Gleason. Entscheidend darum, weil Gleason sowohl als zweite Gitarristin wie auch als Backgroundsängerin zusammen mit John Baizley nun quasi das Euphorie-Produktionszentrum von Baroness bildet. Gleasons versiertes Gitarrenspiel und die weibliche Stimme verleihen der Band erfrischende neue Impulse.

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Dødheimsgard

Baroness waren eine der heitersten Bands, die am Hellfest zu sehen waren. Doch es lag nicht an ihrer düsteren Aura, dass der Auftritt von Dødheimsgard zur Enttäuschung wurde. Das Konzert der norwegischen Black-Metal-Avantgardisten zeigte eben auch die Schwierigkeiten auf, mit denen besonders die verworrenen Spielarten des Black Metal an einem solchen Festival konfrontiert sind. Dødheimsgard sahen zwar grossartig aus, wie eine Horde psychedelisch entrückter Corpsepaint-Träger, denen sich der Wahnsinn in den Gesichtern festgesetzt hat. Doch leider vermochte der von Jazz und Industrial durchsetzte Sound der Norweger auf der für sie zu gross wirkenden Bühne nicht zu tragen. So standen die Kapriolen von Sänger Vicotnik etwas verloren zwischen den komplex verzahnten Schichten ihres Sounds. In einem dunklen Keller würde sich die Band bestimmt wohler fühlen. Genau da, wo Dødheimsgard scheiterten, reüssierte der symphonische Black Metal von Emperor: Er vermochte die verbliebene Aufmerksamkeit des von Hitze, Anstrengung und Reizüberflutung gebeutelten Bewusstseins in einem Sog zu bündeln, in dem eine intensive Musikerfahrung möglich wurde.

Mehr ist mehr
Der ziemlich schwarze und punkige Space Rock von Okkultokrati, der manchmal an den psychedelischen Black Metal von Oranssi Pazuzu erinnerte, war, obwohl ihr Auftritt ganz früh am Tag angesetzt worden war, ebenfalls ein Lehrstück in der Kunst, einen solchen Sog zu erzeugen. Ihren rumpligen, repetitiven Grooves könnte man auch im Halbschlaf folgen. Auf ähnliche Weise wirkten auch die endlos schweren Riffs von Electric Wizard, deren Sound immer grösser ist als die individuelle Performance ihrer Mitglieder. Ufomammut stellen in einem gewissen und eigentlich ganz wörtlichen Sinn im Vergleich zu Electric Wizard noch eine Zuspitzung dar: Immer wieder stachen giftige Bässe aus den rollenden Riffs heraus, als wollte die Band damit Brustkörbe knacken. Gesang und eigentliche Lieder sind bei Ufomammut selten, die Stimme ist oft zu einem blossen psychedelischen Fiepen verzerrt.

Aber all dieses Eintauchen und Sich-Treibenlassen wäre nicht halb so schön, wenn man zwischen jenen verpeilten nicht auch ein paar schlagkräftige Momente hätte erleben können. Zum Beispiel mit dem Haudrauf-Grind von Nails oder dem von Drummer Dave Lombardo motorisierten Punk-Thrash von Suicidal Tendencies. Heute sind sie die aufregendere Band als Slayer, Lombardos ehemaligen Bandkollegen, die ebenfalls am Hellfest spielten. Eine an Slayer erinnernde Wucht zeigten auch die wieder einmal grossartigen Coroner. Dazwischen geht ihr vertrackter Thrash aber auch immer wieder verworrene Umwege. Einzigartig war auch das Unbehagen, das der zerhackte Death der brasilianischen Band Krisiun auslöste. Dagegen wirkte der dynamische Death-Doom von Autopsy ganz elastisch.

Es sind diese Wechsel zwischen völlig verschiedenen ästhetischen Erfahrungen, die am Hellfest das Mehr eben mehr sein lassen. Und auf den langen Erkundungsspaziergängen dazwischen erblüht das Festivalgelände als das, was es eigentlich ist: ein riesiges Metal-Wunderland.